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Die Küchenbrigade (2022)

La brigade

Kulinarische Komödie: Seinem Film über Sozialarbeiterinnen und wohnungslose Frauen lässt Regisseur Louis-Julien Petit einen über eine Köchin und junge Geflüchtete folgen.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmiggutweltklasse 4 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelmiggutweltklasse 2.3 / 5

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Cathy Marie (Audrey Lamy) ist eine begnadete Köchin mit einem gravierenden Problem: Sie lässt sich von niemandem etwas sagen. Als sie sich einmal zu oft mit der Sterneköchin Lyna Deletto (Chloé Astor) anlegt, in deren Restaurant sie als Sous-Chefin arbeitet, wirft Cathy wutentbrannt das Handtuch. Cathys Traum von einem eigenen Restaurant muss weiter warten. Nach ihrer Kündigung braucht sie schleunigst eine neue Arbeitsstelle. Dafür nimmt Cathy jeden Job an, selbst den in einem Wohnheim für unbegleitete minderjährige Geflüchtete. Die Küchenausstattung ist mies, das Budget knapp, aber immerhin ist die dickköpfige Köchin hier endlich ihre eigene Chefin.

Die Umstellung auf die Kantine fällt Cathy nicht leicht. Und weil sie sich auch dort nicht viel sagen lässt, gerät sie schnell mit ihrem neuen Chef, Heimleiter Lorenzo Cardi (François Cluzet), aneinander. Von der Mitarbeiterin Sabine (Chantal Neuwirth) erhält Cathy den Tipp, die interessierten Jugendlichen in die Küchenarbeit einzubinden. Alsbald hat die Köchin mit GusGus (Yannick Kalombo), Alpha (Alpha Barry), Mamdou (Amadou Bah), Sayed (Sayed Farid Hossini), Djibril (Mamdou Kaito) und vielen weiteren eine schlagkräftige Küchenbrigade beisammen. Das gute Arbeitsklima in der Küche wird von Realpolitik getrübt, denn den Jugendlichen droht bei Vollendung des 18. Lebensjahrs die Abschiebung, sofern sie keine Ausbildungsstelle nachweisen können. Da kommt Cathy, Lorenzo, Sabine und Cathys bester Freundin Fatou (Fatou Kaba) eine Idee.

Bildergalerie zum Film "Die Küchenbrigade"

Die Küchenbrigade - Cathy und ihre jugendlichen...inge.Die Küchenbrigade - Die Küchenbrigade im Einsatz.Die Küchenbrigade - Kochen unter widrigen Umständen.


Filmkritikunterirdischschlechtmittelmiggutweltklasse4 / 5

In westlichen Demokratien wie der französischen herrscht Chancengleichhheit oder etwa nicht? Die von Audrey Lamy eindrücklich gespielte Cathy Marie ist das beste Beispiel dafür. Sie hat es von einem Heimkind, das ohne Eltern aufgewachsen ist, bis zur Spitzenköchin gebracht. Zu Beginn von Louis-Julien Petits neuem Film verschwendet seine Hauptfigur allerdings keinen Gedanken mehr an ihre Herkunft. Auch das Kinopublikum weiß zunächst nichts von Cathys prekären Anfängen. Erst ihre neue Anstellung in der Kantine eines Wohnheims für minderjährige Geflüchtete, die ohne ihre Eltern nach Frankreich gekommen sind, wecken Erinnerungen – und führen zu einem Perspektivwechsel.

Ohne es auszusprechen, hinterfragt Cathy ihren Werdegang und damit indirekt auch kapitalistisch geprägte Karrierewege. Ihre Arbeit als Spitzenköchin war anspruchsvoll, füllte Cathy aber nicht aus. Ihr neuer Job beansprucht sie nicht minder, dafür aber auf ganz anderen Leveln, denn in der Wohnheimskantine muss Cathy nicht nur die Küchenchefin geben, sondern auch die Lehrerin, die Ersatz-Mutter, die Sozialarbeiterin und die Motivationstrainerin. In den Jugendlichen erkennt sie sich wieder und findet schließlich zu ihrem Glück, weil sie ihnen etwas zurückgeben kann und die Jugendlichen auch ihr etwas zurückgeben, das sie zuvor vermisst hat: ehrlich gemeinten Respekt.

Louis-Julien Petit steht für ein neues gesellschaftskritisches Kino aus Frankreich, wie es dort jüngst in so unterschiedlichen Filmen wie "Online für Anfänger" (2020), "In den besten Händen" oder "Wie im echten Leben" (2021) zu sehen war. Im Gegensatz zu reinen Sozialdramen zeichnet sich diese Variante durch subtilen bis abstrusen Humor aus. Schon in Petits Filmen "Discount" (2014) und "Der Glanz der Unsichtbaren" (2018) war viel Komik zu finden. Damit steht Petit in der Tradition eines Ken Loach, auch wenn sich Petits Filme am Ende immer zwei, drei Schippen angenehmer, allgemeinverträglicher und noch warmherziger als bei Loach anfühlen.

Petit beherrscht sein Handwerk. Bevor er selbst auf dem Regiestuhl Platz nahm, war er bei unzähligen Filmen als Regieassistent tätig, darunter auch Kassenschlager wie "Willkommen bei den Sch'tis" (2008) und "Superstar" (2012). "Die Küchenbrigade" inszeniert er als leichtfüßige Wohlfühlkomödie mit gleich mehreren Twists. Die sind mal urkomisch, mal spannend und allesamt einfallsreich. Abseits der originellen Story ist es vor allem die Chemie im großen Ensemble, die beeindruckt. Audrey Lamy gelingt es, mit nur einem einzigen Blick zwischen Komödie und Drama zu wechseln. Was ihre Figur denkt, ist jederzeit an ihrem Gesichtsausdruck abzulesen. Das Zusammenspiel mit den Jugendlichen, aus denen Yannick Kalombo herausragt und deren Lebensgeschichten zum Teil in die Handlung eingeflossen sind, ist hervorragend.

Dabei rückt der Regisseur nicht nur das Schicksal der Geflüchteten in den Fokus, sondern auch die Aufopferungsbereitschaft ihrer Helfer. Cathys neuer Chef, der von François Cluzet mit dessen unnachahmlicher Nonchalance auf die Leinwand geworfen wird, wirkt auf den ersten Blick so, als hätte er sich auf seinem Posten bequem eingerichtet. Ein Mann ohne Ambitionen, der lieber mit den Jugendlichen eine Partie Fußball spielt, als am Schreibtisch zu sitzen. Nach und nach kristallisiert sich jedoch heraus, dass gerade die zwischenmenschliche Komponente eine entscheidende Rolle in seinem Beruf als Wohnheimsleiter spielt, und es zeigt sich zudem, wie unermüdlich er in jeder freien Minute für eine bessere Zukunft all seiner Heimbewohner kämpft.

Bei der von Chantal Neuwirth verkörperten Sabine ist es nicht anders. Einst wollte Sabine Archäologin werden und die Welt bereisen. Stattdessen sieht sie die Welt nur in Dokumentationen im Fernsehen. Ihre Arbeit im Wohnheim sieht sie nicht als so wertig an. Cathy sieht das anders und mit ihr auch das Kinopublikum, weil es Louis-Julien Petit gelingt, die Leben der sogenannten kleinen Leute in all ihrer Größe und Großartigkeit darzustellen. Am Ende stellt man sich unweigerlich die Frage, wie es um die Chancengleichheit bestellt ist. Das Leben von unbegleiteten jugendlichen Geflüchteten und den Menschen, die ihnen zur Seite stehen, wird man danach mit anderen Augen sehen.

Fazit: Louis-Julien Petit bleibt der Sozialkomödie treu. "Die Küchenbrigade" ist eine Wohlfühlkomödie mit Herz und Hirn. Audrey Lamy und der junge Yannick Kalombo brillieren in einem ohnehin fabelhaften Ensemble und in einem Film, der trotz aller sozialen Sorgen und Nöte am Ende Mut macht.




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Besetzung & Crew von "Die Küchenbrigade"

Land: Frankreich
Jahr: 2022
Genre: Komödie
Originaltitel: La brigade
Länge: 97 Minuten
Kinostart: 15.09.2022
Regie: Louis-Julien Petit
Darsteller: Audrey Lamy als Cathy Marie, François Cluzet als Lorenzo Cardi, Chantal Neuwirth als Sabine
Verleih: Piffl Medien

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