oder

Kritik: Zuhurs Töchter (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das Erste, was an diesem Film auffällt, ist die Zeit, die seit den Dreharbeiten vergangen ist. Der Ausgang, durch den die zwei Schwestern Lohan und Samar den Stuttgarter Hauptbahnhof vor Laurentia Genskes und Robin Humboldts Kamera verlassen, ist schon lange nicht mehr passierbar. Inzwischen versperren dort Absicherungen der Bauarbeiten für das riesige Bahnprojekt Stuttgart 21 den Weg. Und wenn sich die Schwestern kurz darauf in die Stuttgarter Klubszene stürzen und die Nacht unbeschwert durchtanzen, dann drängt sich unweigerlich die Frage auf, wie es diesen zweien, die nie lange stillstehen können, seit den Einschränkungen durch die Pandemie ergangen ist.

Man wünscht ihnen das Beste, denn am Ende von Genskes und Humboldts Dokumentarfilm sind einem die zwei Schwestern ans Herz gewachsen – mit all ihren Stärken und Schwächen. Das Regieduo, das bereits mit "Am Kölnberg" (2014) eine dokumentarische Langzeitbeobachtung vorgelegt hat, begleitet auch Lohan und Samar in einem beobachtenden Modus. Auf Erklärungen, einen Kommentar und extradiegetische Musik verzichten sie komplett. Die Zusammenhänge ergeben sich aus dem Gezeigten.

Gezeigt wird die Transition zweier Menschen, die biologisch als Männer geboren wurden und in Deutschland zu dem werden, was sie sind: (junge) Frauen. Dazu gehören auch all die negativen Seiten: irritierte Männerblicke, Beleidigungen auf offener Straße, das Ringen mit den eigenen Eltern, die ausgesprochen verständnisvoll sind, sich aber nur schwer mit dem Gedanken anfreunden können, dass aus ihren Söhnen Töchter werden.

Die zwei Protagonistinnen sind ein echter Glücksgriff, weil ihre Persönlichkeiten so schillernd sind. Lohan und Samar sind grundsympathisch, können aber auch echte Diven sein. Sie sind energiegeladen und lethargisch, lustig und nervtötend. Zwei echte Charaktere, die niemanden kaltlassen. Ihr Weg ist beeindruckend, ihre Geschichte bewegend. Ein Dokumentarfilm, der sowohl für das Schicksal Geflüchteter als auch für die Herausforderungen von Trans*personen sensibilisiert.

Fazit: "Zuhurs Töchter" ist ein bewegender Dokumentarfilm über die Transition zweier syrischer Schwestern. Das Regieduo Laurentia Genske und Robin Humboldt zeigt zwei grundsympathische Protagonistinnen mit all ihren Stärken und Schwächen und das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. Ein Dokumentarfilm, der sowohl für das Schicksal Geflüchteter als auch für die Herausforderungen von Trans*personen sensibilisiert.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.