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Heinrich Vogeler - Aus dem Leben eines Träumers
Heinrich Vogeler - Aus dem Leben eines Träumers
© farbfilm verleih

Heinrich Vogeler - Aus dem Leben eines Träumers (2022)

Kunstvoller Mix: deutscher Dokumentarfilm über das Leben und Wirken eines Malers, in dem Dokumentarisches und Spielszenen vermischt werden.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3.0 / 5

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Johann Heinrich Vogeler (1872-1942) war ein vielseitig begabter Künstler, der sich im Verlauf seiner Karriere mehrfach neu erfand. Der in Bremen geborene Vogeler war Teil der Künstlerkolonie Worpswede, die Ende des 19. Jahrhunderts entstand. Auf dem dortigen Barkenhoff fertigte er Gemälde, Möbel, Geschirr und Tapeten im Jugendstil an. Seine sieben Jahre jüngere Frau Martha war seine Muse. In Worpswede verkehrte das Ehepaar mit befreundeten Künstlern wie dem Dichter Rainer Maria Rilke und den Malern Otto Modersohn und dessen späterer Frau Paula Becker, deren Malerei Vogeler förderte.

Durch den Ersten Weltkrieg, für den sich Vogeler freiwillig an die Front meldete, wo er als Nachrichtenoffizier eingesetzt wurde, änderte sich sein Blick. Er wurde zum Pazifisten und Gegner des Kaiserreichs und wandte sich dem Sozialismus zu. 1919 wandelte er den Barkenhoff in eine sozialistische Kommune um und siedelte 1931, nach mehreren zuvor getätigten Besuchen, schließlich endgültig nach Moskau über. Sein Stil wechselte über den Expressionismus zum Kubismus und Futurismus und letztlich zum Sozialistischen Realismus. Obwohl er sich in der Sowjetunion gegen Nazideutschland engagierte, wurde Vogeler nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion nach Kasachstan umgesiedelt, wo er 1942 starb.

Filmkritikunterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse4 / 5

Heinrich Vogeler? Sagt Ihnen nichts? Dann folgen an dieser Stelle ein paar Schlagworte, die in Marie Noëlles Dokumentarfilm fallen. Laut den im Film interviewten Experten und Nachfahren Heinrich Vogelers war der Maler ein "manischer Verschönerer", der – ging es nach seiner ersten Ehefrau Martha – alles veredelte, was er berührte. Ein "Märchenprinz des deutschen Jugendstils". Dass Vogeler weit weniger bekannt ist als seine Zeitgenossen, dürfte vor allem daran liegen, dass er nach dem Ende des Ersten Weltkriegs den Sozialismus für sich entdeckte und in die Sowjetunion ging. In Westdeutschland hatten solche Künstler bekanntlich keinen guten Ruf. Noëlle schickt sich mit ihrem Film an, das zu ändern.

Es ist nicht Noëlles erster Film über eine berühmte Persönlichkeit. Sie hat bereits Spielfilme über König Ludwig II. und Madame Curie sowie einen TV-Dokumentarfilm über Albrecht Dürer realisiert. In ihrem Porträt Heinrich Vogelers greift sie auf eine Mischung aus Dokumentarischem und Spielszenen zurück. Der Clou dabei ist, dass es sich bei den Spielszenen nicht einfach um klassisches Reenactment handelt. Wenn der von Florian Lukas verkörperte Heinrich Vogeler beispielsweise mit Rainer Maria Rilke (Johann von Bülow) und Paula Modersohn-Becker (Naomi Achternbusch) den französischen Bildhauer Auguste Rodin (Samuel Finzi) besucht, dann spazieren die Figuren nicht durch ein historisches, sondern das gegenwärtige Paris und besuchen Rodins Atelier, in dem inzwischen die Künstlerin Sophie Sainrapt arbeitet. Vergangenheit und Gegenwart treten auf diese Weise in einen Dialog ein.

Dieses Mit- und Gegeneinander von früher und heute, die Verschränkung von dem, was war und dem, was ist, funktioniert ausgesprochen gut. An Heinrich Vogelers Leben lassen sich die politischen und künstlerischen Strömungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, deren Einfluss bis in unsere Gegenwart reicht, exemplarisch ablesen. Genauso gut lässt sich dieser Film aber auch einfach nur als Porträt eines abwechslungsreichen Künstlerlebens begreifen. In seiner ambitionierten Form kommt er dabei selbst einem kleinen Kunstwerk gleich.

Fazit: In ihrem neuen Film, ihrem ersten Kino-Dokumentarfilm, porträtiert die Regisseurin Marie Noëlle ("Ludwig II.", "Marie Curie") den Bremer Maler Heinrich Vogeler. Das Wechselspiel aus Dokumentarischem und Spielszenen ist kunstvoll inszeniert. Vergangenheit und Gegenwart treten in einen aufschlussreichen Dialog. Im Jahr von Vogelers 150. Geburtstag kommt der Film nun in die Kinos.




Filminfos & CreditsAlles anzeigen

Land: Deutschland
Jahr: 2022
Genre: Dokumentation
Länge: 90 Minuten
FSK: 12
Kinostart: 12.05.2022
Regie: Marie Noelle
Darsteller: Anna Maria Mühe, Florian Lukas, Alice Dwyer
Verleih: farbfilm verleih



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