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The Other Side of the River (2021)

Feministische Befreiungs-Doku, der es an Distanz und Kontextualisierung fehltKritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3.0 / 5

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Der Status von Syrien als "failed state" ist so bekannt wie ernüchternd, seit Jahren kommt das Land, immer noch unter Lenkung von Diktator Assad, nicht zur Ruhe, im fortwährenden Bürgerkrieg stehen einander verschiedenste Gruppierungen mit unterschiedlichen Interessen gegenüber. Der Nordosten des Landes ist inzwischen unter Kontrolle (und Selbstverwaltung) der kurdischen Minderheit, nachdem sich die Regierungstruppen zurückgezogen hatten und der IS von kurdischen Kämpfern vertrieben wurde. In dieser Gegend lebt auch die 19-jährige Hala, die Protagonistin des Films. Ihre Familie will sie mit einem unbekannten Mann verheiraten, sie weigert sich und flieht zu einer Polizeieinheit, die Frauen aufnimmt und ausbildet. Auch eine ihrer 10 Schwestern folgt ihr dorthin, entscheidet sich aber schließlich dazu, zu ihrer Familie zurück zu gehen und zu heiraten. Als auch eine weitere Schwester Halas verheiratet werden soll, greift diese zu drastischen Mitteln, die sie schließlich auch die Unterstützung ihrer Mitstreiterinnen in der Polizeieinheit kosten.

Filmkritikunterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse2 / 5

"The other side of the river" wird beschrieben als Film über die "feministische kurdische Frauenbewegung" und als Reflexion einer westlichen Feministin - der Regisseurin Antonia Kilian - über ihr eigenes Dasein. Die Proleme beginnen bereits hier und bei der Ausgangslage: Kilian war 2016 nach Syrien gereist, um die Frauen dort bei ihrem revolutionären Kampf zu unterstützen, durchaus ein Akt westlicher Anmaßung. Die Regisseurin reflektiert ihre Fehleinschätzung der Lage zumindest ansatzweise, trotzdem ist der ihrem Blick inhärente Eurozentrismus in den meisten Einstellungen spürbar: Die Vorgänge vor Ort werden stets durch die Linse "feministische Befreiung vom Patriarchat" betrachtet, dieser Logik untergeordnet und in das "westliche Weltbild" eingeordnet. So bleibt das gezeichnete Bild oft ungenau und unscharf, da es keinen Blick für die spezifischen kulturellen, historischen und politischen Gründe, Hintergründe und Bedingungen vor Ort hat.

Die blinden Flecken dieser cineastischen Wahrnehmung führen auch zu einem etwas einseitigen Bild. Gegen Ende kommen zwar die Eltern von Hala zu Wort, um ihre Sicht der Dinge darzulegen, man hätte sich aber gewünscht, dass auch ihre Schwestern, weitere Familienmitglieder und Freunde sprechen dürften. Oder andere Frauen aus der Gegend, die eine komplett andere Sicht auf die Dinge haben.

Die mangelnde Reflexion des Films und die fehlende Kontextualisierung zeigt sich auch an anderen Stellen: Hala und ihre Mitstreiterinnen werden in ihrer Polizeieinheit nicht nur im Umgang mit der Waffe geübt, sondern auch "erzogen" bzw. gebildet. Oder indoktriniert. Eine Lehrerin darf dort vor versammelter (Frauen)Klasse Dinge sagen wie "sexuelle Begierde führt die Menschheit in den Abgrund" oder "ignoriert eure Wünsche und Begierden, dann werden sie verschwinden". Hala und ihre Kolleginnen hören aufmerksam zu und nehmen diese Aussagen in sich auf, der Film lässt sie unkommentiert stehen. Inwiefern solche "Lehrsätze" mit feministischen Forderungen nach sexueller Selbstbestimmtheit und Freiheit vereinbar sind, müsste geklärt werden.

Zu einem späteren Zeitpunkt dankt Hala bei einem Fest zum internationalen Frauentag bei einer Rede vor Zuschauern dem "großen Führer" Abdullah Öcalan, bekanntlich Führer der von der EU und den USA als Terrororganisation eingestuften PKK. Auch das wird nicht kommentiert, eingeordnet oder hinterfragt, offenbart aber gewisse ideologische Probleme oder zumindest Fragezeichen aufseiten der kurdischen Kämpfer/innen, die, wenn schon nicht aufgelöst, zumindest angesprochen werden sollten.

Ästhetisch ist "The other side of the river" eher eindimensional, da die meisten Aufnahmen mit der Handkamera eingefangen wurden (was zugegebenermaßen in manchen Situationen wohl auch die einzige Möglichkeit war). Am interessantesten sind die Einstellungen, in denen die Protagonist/innen selbst zu Wort kommen dürfen und ihre Ansichten und Gefühle teilen können - egal, ob die nun in die Schablone der Filmemacherin passen, oder nicht. Man wünscht sich, der Film hätte sich mehr zurückgehalten mit der (impliziten) Kommentierung und Bewertung und seinen Inhalt nicht einer eigenen Agenda untergeordnet, die sich gegen Ende ohnehin in Fragezeichen auflöst. So wäre ein vielfältigeres und vor allem realitätsgetreueres Bild eines Krisengebietes und komplexen Konflikts entstanden, auf den die Welt immer wieder ihren Blick richten sollte.

Fazit: "The other side of the river" hätte es gut getan, mehr Abstand zu seinem Sujet zu gewinnen und mehr Augenmerk auf Recherche und Kontextualisierung zu legen. So bietet die Doku zwar einige interessante Blicke in ein Krisengebiet und dessen Menschen, ist aber insgesamt inhaltlich zu dünn, um einen befriedigenden Eindruck zu hinterlassen.




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Land: Deutschland, Finnland
Jahr: 2021
Genre: Dokumentarspiel
Länge: 92 Minuten
FSK: 12
Kinostart: 27.01.2022
Regie: Antonia Kilian
Verleih: JIP Film und Verleih

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