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Klassenkampf (2020)

Verleugnete Herkunft: experimenteller Dokumentarfilm über das Leben des Regisseurs Sobo Swobodnik, das viel mit Klassenzugehörigkeit zu tun hat.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5.0 / 5

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Sobo Swobodnik, 1966 auf der Schwäbischen Alb in eine katholische Arbeiterfamilie hineingeboren und in einem erzkonservativen Umfeld aufgewachsen, ging erst zum Zivildienst nach Regensburg und später nach Berlin, um sich den Künsten zu widmen. Seinen Eltern gefiel das überhaupt nicht, waren sie doch in erster Linie auf finanzielle Sicherheit bedacht. Inzwischen steht das Elternhaus leer und Swobodnik hat als Autor und Regisseur Karriere gemacht.

In seinem neuen Dokumentarfilm kehrt Swobodnik zu seinen Anfängen zurück. Er reist in sein Heimatdorf Oberriffingen, um herauszufinden, aus welcher Klasse er stammt und weshalb er sich dieser Klasse so wenig zugehörig fühlt. Dabei helfen ihm Wissenschaftler und Intellektuelle – von Professoren wie dem Bildungsforscher Klaus Klemm und dem Soziologen Michael Hartmann bis zu den französischen Autoren Didier Eribon und Annie Ernaux –, deren Schriften und Theorien im Film erwähnt werden.

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Filmkritikunterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse4 / 5

Beim Wort Klassenkampf mögen viele zusammenzucken, hört sich dieser Begriff als Thema für einen Dokumentarfilm doch dröge und theorielastig an. Sobo Swobodnik, der nicht nur als Regisseur, sondern auch als Roman- und Kinderbuchautor reüssierte, verpackt die Erkenntnisse zeitgenössischer Intellektueller jedoch so ansprechend, dass sein Film nicht zur einschläfernden Vorlesung verkommt, sondern zu einer unterhaltsamen Lehrstunde gerät.

Das gelingt Swobodnik auf zweierlei Art: durch einen persönlichen Bezug und eine ausgefallene Form. Der Regisseur nimmt sein eigenes Leben als Anschauungsunterricht, um Klassenzugehörigkeit, Klassenunterschiede und Klassenkämpfe aufzuzeigen. Und weil das mit ihm selbst im Bild viel zu langweilig wäre, verkörpert kurzerhand Schauspielerin Margarita Breitkreiz den Regisseur. Das ist nicht nur einfallsreich und irre komisch, sondern sieht auch ansehnlich aus, bringt Breitkreiz doch deutlich mehr Sex-Appeal auf die Leinwand als Swobodnik.

Der 1966 in der schwäbischen Provinz geborene Swobodnik belässt es aber nicht bei diesem kreativen Einsatz eines Alter Egos. Breitkreiz' Auftritte sind Legion. Mal ist sie mehrfach in ein und demselben Outfit im Bild zu sehen und unterhält sich mit sich selbst: Sobodnik on Sobodnik, quasi. Mal tritt sie in unterschiedlicher Aufmachung in Erscheinung, weil sie in die Rolle eines anderen schlüpft. Dann fragt Breitkreiz als Alter Ego von Swobodnik die Alter Egos von Wissenschaftlern oder Schriftstellern aus, die sie ebenfalls verkörpert. Zwischendurch gibt der Schauspieler Lars Rudolph zu tollen Schwarz-Weiß-Aufnahmen Theorien aus dem Off zum Besten.

Klingt kompliziert, ist aber ganz einfach und macht beim Zusehen richtig Spaß. Wer hätte gedacht, dass Theorien über den Klassenkampf so amüsant sein können? Am Ende hat das Kinopublikum nicht nur viel über das Leben Sobo Swobodniks, sondern auch über den Klassenkampf an sich und womöglich über sich selbst gelernt. Denn so wie dem Regisseur geht es in unserer Gesellschaft vielen. Viele sozialen Aufsteiger verleugnen die Klasse, aus der sie stammen und tun allen, die ihr weiterhin angehören, damit keinen Gefallen. Swobodniks Film versucht, dieses Verhaltensmuster zu durchbrechen. Der Anfang ist gemacht, ein hochgradig unterhaltsamer noch dazu.

Fazit: Klassenkampf mal anders: Sobo Swobodniks experimenteller Dokumentarfilm setzt sich theoretisch fundiert und formal verspielt mit Klassenzugehörigkeit und deren Verleugnung auseinander. Ein Film über die eigene Herkunft und den spät im Leben gefundenen Mut, zu ihr zu stehen. Ebenso aufschlussreich wie unterhaltsam verpackt.




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Land: Deutschland
Jahr: 2020
Genre: Dokumentation
Kinostart: 07.10.2021
Regie: Sobo Swobodnik
Verleih: Partisan Filmverleih

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