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FBW-Bewertung: Titina - Ein tierisches Abenteuer am Nordpol (2022)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Die russische Hündin Laika war das erste Lebewesen im All, aber schon lange vor ihr nahm die kleine Terrierhündin Titina am ersten Überflug des Nordpols teil. Sie war das Haustier des Luftschiffkonstrukteurs Umberto Nobile, der 1926 vom Polarforscher Roald Amundsen den Auftrag bekam, ein für solch eine Polüberquerung geeignetes Luftschiff zu bauen. Die beiden Männer und der Hund gehörten damit zu den Ersten, die den Nordpol erreichten. Später flog Nobile in einem anderen Luftschiff noch einmal in die Polarregion. Dort stürzte es ab und als Amundsen ihn in einem Flugzeug finden und retten wollte, verschwand dieser spurlos. Es ist ein historisch belegtes Abenteuer, welches die Filmemacherin Kajsa Naess in ihrem Animationsfilm erzählt, und da sie dabei die kleine Titina in den Mittelpunkt rückt, ist dies ein Familienfilm geworden. Denn die niedliche Hündin macht diese Geschichte, in der sonst vor allem erwachsene Männer schalten und walten, auch für Kinder interessant. Naess erzählt die historisch belegte Geschichte nach und spickt ihre Animationssequenzen, die an den Stil einer Graphic Novel erinnern, immer wieder mit historischen Filmaufnahmen von den abenteuerlichen Reisen. Dabei erzählt sie eher episch als in Spannungsbögen und nimmt sich Zeit dafür, das Milieu und das Lebensgefühl der beiden Protagonisten zu vermitteln. Nobile lebt im sonnigen Italien, Amundsen im frostigen Norwegen und den Kontrast zwischen diesen beiden unterschiedlichen Lebenswelten zeigt Naess in liebevoll gestalteten Stimmungsbildern, in denen etwa in Italien Jazz in einer Schenke gespielt und in Norwegen vor allem Ski gefahren wird. Titina ist zwar eine eher passive Protagonistin, aber zum Teil wird der Film aus ihrer Perspektive erzählt. Also etwa auf Kniehöhe der Menschen, von denen dementsprechend manchmal nur Schuhe und Hosenbeine zu sehen sind. Der Film behandelt auch die sozialen und politischen Umstände, die die Polarflüge beeinflussen. In Italien gewinnt etwa Mussolini immer mehr an Macht und im Film ist er ein kleiner, cholerischer Mann in Uniform. Er und einer seiner Generäle sind als einzige mit satirischem Spott gezeichnete Karikaturen. Alle anderen Menschen und Hunde sind als lebendig und sympathisch wirkende Figuren entworfen. Der Film ist auch deshalb reizvoll für das Auge, weil Naess einfallsreich immer neue und interessante Perspektiven findet, aus denen auf das Luftschiff geschaut wird, dass ja im Grunde immer nur langsam über den Himmel gleitet. Der Film hat einen langen Atem, denn in ihm wird sorgfältig und mit einem Reichtum an Details erzählt, der von langen und genauen Recherchen kündet. TITINA wirkt wie ein Gegenentwurf zu den gängigen Animationsfilmen, die in Hollywood, aber auch in Europa als Actionspektakel mit einem manischen Timing inszeniert werden. Hier wird dagegen mit einer souveränen Ruhe eine Geschichte aus jener Zeit erzählt, als Luftschifffahrer und Piloten so ähnlich gefeiert wurden wie nach ihnen die Astronauten. Nach ergiebiger Diskussion freut sich die Jury, das Prädikat BESONDERS WERTVOLL erteilen zu können.



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