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Atlantide (2021)

Venedig mal anders: Coming-of-Age-Drama über einen Jugendlichen und sein Sportboot.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmiggutweltklasse 3 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelmiggutweltklasse 4.0 / 5

Filmsterne von 1 bis 5 dürfen vergeben werden, wobei 1 die schlechteste und 5 die beste mögliche Bewertung ist. Es haben insgesamt 2 Besucher eine Bewertung abgegeben.


Der junge Daniele (Daniele Barison) lebt in Sant'Erasmo, einer Insel am Rande der Lagune von Venedig. Tagein, tagaus fährt er mit seinem Motorboot, auf dem er nachts auch schläft, durch die Gegend, kutschiert seine Freundin oder trifft sich mit anderen Jugendlichen, die Wettrennen fahren und versuchen, Geschwindigkeitsrekorde aufzustellen. Abends, wenn die Touristen längst im Bett sind, geht es auch mal durch die Kanäle der Altstadt oder es wird mit Blick auf die vorbeifahrenden Kreuzfahrtschiffe gefeiert. Obwohl Daniele vorgibt, am Geschwindigkeitsrekord nicht interessiert zu sein, macht er sich Gedanken, wie er sein Boot schneller machen könnte. Eine folgenschwere Überlegung ...

Bildergalerie zum Film "Atlantide"

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Filmkritikunterirdischschlechtmittelmiggutweltklasse3 / 5

Die Lagunenstadt Venedig ist für vieles bekannt: ihre Architektur, ihren Karneval, das älteste Filmfestival der Welt, die Biennale, Casanova, Shakespeares Kaufmann. In unzähligen Filmen der unterschiedlichsten Genres – von Viscontis "Sehnsucht" (1952) über Roegs "Wenn die Gondeln Trauer tragen" (1973) bis Spielbergs "Indiana Jones und der letzte Kreuzzug" (1989) – wurde Venedigs Pracht in Szene gesetzt. Hier noch neue Ansichten zu finden, scheint ein Ding der Unmöglichkeit. Yuri Ancarani hat es geschafft, denn er rückt etwas in den Fokus, das so noch nie auf der großen Leinwand zu sehen war: Jugendliche und ihre Sportboote.

Überall auf der Welt gibt es junge Menschen, die sich auf ihr erstes Auto freuen, es tieferlegen, aufmotzen oder sonst irgendwie verändern. Dass diese Autoschrauber-Szene in Venedig eine Motorbootschrauber-Szene ist, scheint nur logisch. Viel erstaunlicher ist es, dass dies bislang noch niemand mit der Kamera festgehalten hat. Yuri Ancarani nimmt uns mit in diese Welt aus Benzin, Motoröl und Testosteron. Dass sein Film kein "The Fast and the Furious" (2001) auf dem Wasser ist, macht er gleich zu Beginn klar. Ancaranis beruflicher Werdegang ließ nichts anderes vermuten.

Der 1972 in Ravenna geborene Italiener ist nicht nur Filmemacher, sondern auch Videokünstler mit Interesse am Dokumentarischen. In seinen Arbeiten verbindet er oft alles drei. Und so ist bereits der Auftakt von "Atlantide" ein kleines Gesamtkunstwerk. Während die wunderschön geschwungenen Credits zu elektronischen Klängen über die Leinwand laufen, sehen wir einer Gruppe Jugendlicher beim Baden zu. Die Szenerie erinnert an ein Musikvideo und bereits hier etabliert Ancarani das Zwillingsmotiv, das sich in der strengen Symmetrie des Bildaufbaus, in Spiegelungen und Verdoppelungen wie ein visueller roter Faden durch diesen Film zieht.

Visuell bleibt "Atlantide" bis zum Schluss betörend. Der Regisseur ringt der Lagunenstadt immer wieder Bilder ab, die wir so noch nicht gesehen haben. Und die Ideen, die er dafür findet, konkrete Vorfälle elliptisch zu erzählen, sind einzigartig, etwa dann, wenn er eine Schlägerei unter Jugendlichen als eine Art choreografiertes Gruppen-Schattenboxen inszeniert. Wenn Ancarani mit all diesen Mitteln auch noch eine Geschichte erzählt hätte, wäre sein Film großartig geworden.

Doch der Regisseur hat seinen Film ohne Drehbuch begonnen und den Jugendlichen, die sich mehr oder minder selbst spielen, vier Jahre lang einfach zugesehen. Dementsprechend lässt sich die Handlung treiben. Dramaturgisch passiert lange Zeit nichts. Der Protagonist hat weder Antrieb noch Ziel. Selbst nach einer Stunde Laufzeit weist "Atlantide" keinerlei Konflikt, Zuspitzung, Wendepunkte oder Entwicklung der Figuren auf. Am dynamischsten ist die ausgezeichnete Musik. Den ersten und einzigen dramatischen Höhepunkt präsentiert uns Ancarani 20 Minuten vor Schluss. Zu diesem Zeitpunkt sind bereits 80 Minuten vergangen. All die schönen und ungewöhnlichen Bilder sind da längst redundant.

Fazit: Yuri Ancarani hat einen außergewöhnlichen Coming-of-Age-Film gedreht. "Atlantide", der passend zum Inhalt bei den 78. Filmfestspielen von Venedig seine Premiere feierte, ist ein visuell betörender Mix aus Spiel-, Dokumentar- und Kunstfilm. Symmetrisch gestaltet und elliptisch erzählt, vergisst Ancarani leider, überhaupt etwas zu erzählen. Zu lange passiert nichts. Wer klassisches Erzählkino erwartet, sitzt im falschen Film. "Atlantide" ist ein Werk, mit dem man sich treiben lassen muss.




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Zum Video: Atlantide

Besetzung & Crew von "Atlantide"

Land: Italien, Frankreich, USA, Qatar
Jahr: 2021
Genre: Drama
Länge: 104 Minuten
Kinostart: 08.09.2022
Regie: Yuri Ancarani
Darsteller: Daniele Barison, Maila Dabalà, Bianka Berényi, Alberto Tedesco, Jacopo Torcellan
Kamera: Yuri Ancarani, Mauro Chiarello, Thomas Pilani
Verleih: Rapid Eye Movies

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"Atlantide"feierte 2021 seine Premiere im Wettbewerb der 78. Internationalen Filmfestspiele von Venedig und war seitdem auf zahlreichen internationalen Filmfestivals zu Gast, z. B. beim Brisbane [...mehr] International Film Festival, Thessaloniki International Film Festival und der Viennale. Der Film gewann beim Luxemburg City Film Festival 2022 den "Grand Prix" und beim La Roche-sur-Yon International Film Festival den "Prix Nouvelles Vagues Acuitis".

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