oder

Rodéo (2022)

In diesem Debütfilm entführt die Regisseurin Lola Quivoron ihr Publikum in Frankreichs illegale Motocross-Szene.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmiggutweltklasse 4 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelmiggutweltklasse 4.8 / 5

Filmsterne von 1 bis 5 dürfen vergeben werden, wobei 1 die schlechteste und 5 die beste mögliche Bewertung ist. Es haben insgesamt 4 Besucher eine Bewertung abgegeben.


Julia (Julie Ledru) ist leidenschaftliche Motorradfahrerin mit einer kriminellen Ader. Weil ihr das nötige Kleingeld für die teuren Maschinen fehlt, klaut sie die fahrbaren Untersätze privaten Verkäufern unter dem Hintern weg. Als sie mit einer davon bei einem illegalen Motorradtreff aufkreuzt und Zeuge eines schweren Unfalls wird, kommt sie mit Kaïs (Yannis Lafki) und dessen Clique um die Taktgeber Manel (Junior Correia) und Ben (Louis Sotton) in Kontakt.

Sie sind Mitglieder der "B-more"-Crew, die in einer Autowerkstatt gestohlene Motorräder umspritzt und weiterverkauft. Drahtzieher Domino (Sébastien Schroeder) sitzt im Knast und gibt aus seiner Zelle heraus via Mobiltelefon Anweisungen. Seine Frau Ophélie (Antonia Buresi) und den gemeinsamen Sohn Kylian (Cody Schroeder) überwacht er wie Gefangene. Julia hat Talent und steigt unter Dominos Obhut in der Hackordnung der Crew schnell nach oben, was nicht jedem gefällt. Ein von langer Hand geplanter großer Coup könnte ihr zum Verhängnis werden.

Filmkritikunterirdischschlechtmittelmiggutweltklasse4 / 5

"Rodéo": Allein unter Alpha-Männchen

Es tut sich was im europäischen Genrefilm. Mit die einfallsreichsten und pulsierendsten Filme kommen derzeit aus Frankreich und von Frauen. Erstaunlich daran ist aber nicht das Geschlecht der Verantwortlichen, sondern dass die Regisseurinnen keinen langen Anlauf benötigen. Nach Julia Ducournau, die für "Titane" (2021) die Goldene Palme bei den Filmfestspielen in Cannes erhielt, deren Langfilmdebüt "Raw" (2016) aber bereits einer kinematografischen Naturgewalt gleichkam (und letztlich des bessere Film ist), und Léa Mysius, die auf ihr fulminantes Genremix-Debüt "Ava" (2017) mit "The Five Devils" (2022) erzählerisch noch einmal zwei Schippen draufpackte, überzeugt nun auch Lola Quivoron aus dem Stand. Der mehrfach preisgekrönte Erstling der 1989 geborenen Debütantin elektrisiert ab der ersten Minute.

Elektrisierender Erstling mit wagemutigem Wirbelwind

Am Anfang herrscht großes Durcheinander: Wenn Julia (Julie Ledru) von zwei Jungs bedrängt wie ein Wirbelwind aus einer Wohnung in einem Hochhauskomplex stürmt und sich unten angekommen zwei nicht minder aggressive Typen zur Brust nimmt, kommt Raphaël Vandenbussches Kamera kaum hinterher. Der beobachtende, pseudodokumentarische Modus wirft das Publikum mehr aus der Fiktion, als dass er es in die Handlung hineinzieht. Im späteren Verlauf werden sich der stets ein wenig distanzierte Blick und der kühle Look jedoch als große Stärken erweisen. Und der hektische Auftakt macht unmissverständlich klar, wohin die Reise geht.

Wie ihre Protagonistin gibt die Regisseurin Vollgas. Zeit für Erklärungen ergibt sich erst unterwegs. Zunächst ist nur offensichtlich, dass sich hier eine forsche junge Frau wagemutig in eine waghalsige Männerwelt wirft und deren Möchtegern-Machismo nicht scheut. Ganz zum Schluss muss sie den Preis dafür zahlen. Doch Quivoron und ihre Co-Drehbuchautorin Antonia Buresi (die im Film zudem die Rolle der Ophélie übernommen hat) lassen sich für ihre Protagonistin ein zwar tragisches, aber ebenso würdevolles wie poetisches Ende einfallen; wie es ihnen übrigens zu keiner Zeit in den Sinn kommt, Julia als Opfer oder Märtyrerin zu stilisieren.

Eintauchen in eine faszinierende Szene

Allein schon das Eintauchen in die illegale Motocross-Szene, in der sich Quivoron selbst seit 2015 als Beobachterin bewegt, hat einen enormen Reiz. Die halsbrecherischen Stunts sind spektakulär. Und die Laiendarsteller, die ihre Maschinen perfekt beherrschen, bringen eine rohe, einnehmende Unverstelltheit mit. Der kriminalistische Überbau der Geschichte, in den sich symbolische Traumsequenzen mischen, sorgt für Spannung und den nötigen Drive. Da verzeiht man dann auch einige unnötige Längen im Drehbuch, das einen Tick straffer hätte ausfallen dürfen.

Wirklich voran treibt die Handlung neben Rafael Torres Calderons atemloser Montage und Kelman Durans perfekt getimter experimenteller Post-Reggaeton-Musik aber Hauptdarstellerin Julie Ledru, eine über Social Media entdeckte Motocross-Fahrerin, wie Quivoron ebenfalls Debütantin und die große Entdeckung dieses Films. Ledru schleudert die Rohheit ihrer Figur couragiert und ungestüm auf die Leinwand und dem Kinopublikum entgegen.

Fluide Figuren auf der Flucht

Die große Faszination, die von Julia ausgeht, liegt in ihrer Fluidität begründet. Hier bricht nicht nur eine junge Frau in ein hermetisch abgeriegeltes Männersystem ein und bringt es aus den Fugen. Ihr Körper und ihre Sexualität sind auch so flüchtig, dass sich Julia jeder eindeutigen Zuschreibung entzieht. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Handlung.

Immer auf dem Sprung, voller Ellipsen und Abzweigungen und mit einer Metaebene versehen, lässt sich die nur an der Oberfläche eindeutige Story nicht recht greifen. Mindestens zwei Liebesgeschichten werden angedeutet, das Ende ist vieldeutig. Julias Freiheitsdrang ist Ophélies Situation entgegengesetzt, die der einer Gefangenen gleichkommt.

Männerwelten haben Lola Quivoron schon immer fasziniert, ob privat beim Konsum von Mafia- und Kriegsfilmen oder beruflich in ihren vorangegangenen Kurzfilmen, in denen sie mal in die Welt eines Schießstands, mal in die der Kampfhund-Abrichtung vordrang. Über die Welt in "Rodéo" hat sie in einem Interview Folgendes gesagt: "Ich habe davon geträumt, eine weibliche Gangsterfigur zu schreiben, das ist wirklich etwas, das wie ein großes Loch in meinem Leben war." Dieses Loch hat Lola Quivoron nun gefüllt – und zwar mit einer Figur, die in Erinnerung bleiben wird.

Fazit: In ihrem Film über Frankreichs illegale Motocross-Szene gibt Lola Quivoron Vollgas. Der Mix aus Coming-of-Age-Story, Heist Movie und angedeuteter Liebesgeschichte ist so rasant wie die Maschinen, auf denen die Figuren sitzen. Ein roher, unverstellter Film. Ein fulminantes Debüt, das dem Publikum keine Verschnaufpause gönnt!




TrailerAlle "Rodéo"-Trailer anzeigen

Zum Video: Rodéo

Besetzung & Crew von "Rodéo"

Land: Frankreich
Jahr: 2022
Genre: Drama
Länge: 105 Minuten
Kinostart: 13.07.2023
Regie: Lola Quivoron
Darsteller: Julie Ledru, Yannis Lafki, Antonia Buresi, Cody Schroeder, Louis Sotton
Kamera: Raphaël Vandenbussche
Verleih: Plaion Pictures

Verknüpfungen zu "Rodéo"Alle anzeigen





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.