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Moleküle der Erinnerung - Venedig wie es niemand kennt (2020)

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Persönlicher Dokumentarfilm über Venedig, den Lockdown und eine Vater-Sohn-Beziehung.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4.0 / 5

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Der Filmemacher Andrea Segre hat stets einen Bogen um Venedig, die Heimatstadt seines verstorbenen Vaters Ulderico, gemacht. Ende Februar 2020 aber kommt er in die Lagunenstadt, um sich ihr filmisch anzunähern. Er will sich mit zwei Themen befassen, die Venedig chronisch zu schaffen machen, dem Tourismus und dem Hochwasser. Doch kaum hat Segre erste Interviews geführt, schlägt die Corona-Pandemie zu. Der Karneval ist abgesagt, die Museen und Kirchen werden geschlossen. Es gibt keine Touristen mehr in der Stadt, keine Gondeln auf den Kanälen, keine Kutter in der Lagune. Auf dem Markusplatz schließen die Cafés, bald steht er völlig menschenleer da.

Segre verbringt den Lockdown in der Stadt und filmt die ungewohnte, ja gespenstische Leere. Er setzt sich intensiv mit der Atmosphäre und der Besonderheit Venedigs auseinander, der Stadt, in der schon sein Vater in seiner Jugend Amateurfilme drehte. Wer war sein Vater, warum gelang es dem Sohn nicht, mit ihm ins Gespräch zu kommen? Segre spürt, wie er in Venedig dem Geist seines geliebten, fremden Vaters näherkommt.

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Filmkritikunterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse4 / 5

Als der Dokumentarfilmer Andrea Segre im Februar 2020 in Venedig zu drehen beginnt, interessiert er sich für zwei typische Problemfelder der Lagunenstadt, nämlich den Tourismus und das Hochwasser. Doch dann beginnt mit der Corona-Pandemie die Zeit der großen Leere. Segre filmt weiter. Er fragt sich, wie Venedig seinen früh verstorbenen Vater, der dort aufwuchs, geprägt hat, und lenkt seinen Blick nach innen. So entsteht eine tief berührende, sehr persönliche und doch auch von allgemeingültigen Erkenntnissen durchzogene Forschungsreise ins melancholisch-erhabene Venedig und in einen Ausnahmezustand, den niemand für möglich gehalten hatte.

Dieser Besuch Venedigs erweist sich als ein Abenteuer von geradezu gespenstischer Schönheit. Keine Touristengruppe verstellt den Blick auf die Häuserzeilen mit den prachtvollen Säulenfassaden, die sich im Wasser spiegeln. Kein Boots- und Schiffsverkehr verursacht Wellen in der Lagune. Die Stadt entfaltet ihre beinahe überirdischen Reize ungestört, aber eben auch für niemanden außer der Filmkamera. Das lässt sie noch verletzlicher als sonst erscheinen. Aber allein schon, dass sie als Zeugnis einer glorreichen Kulturgeschichte weiter existiert, beweist ihre Widerstandskraft. Segre fühlt sich zum Nachdenken über die besondere Balance angeregt, die Venedig im Verhältnis zur Natur und den Menschen benötigt. Die Einheimischen haben sich schon lange vor Corona ins Umland verabschiedet – zu hohe Mieten, zu viel Hochwasser. Wer geblieben ist, wie die junge Bootsfahrerin Elena, lebt vom Tourismus.

Segre montiert Familienfotos und zahlreiche Amateurfilmaufnahmen, die sein Vater in seiner Jugend machte, zwischen sein eigenes Material. Auch sein Vater wollte einst den Puls Venedigs filmisch erfühlen. Der Filmtitel spielt auf den Berufs des Vaters an, der sich als Naturwissenschaftler mit Molekülen befasste. Seine Herzkrankheit, sein Schweigen ließen ihn für den Sohn unnahbar wirken. Nun findet Segre in dieser unwirklichen Atmosphäre einen Zugang zu den eigenen, tief verborgenen Gefühlen. Er richtet einen bewegenden Monolog an den Vater, über die menschliche Verwundbarkeit und den Sinn des Lebens. Darin spiegeln sich auch Ängste, Beklemmungen und Traurigkeit, wie sie viele Menschen in der Pandemie kennengelernt haben. Diese staunende Stadtbesichtigung ist erfüllt von Schönheit, Sehnsucht und Liebe.

Fazit: Der berührende Dokumentarfilm von Andrea Segre bietet Streifzüge durch Venedig, wie sie Touristen nie selbst erleben werden. Denn der Regisseur geriet bei den Dreharbeiten Anfang 2020 unverhofft in die Menschenleere, welche die Corona-Pandemie der Lagunenstadt bescherte. In der Einsamkeit entfalten die prächtigen alten Gebäude und Häuserzeilen, die sich im stillen Wasser spiegeln, ihre Schönheit auf fast schmerzliche Weise. Der Zauber der Aufnahmen wird begleitet von einem nachdenklichen, sehnsüchtigen Monolog des Autors, der sich mit dem verstorbenen, in Venedig aufgewachsenen Vater auseinandersetzt.




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Land: Italien
Jahr: 2020
Genre: Dokumentation
Länge: 68 Minuten
Kinostart: 30.12.2021
Regie: Andrea Segre
Darsteller: Elena Almansi als Self, Maurizio Calligaro als Self, Gigi Divari als Self
Verleih: Film Kino Text

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