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Hochwald
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© Salzgeber & Co. Medien GmbH

Kritik: Hochwald (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

In ihrem aufsehenerregenden Regiedebüt erzählt Evi Romen nach eigenem Drehbuch die Geschichte eines Außenseiters in einem Südtiroler Bergdorf. Mit nüchternem Realismus und ohne Mitleid beobachtet sie, wie sich der junge queere Mario im Alltagsgrau an seinen Traum vom Tanzen klammert. Dann überlebt er einen Terroranschlag, bei dem sein Freund erschossen wird und rutscht noch tiefer in die Isolation. Wie er in seiner Not Wege einschlägt, die andere nicht verstehen und vielleicht nicht einmal er selbst, schildert die Südtirolerin Romen mit viel Sinn für Zwischentöne und scheinbar Ungereimtes. Gerade weil der Film darauf verzichtet, die Handlung mit erklärender Logik zu begradigen, vermag er zu berühren und zu überzeugen.

Warum spritzt sich Mario Rauschgift, worauf wartet er in diesem Dorf, in dem es so wenig für ihn gibt? Zeugte er bei dem Dreier, den Lenz und er mit Claudia hatten, das Kind, das sie nun von ihm fernhält? Die Ausgangslage des Helden ist undurchsichtig und seine Überlegungen bleiben es weiterhin. Mal setzt er seine silberweiße Lockenperücke auf und tanzt gelöst mit großer Disco-Geste, wie einst John Travolta. Dann wieder wirkt er unscheinbar als jemand, der im sozialen Gefüge des Dorfes ganz am Rande steht. Thomas Prenn spielt Mario beeindruckend als Charakter, in dessen wortkarge Empfindsamkeit sich ein trotziger Zug mischt. Seine Queerness, sein Interesse an Männern werden wie beiläufig gestreift, ganz so, als sei sich Mario nicht sicher, wem er sich im Dorf zeigen könnte.

Mit der Trauer um seinen erschossenen Freund beginnt für Mario die innere Abnabelung vom Dorf, in das er aus Rom zurückkatapultiert wurde. Das Dorf ist vereint in der Wut auf Muslime, weil ihre Religion auch die der Terroristen von Rom ist. Auch Mario formt die Hand zum fantasierten Schuss auf die Gläubigen, die den Koran am Bozener Bahnhof verteilen. Aber Nadim, seine Mitbewohner und der Imam stellen eine Männergemeinschaft dar, die Marios Wünschen mehr als alles entgegenkommt, was er im Dorf erlebt. Man nimmt sich seiner an.

Die Kamera verweigert den touristischen Blick auf Bozen und die ländliche Umgebung. Alles wirkt rau, oft ein bisschen schäbig und gar nicht anheimelnd. Wenn er allein in der Mehrzweckhalle tanzt oder mit der Perücke auf dem Kopf durch den Wald springt, flirtet Mario mit einer Freiheit, die viele Gesichter hat – Sehnsucht nach Liebe, nach der Ferne, nach dem Tod. Aber die Momente, in denen Mario tanzt, sind kurz. Auch in seiner Selbstbefreiung blüht er weniger auf, als dass er Abschied nimmt.

Fazit: In ihrem Regiedebüt erzählt Evi Romen das berührende Drama eines jungen Außenseiters in einem Südtiroler Bergdorf. Weder mit seinem Traum von einer Karriere als Tänzer, noch mit seinem Interesse für Männer passt der unsichere Held in seine traditionelle Umgebung. Nach dem Tod seines Freundes probiert er trauernd Wege, die auf Unverständnis stoßen. Dieser Film beeindruckt, weil er die raue und widersprüchliche Realität nicht erklärend vereinfacht.










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