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Stand up my Beauty (2021)

Dokumentarfilm über eine Azmari-Sängerin in Addis Abeba.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5
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Nardos Wude Tesfaw ist eine äthiopische Sängerin, die mit ihrer Band Lieder in der Azmari-Tradition vorträgt. Jede Nacht steht sie auf der Bühne eines kleinen Clubs in der Hauptstadt Addis Abeba. Ihr Mann, der ebenfalls Musiker ist, befindet sich meistens auf Reisen. Um die beiden Kinder muss sie sich selbst kümmern. Sie will endlich eigene Lieder komponieren. Für ihr erstes Lied, das den Titel "Stand up my Beauty" trägt und von der Unterdrückung der äthiopischen Frauen erzählt, spricht sie mit Geschlechtsgenossinnen, die schon als Kinder zwangsverheiratet wurden, über ihr Leben.

Nardos selbst wurde vor einer Kinderehe im heimatlichen Dorf bewahrt, indem die Mutter sie schon früh zur Tante nach Addis Abeba schickte. Weil die Tante ihr aber das Singen vor Publikum verbot, lief Nardos als Jugendliche schließlich fort und schlug sich als Tagelöhnerin auf Baustellen durch. Ihr musikalisches Talent und ihr Fleiß haben sie als Künstlerin berühmt gemacht. Während des Drehs sind Tourneen nach Europa und Japan geplant. Doch dann wird Nardos wieder schwanger – und ihr Mann setzt sich nach Australien ab. Nardos bringt eine Tochter zur Welt und verfolgt ihre Karriere weiter, mit der Kraft einer emanzipierten Frau.

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Filmkritikunterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse4 / 5

Dokumentarfilme über das Leben der Menschen in afrikanischen Ländern, ihre Kultur und ihre Alltagsprobleme schaffen es nur selten in die deutschen Kinos. Die Schweizer Dokumentarfilmerin Heidi Specogna porträtiert die Amzari-Sängerin Nardos Wude Tesfaw und bietet zugleich vielfältige Einblicke in die äthiopische Gesellschaft, die sich in rasantem Wandel befindet. Als roter Faden dient dem über mehrere Jahre hinweg gedrehten Film Nardos’ Arbeit an einem ersten eigenen Lied. Es soll von der Unfreiheit der Frauen erzählen, die als Kinder verheiratet werden, schwer arbeiten müssen und kaum Liebe erfahren. Dafür spricht Nardos mit verschiedenen Frauen in Addis Abeba und auf dem Land, unter ihnen ihre Mutter und Schwiegermutter.

Nardos verfolgt ihre Karriere auch als Mutter. Die Gemüseverkäuferin Gennet wollte eigentlich studieren, aber ihre Onkel ließen das nicht zu. Nun lebt sie mit mehreren Kindern praktisch auf der Straße, in einem mit einer Plane bedeckten Verschlag am Straßenrand. Gennet wollte Dichterin werden, aber davon kann sie ihre Kinder nicht ernähren. Nardos bittet sie, ihr beim Texten des neuen Liedes zu helfen. Die beiden Frauen reflektieren künstlerisch den Ist-Zustand und ihre Träume. Wie die Amzari-Musik ist der Tenor weniger klagend, als optimistisch: "Erhebe dich, du Schöne!" Die traditionelle Musik mit ihren oft improvisierten Texten besitzt Schwung. Die vielen schönen Lieder, die Nardos voller Energie vorträgt, ergeben einen regelrechten Musikfilm. Mit Nardos als Forscherin besucht das Filmteam auch eines der Dörfer, in denen der Amzari-Gesang noch zum täglichen Leben gehört.

Neben der Musikkultur und der Situation der Frauen ist auch der soziale Wandel der Gesellschaft ein wichtiges Thema. Nardos lebt in einem von außen ärmlich und selbst gezimmert aussehenden Häuschen. Dahinter erhebt sich der Rohbau eines riesigen Blocks, wie sie überall in der Stadt entstehen. China baut, wie ein Schild verrät, moderne Gebäude, die mit ihren Glasfassaden wohl für Büros gedacht sind. Mit Überblendungen schildert der Film ohne Worte, wie die Wellblechhütten und geduckten Häuserzeilen nach und nach verschwinden, Addis Abeba zur Metropole mit viel Autoverkehr wird. Der schön komponierte und vielseitige informierende Film führt sein Publikum mitten hinein in das komplizierte Leben einer Äthiopierin zwischen Tradition und Moderne.

Fazit: Der Dokumentarfilmerin Heidi Specogna gelingt ein lebhaftes Porträt der Azmari-Sängerin Nardos Wude Tesfaw, die in Addis Abeba lebt. Sie muss weitgehend allein für ihre Kinder sorgen und jede Nacht in einem Club auftreten. In ihrem ersten selbst komponierten Lied thematisiert sie das Leid der zwangsverheirateten äthiopischen Frauen, das sie aus vielen Erzählungen kennt. Mit seiner feministischen Protagonistin, der energetischen und melodiösen Musik und den Aufnahmen der sich rasant verändernden Hauptstadt bietet dieser Film reichhaltige Einblicke in eine afrikanische Gesellschaft im Wandel.




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Land: Schweiz
Jahr: 2021
Genre: Dokumentation, Musik
Länge: 110 Minuten
Kinostart: 19.05.2022
Regie: Heidi Specogna
Darsteller: Nardos Wude Tesfaw, Gennet Hiale, Baharde Gelaye
Verleih: dejavu filmverleih



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