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One of These Days (2022)

Ausdauer und Ausbeutung: Drama des deutschen Regisseurs Bastian Günther über einen texanischen Wettbewerb, der aus dem Ruder läuft.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5
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Jedes Jahr organisiert die Verkäuferin Joan Dempsey (Carrie Preston) für das Autohaus, in dem sie arbeitet, werbewirksam einen Wettbewerb. In einer texanischen Kleinstadt treten 20 Glücksritter um den Gewinn eines nagelneuen Pick-up-Trucks gegeneinander an. Tagelang stehen sie im Rund um den Wagen. Wer als Letztes seine Hand vom Auto nimmt, darf es behalten. Auch der junge Familienvater Kyle Parson (Joe Cole) versucht sein Glück. Während seine Frau Maria (Callie Hernandez) den Wettbewerb nicht so wichtig nimmt, will Kyle unbedingt gewinnen und stößt dabei an seine Grenzen.

Die Konkurrenz ist groß und hart. Der Ex-Soldat Derek (Evan Henderson) schüchtert Kyle vom Start weg ein. Ronny (Sam Malone) glaubt, dass ihm die Hitze nichts anhaben könne und die gläubige Ruthie (Lynne Ashe) weiß den Allmächtigen auf ihrer Seite. Walter (Carl Palmer) nimmt nicht einmal während der kurzen und exakt getimten Pausen seine Hände vom Wagen, was seine Konkurrenten irritiert. Und dann ist da noch Kevin (Jesse C. Boyd), den keiner kennt und der etwas im Schilde führt.

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Filmkritikunterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse4 / 5

"Hands-on" ist ein Schlagwort aus der Arbeitswelt, das die Eigeninitiative und das pragmatische Zupacken eines Mitarbeiters beschreibt. In Bastian Günthers neuem Spielfilm ist es der Name eines Wettbewerbs, der europäischen Augen typisch amerikanisch vorkommen mag. Zwanzig Menschen legen ihre Hände auf einen Pick-up-Truck. Wer als Letztes loslässt, gewinnt den Wagen. Pragmatisch ist das nicht, eher idiotisch, weil jeder Teilnehmende die eigene Gesundheit dabei aufs Spiel setzt. Mit der Arbeitswelt hat es indessen viel zu tun.

Kyle Parson (Joe Cole) schuftet in einer Frittenbude, seiner Frau Maria (Callie Hernandez) geht es nicht viel besser. Während Kyle den Gestank von Fritteusenfett mit nach Hause bringt, riecht Maria jeden Abend nach Fisch. Die Schichten, die sie auf einer Fischfarm schiebt, bringen ähnlich wenig ein wie Kyles Aushilfsjob. Lukrativere Stellen sind nirgendwo in Aussicht. Das Geld für Windeln und Babynahrung ist knapp und Kyles Auto gibt ständig den Geist auf. Ohne mobilen Untersatz kommt man in Texas allerdings nicht weit, schlimmer noch, man macht sich gar verdächtig. Wer wie Kyle notgedrungen zu Fuß unterwegs ist, wird nicht nur schief angeschaut, sondern schon mal von der Polizei angehalten. Kleine Beobachtungen wie diese machen Bastian Günthers Film zu einer hervorragenden Sozialstudie – und lassen einen nachvollziehen, warum sich Kyle in den Wettbewerb so sehr hineinsteigert.

Bastian Günther, 1974 in Rheinland Pfalz geboren und mit einer Amerikanerin verheiratet, lebt in Berlin und in Austin, Texas. Sein Blick eines Außenstehenden ist mehr als nur der Blick eines Touristen und tut dem Film gut. Denn Günther hat mit "One of These Days" ein Drama gedreht, wie es im US-Kino immer seltener wird. Eine kleine Produktion, die auf die kleinen Leute blickt und dabei das Offensichtliche offenbart, das die, die es nicht anders gewohnt sind, vielleicht gar nicht (mehr) wahrnehmen. Weil Günther dieses Land aber nicht nur bereist, sondern dort auch lebt, nimmt er seine Figuren ernst. Der Regisseur und Drehbuchautor macht sich über die Pervertierung des amerikanischen Traums nicht lustig, sondern macht die Sorgen der Abgehängten sichtbar. Und ist dabei so authentisch, dass sein Film glatt eine Doku sein könnte.

Das Casting und die Kameraarbeit tragen einen Großteil dazu bei. Neben Carrie Preston ("True Blood", "The Good Wife"), die die Autoverkäuferin Joan Dempsey spielt, und Joe Cole ("Peaky Blinders"), der den verzweifelten Familienvater Kyle verkörpert, sind die übrigen Rollen fast ausnahmslos mit weniger bekannten, lokalen Darstellern besetzt. Wie austauschbare Hollywood-Schönheiten sehen sie nicht aus, sondern wie ganz normale Leute. Michael Kotschi, der bei Bastian Günthers Filmen seit dessen Abschlussfilm "Ende einer Strecke" (2005) an der Berliner Filmhochschule die Kamera führt, fängt das Geschehen zurückhaltend und in teils lange gehaltenen Einstellungen ein, die den Eindruck vermitteln, als sehe man dem echten Leben zu.

Günthers Drehbuch macht den großen Unterschied zu so vielen anderen Independent-Produktionen, die mit ihrem pseudodokumentarischen Stil langweilen. Zunächst passiert nicht viel. Der Regisseur scheint sein Publikum auf die Probe zu stellen. Die sich wiederholenden Bilder und Situationen vom Wettbewerb zehren nicht nur an den Nerven der Konkurrenten, sondern sind auch ein Ausdauertest fürs Kinopublikum. Dann bringt ein cleverer Twist Schwung in die Sache, bevor sich die lineare Handlung ganz auflöst.

Dass der Film auf einer wahren Begebenheit beruht, macht das Gezeigte nur noch tragischer. Er funktioniert aber auch ohne dieses Wissen. Denn die menschlichen Dramen, die sich hier abspielen, sind längst nicht mehr auf die USA beschränkt. Vergleichbare Wettbewerbe wie etwa das Pfahlsitzen gibt es auch bei uns. Und im Reality-TV geben Menschen in der Hoffnung, reich zu werden, allabendlich ihre Würde ab. Einzig die in "One of These Days" gezeigten Auswüchse haben wir noch nicht erreicht. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit.

Fazit: Regisseur und Drehbuchautor Bastian Günther blickt in seinem neuen Film mit kleinem Budget auf Menschen mit k(l)einem Budget. Anhand eines kuriosen Wettbewerbs entwirft Günther ein Sittengemälde einer Gesellschaft, in der die Verzweiflung der einen den anderen als Unterhaltung dient. Ein mitfühlendes Drama, das seine Figuren und deren Sorgen ernst nimmt und unserer eigenen Lebenswirklichkeit näher sein mag, als uns lieb ist.




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Land: USA, Deutschland
Jahr: 2022
Genre: Drama
Länge: 120 Minuten
Kinostart: 19.05.2022
Regie: Bastian Günther
Darsteller: Joe Cole als Kyle Parson, Devyn A. Tyler als Deandra, Carrie Preston als Joan Dempsey
Verleih: Weltkino Filmverleih

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