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Luzifer (2022)

Alpen-Albtraum: österreichisches Horrordrama über eine strenggläubige Mutter und ihren Sohn, die abgeschieden in den Bergen leben.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4.5 / 5

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Die strenggläubige Maria (Susanne Jensen) lebt mit ihrem Sohn Johannes (Franz Rogowski) zurückgezogen in einer Almhütte. Hoch oben in der Abgeschiedenheit der Alpen haben sie nur selten Kontakt zu anderen Menschen. Eine Tierärztin (Monika Hinterhuber), die nach den Milchkühen und nach Johannes' Greifvögeln sieht und ein Einsiedler (Theo Blaickner), der weiter unten am Berg wohnt und die zwei mit Benzin für ihren Stromgenerator versorgt, sind ihr einziger Kontakt zur Außenwelt.

Ihr Alltag besteht aus Gebeten und Ritualen. Johannes, der das Gemüt und den Verstand eines Kindes besitzt, folgt seiner Mutter blind. Als die Idylle gestört wird, hat das fatale Folgen. Der Tourismus kommt in die Berge. In der Nähe finden bereits erste Baumfällarbeiten statt. Mehrere Kaufangebote für die Almhütte und das Grundstück flattern ins Haus. Doch Maria will partout nicht verkaufen.

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Filmkritikunterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse4 / 5

Wer die Filmgeschichte kennt, glaubt, alles irgendwo schon einmal gesehen zu haben. Wirkliche Überraschungen sind selten. Peter Brunners vierter abendfüllender Spielfilm ist eine solche Ausnahmeerscheinung: ungestüm, unbehaglich, beunruhigend. Was umgehend die Frage aufwirft, warum das österreichische Allroundtalent (Regisseur, Drehbuchautor, Editor, Produzent, Komponist, Kameramann) nicht längst ein bekannterer Name in der Filmbranche ist. Eine mögliche Antwort: Abseits des Festivalzirkusses waren seine Filme bislang kaum zu sehen und das, obwohl sie diverse Preise erhielten und Brunner bereits international gedreht hat. Seinen zweiten englischsprachigen Film bereitet er gerade vor. "Luzifer" ist Brunners erster Film, der es in die deutschen Kinos schafft.

Der 1983 geborene Filmemacher hat an der Filmakademie Wien bei Michael Haneke ("Funny Games", "Caché" u. a.) studiert. Mit Ulrich Seidl ("Hundstage", "Import Export" u. a.) hat eine weitere Größe des unbequemen österreichischen Kinos seinen neuen Film produziert. Das Setting erinnert an einen weiteren Alpenhorror, Lukas Feigefelds "Hagazussa" (2017), der allerdings im Mittelalter spielt. Atmosphärisch surft Brunner auf einer internationalen Welle anspruchsvoller Horrorfilme, die durch die Werke von Ulrich Seidls Lebensgefährtin Veronika Franz und ihrem Co-Regisseur Severin Fiala ("Ich seh ich seh", "The Lodge") inzwischen auch nach Europa herübergeschwappt ist. In seiner Kombination aus Psychogramm und einem Horror, der sich nicht aus dem Unerklärlichen, sondern aus dem Sozialen ergibt, erinnert "Luzifer" am ehesten an die Filme von Brunners gleichaltriger deutscher Kollegin Katrin Gebbe ("Tore tanzt", 2013; "Pelikanblut", 2019), wenn man überhaupt Vergleiche ziehen möchte.

Denn Brunner schafft ein ganz eigenständiges Werk. Die Kombination aus überwältigendem Alpenpanorama, religiösem Wahn und Profitgier ist einzigartig. Allein schon das Bild des von Franz Rogowski gespielten Mannskinds, der einen Adler als Haustier hat, verströmt etwas Erhabenes und Verstörendes zugleich. Die von Kameramann Peter Flinckenberg eingefangene Natur ist so öd und karg wie die Figuren. Erdtöne dominieren. Die Berg- sind auch immer Seelenlandschaften. Tim Heckers sphärisch beängstigende Klänge liefern die passende Grundierung dazu.

In ihrer ersten Filmrolle liefert Susanne Jensen ein fulminantes Debüt. Die 1963 geborene Künstlerin, Autorin und Pastorin, die in ihrer Kindheit und Jugend sexuell missbraucht wurde und ihren Missbrauch in ihrem Werk verarbeitet hat, bringt sich mit Haut und kahlrasiertem Schädel in diesen Film ein. Sie geht bis zur Selbstaufgabe in ihrer Rolle auf. An ihrer Seite beweist Franz Rogowski ein weiteres Mal, dass er derzeit alles spielen kann.

Peter Brunner tut gut daran, die von ihm selbst verfasste Handlung nicht in die erwartbare Richtung zu lenken. Ein US-amerikanischer Genrefilm wäre spätestens ab der Mitte des Films in eine klassische Rachegeschichte abgebogen. Brunners Film endet hingegen unerwartet und umso bitterer.

Zu seiner Herangehensweise hat Brunner Folgendes gesagt: "In meinen Filmen wird Sozialrealismus mit poetischen Stilmitteln aufgebrochen, echte Menschen kollidieren mit fiktiven Figuren. Mein Ziel ist die Übersetzung eines inneren Zustands in pures Kino." Das ist ihm mit "Luzifer" auf beeindruckende Weise gelungen.

Fazit: "Luzifer" erzählt vom Glauben, von Wahn, von Natur und deren Zerstörung. Fulminant gespielt und bildgewaltig und atmosphärisch dicht in Szene gesetzt, ist Regisseur und Drehbuchautor Peter Brunner eine Kombination aus Familiendrama und Horror geglückt, die sich ins Gedächtnis brennt.




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Land: Österreich
Jahr: 2022
Genre: Drama, Horror
Länge: 103 Minuten
FSK: 16
Kinostart: 28.04.2022
Regie: Peter Brunner
Darsteller: Susanne Jensen als Maria, Franz Rogowski als Johannes, Theo Blaickner als Einsiedler
Verleih: Drop-Out Cinema eG

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