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Kritik: Ein Festtag (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Das romantische Drama der Regisseurin Eva Husson ("Bang Gang – Die Geschichte einer Jugend ohne Tabus") und der Drehbuchautorin Alice Birch ist in melancholische Nachdenklichkeit gehüllt. Mehrere Themen gehen in dieser Geschichte, die auf dem gleichnamigen Roman von Graham Swift basiert, eine eigenwillige Verbindung ein. Zum einen ist da die heimliche, leidenschaftliche Beziehung zwischen dem Dienstmädchen Jane und Paul, dem Sohn einer mit ihrer Herrschaft befreundeten Familie. Diese Liebe soll nun enden, denn Paul wird standesgemäß Emma, die Tochter einer dritten herrschaftlichen Familie in dieser englischen Provinz, heiraten.

Zum anderen handelt die nichtlineare, von zahlreichen Rückblenden durchzogene Erzählung von der Trauer dieser Familien über fünf Söhne, die im Ersten Weltkrieg starben. Außerdem geht es auch noch um das Wesen der literarischen Inspiration. In Jane reift nämlich eine Schriftstellerin heran, der sich der Film in kurzen Passagen aus späteren Jahren ebenfalls widmet. Als alte Frau (Glenda Jackson) erhält sie eine mit Medienrummel verbundene Auszeichnung, welche der Nobelpreis sein dürfte.

Jane ist im Jahr 1924 ein gutes Dienstmädchen, aufmerksam und zurückhaltend. Sie beobachtet und hört zu, dem einsamen Mr. Niven, dessen Frau vor Kummer kaum noch spricht. Colin Firth spielt den Hausherrn, der linkisch um ein Quäntchen Normalität nach dem Verlust seiner Kinder kämpft, sehr bewegend. Jane hört auch dem jungen Paul zu, vor und nach dem Sex. Auf Paul lastet ebenfalls Trauer, gepaart mit Erwartungen, einen vorgezeichneten Weg zu gehen. Der Film nimmt sich in der zentralen Passage des Treffens von Paul und Jane am Muttertag viel Zeit, um seinen nachdenklichen Worten und ihren Eindrücken und Eingebungen zu folgen.

Odessa Young spielt Jane als eine Frau, die ihrer Zeit innerlich voraus zu sein scheint. Die Aussichtslosigkeit ihrer Beziehung nimmt sie scheinbar ungerührt hin. Die Sexszenen sind schön anzuschauen, aber Janes Innenleben erweist sich als viel weniger offenherzig. Die vielen, sehr kurzen Sprünge zwischen den Zeiten erzeugen eine Unruhe, der die wunderbaren, verträumten Aufnahmen draußen auf dem Lande und in der Gediegenheit der Herrenhäuser widersprechen. So wirkt der Film nicht wie aus einem Guss und bleibt in seiner Aussage rätselhaft.

Fazit: Die Regisseurin Eva Husson verfilmt den gleichnamigen Roman von Graham Swift mit sinnlichen Aufnahmen einer leidenschaftlichen heimlichen Liebe in der englischen Provinz des Jahres 1924. Das Dienstmädchen Jane und Paul, der Sohn aus gutem Hause, müssen Abschied nehmen, weil er standesgemäß heiraten wird. Das Thema der Leidenschaft, die keine Zukunft hat, verknüpft der Film auf eigenwillige Weise mit der Trauer um Söhne, die im Krieg starben, und mit der Biografie einer Schriftstellerin. Die Schönheit der visuellen Gestaltung kann aufgrund häufiger Zeitsprünge nicht unbeschwert genossen werden und die Hauptperson Jane wirkt rätselhaft verschlossen in ihrer beobachtenden Distanz.




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