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Europe (2022)

Experiment aus Europa: in Deutschland produziertes und in Frankreich spielendes Drama um eine Algerierin und ihren Kampf mit den Behörden.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3.0 / 5

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Zohra Hamadi (Rhim Ibrir) lebt im französischen Städtchen Chatellerault nahe der Bushaltestelle "Europe". Nach dem Ende einer langen Krankengeschichte kann Zohra erstmals schmerzfrei gehen, genießt den Sommer und freut sich auf den anstehenden Urlaub. In ihrem Wohnblock leben all ihre Bekannten und Verwandten, die es nach Frankreich geschafft haben. Bald soll auch ihr Ehemann Hocine folgen, der in Algerien auf sein Visum wartet. Bis es so weit ist, will sie ihn zumindest in den Ferien besuchen. Doch dann wird Zohras Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert.

Statt mit ihrer Verwandtschaft in die alte Heimat zu reisen, bleibt Zohra in Chatellerault. Während das Viertel wie ausgestorben scheint, hütet Zohra daheimgebliebene Haustiere und sieht in den Wohnungen ihrer Nachbarn nach dem Rechten. Derweil stellt sie sich ein anderes, sorgenfreies Leben vor und überlegt sich, wie sie doch noch an eine Aufenthaltsgenehmigung gelangen könnte.

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Filmkritikunterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse3 / 5

"Europe" ist ein filmisches Experiment. Sein Regisseur spielt (nicht zum ersten Mal) mit unseren Sehgewohnheiten. Philip Scheffner, 1966 im saarländischen Homburg geboren und seit Mitte der 1990er-Jahre im Filmgeschäft tätig, kommt von der Videokunst und vom Dokumentarfilm. Das ist seinem ersten Spielfilm anzumerken. Wobei: Handelt es sich bei "Europe" überhaupt um einen Spielfilm? Im Presseheft steht dazu der schöne Satz, dass der Film "die Geschichte einer staatlich erzwungenen Fiktionalisierung" erzähle.

Staatlich erzwungen sind an dieser Fiktionalisierung die Lebensumstände der Hauptdarstellerin. Philip Scheffner und sein seit Jahren eingespieltes Team (zu dem unter anderem die Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Produzentin Merle Kröger zählt, mit der Scheffner eine eigene Produktionsfirma betreibt) lernten Rhim Ibrir bei den Dreharbeiten zu Scheffners vorigem Film "Havarie" (2016) kennen. Schon dieser Dokumentarfilm war eine Herausforderung, weil er dem Publikum 90 Minuten lang ein einziges Bild, das sich nur minimal veränderte, vor die Nase setzte. Eine der Stimmen, die dazu aus dem Off zu hören war, gehörte Rhim Ibrir. Große Teile des mit ihr für "Havarie" geführten Interviews fanden im fertigen Film jedoch keinen Platz. Man blieb in Kontakt, und die Idee zu einem neuen Film wuchs.

In "Europe" spielt Rhim Ibrir eine Version von sich selbst und ist doch eine andere, später sogar viele andere. Sie ist Zohra Hamadi, die in Europa bleiben möchte, vom französischen Staat jedoch keine Verlängerung ihrer Aufenthaltsgenehmigung erhält und dadurch auch dem Film abhandenkommt. Folgen wir Zohra im ersten Drittel des Films durch ihre Augen durch ihr kleines Viertel an der Bushaltestelle mit dem schönen Namen "Europe", ist sie nach dem Entzug ihrer Aufenthaltsgenehmigung schlagartig nicht mehr zu sehen. Ihre Figur verschwindet im filmischen Off, ihre Gegenüber reden ins Leere, bevor Zohra im letzten Filmdrittel wieder auftaucht und Scheffner den formalen Verfremdungseffekt umkehrt. Nun ist es Zohra, die ins filmische Off spricht und sich in die unterschiedlichsten Lebenslagen imaginiert. Dazwischen bewegt sie sich ganz allein wie durch eine Geisterstadt. Denn es ist Sommer, und alle sind im Urlaub.

Diese formale Spielerei ist mit das Stärkste an einem Werk, das inhaltlich und visuell mehr an einen Dokumentar- denn an einen Spielfilm erinnert. Die andere große Stärke ist die Präsenz der Hauptdarstellerin Rhim Ibrir, die – obwohl keine professionelle Schauspielerin – das Publikum mühelos für sich einnimmt.

Fazit: Auch der neue Film von Philip Scheffner ("Revision", "Havarie") fordert das Publikum heraus. "Europe" erzählt eine Migrationsgeschichte, die voll und ganz auf die Hauptfigur zugeschnitten ist, die dem Film jedoch abhandenkommt. Ein formales Experiment, das mehr durch seine Form und weniger durch den Inhalt überzeugt.




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Land: Deutschland
Jahr: 2022
Genre: Drama
Länge: 105 Minuten
Kinostart: 10.03.2022
Regie: Philip Scheffner
Darsteller: Rhim Ibrir, Thierry Cantin, Khadra Bekkouche
Verleih: Grandfilm

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