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Axiom (2022)

Spielfilm über einen jungen Mann, der ständig Lügengeschichten über sich erzählt.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3.5 / 5

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Julius (Moritz Treuenfels) arbeitet als Museumswärter. Seinen neuen Kollegen Erik (Thomas Schubert) lädt er spontan zu einem Segeltörn ein, den er mit Freunden geplant hat. Das Boot gehöre seinen Eltern, sagt er. Auf der Wanderung zum Hafen beginnt ein Streitgespräch über Religion und den Glauben. Denn Erik ist gläubig, im Gegensatz zu Julius’ Freunden. Julius findet, dass jeder an etwas glaubt, Werte hat, die die eigene Auffassung von Realität prägen. Bevor es aufs Boot geht, erleidet Julius einen epileptischen Anfall und wird in die Klinik gebracht. Der Segeltörn fällt ins Wasser – wie sich herausstellt, nicht zum ersten Mal. Die Freunde erfahren auch diesmal nicht, dass Julius’ Eltern gar kein Segelboot besitzen.

Julius hat eine neue Freundin, Marie (Ricarda Seifried). Sie studiert Operngesang und glaubt, dass Julius ein erfolgreicher Architekt ist, der gerade ein Botschaftsgebäude entwirft. Als das Paar bei einem Abendessen mit Maries Eltern und ihrem Gesangslehrer zusammensitzt, tischt ihnen Julius die Geschichte einer Kindheit mit drogenabhängigen Eltern auf. Im Club, den er mit Marie und ihren Freunden besucht, trifft er zufällig Erik, der sich als sein Kollege vorstellt. Wird Erik die Lüge mit Julius’ Architektenjob auffliegen lassen?

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Filmkritikunterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse4 / 5

Julius ist ein Alleinunterhalter, Hochstapler, Schwindler, ein notorischer Lügner. Man hat von solchen Charakteren gehört und von ihrem Charme. An ihm muss es liegen, dass beispielsweise immer wieder zahlreiche Frauen Heiratsschwindlern und Romance Scammern auf den Leim gehen. Der in Berlin lebende Regisseur und Drehbuchautor Jöns Jönsson ("Lamento") stellt einen zwanghaften Geschichtenerfinder in den Mittelpunkt seines Spielfilms, dem es nicht darum geht, reiche Frauen zu betrügen. Ihn scheint vielmehr auf Schritt und Tritt die schnöde Wirklichkeit zu langweilen. Julius braucht den Reiz der Gratwanderung zwischen Beeindrucken und Enttarntwerden. Was den Film aber so spannend macht, ist die Rätselhaftigkeit, die sich dieser Mann bewahrt.

Julius ist auch ein Produkt seiner Zeit, in der es leichter als jemals zuvor ist, sich auszuprobieren, neu zu erfinden, in sozialen Medien mit Wunschidentitäten zu spielen. Jönsson spricht davon, dass sich alle Menschen ans Prinzip "Fake it till you make it" hielten. Man wird, im oft ziemlich weiten Rahmen der Möglichkeiten, wer man sein will. Die Rolle des Julius ist mit Moritz Treuenfels hervorragend besetzt. Er sieht nicht nur attraktiv aus, sondern interpretiert den Charakter als interessante Mischung aus Unternehmungslust, Geselligkeit und aggressiver Unruhe. Es fragt sich, warum es jemand, der anderen womöglich sogar einen epileptischen Anfall vorgaukeln kann, der so beseelt von Fantasie und Fabulierlust ist, nicht längst weiter gebracht hat. Julius hätte die Schauspielschule besuchen oder ein ehrgeiziges Start-up gründen können. Aber sein Problem – falls es aus seiner Sicht überhaupt eines ist – besteht darin, dass er nie auf dem Boden der Realität aufschlagen möchte.

Julius’ Bedürfnis, zu verblüffen, führt auch dazu, dass er sich auf niemanden länger einlässt. Lieber zieht er mit Passanten zur nächsten Party, als dass er die Nacht im Gespräch mit seiner Freundin verbringt. Auch in seiner Umgebung gibt es aber Menschen, die flunkern können. Jönsson deutet da ein-zweimal an, dass auch Julius vielleicht ausgedachte Anekdoten aufgetischt bekommt. Das ist das Problem mit dem Bedürfnis des Menschen nach Geschichten und zugleich nach der Wahrheit: Man kann und möchte sich auch gerne vieles vorstellen, aber hinters Licht geführt zu werden macht misstrauisch.

Fazit: Der Hauptcharakter im Spielfilm des Regisseurs und Drehbuchautors Jöns Jönsson ist ein notorischer Lügner, der mit erfundenen oder ausgeliehenen Geschichten seine Umgebung beeindruckt. Indem er sich immer für jemanden ausgibt, der er nicht ist, spiegelt er auch den Zeitgeist, der das Spiel mit Identitäten und das Sich-Ausprobieren reizvoll findet. Moritz Treuenfels stellt den Schwindler als talentierten und charmanten Unterhalter dar, der zugleich von Unrast erfüllt ist. Was diese Figur aber wirklich denkt, wohin sie möchte, bleibt auf spannende Weise ein weitgehend ungelöstes Rätsel.




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Land: Deutschland
Jahr: 2022
Genre: Drama
Länge: 108 Minuten
Kinostart: 30.06.2022
Regie: Jöns Jönsson
Darsteller: Moritz von Treuenfels, Rolf Kanies, Ines Marie Westernströer
Verleih: Filmperlen

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