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Milch ins Feuer (2025)
Deutsches Drama über eine Familie von Bäuerinnen.Kritiker-Film-Bewertung:User-Film-Bewertung :
Filmsterne von 1 bis 5 dürfen vergeben werden, wobei 1 die schlechteste und 5 die beste mögliche Bewertung ist. Es haben insgesamt 1 Besucher eine Bewertung abgegeben.
Ein Sommer auf dem Land, irgendwo im Hohenlohischen: Katinka (Karolin Nothacker), ihre Schwestern Emma (Anne Nothacker) und Emilie (Sara Nothacker) und ihre Freundin Anna (Pauline Bullinger) stellen sich die großen Fragen des Lebens. Zwischen anstehendem Schulabschluss, ungewollter Schwangerschaft und verträumten Nachmittagen am Fluss gehen die Schwestern ihrer Mutter Marlies (Johanna Wokalek) auf dem Bauernhof der Familie zur Hand oder unterhalten sich mit Oma Emma (Lore Bauer) über alte Zeiten, als es noch so viele Katzen gab, dass die junge Bäuerin sie im Fluss ertränken musste.
Derweil ist die Zukunft ungewisser denn je. Ob Anna ihr Kind behält, weiß sie ebenso wenig, wie Katinka mit Bestimmtheit sagen kann, ob es mit ihrem Berufswunsch als Bäuerin klappen wird. Währenddessen stellt ein wütender Nachbar (Martin Bauer) mitten in der Landschaft grüne Holzkreuze auf, um auf das Höfesterben aufmerksam zu machen.
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Filmkritik
"Milch ins Feuer": Lakonische Landjugend
Wirklich gute Regiedebüts sind selten, Regiedebüts, die vom Erwachsenwerden handeln, sind indessen keine Seltenheit. Meist liegt die eigene Kindheit und Jugend der Filmneulinge nicht allzu lange zurück, weshalb es naheliegt, davon zu erzählen. Warum es allerdings nur wenige Debütfilme gibt, die sich mit dem Aufwachsen auf dem Land auf eine realistische Weise auseinandersetzen, müsste einmal näher untersucht werden. Hängt es womöglich damit zusammen, dass nur wenigen Kindern aus der Provinz der Einstieg in die Filmbranche gelingt? Oder damit, dass die vom Land stammenden Filmschaffenden lieber von der pulsierenden Großstadt als vom vermeintlich langweiligen Dorfleben erzählen möchten?
So erging es zumindest Justine Bauer. "Wenn man Bauern- und Bäuerinnentochter ist und mit Nachnamen auch noch Bauer heißt, dann sträubt man sich erst mal dagegen, den Debütfilm auch im Bereich der Landwirtschaft anzusiedeln – eben weil es so viele Vorurteile gibt", sagt die Debütantin. Zum Glück hat sie sich dann doch anders entschieden. Und noch besser: Die im baden-württembergischen Crailsheim geborene und auf einer Straußenfarm aufgewachsene Regisseurin weiß, wovon sie spricht. "Milch ins Feuer" ist ihr Abschlussfilm an der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM) und eine Mischung aus Coming-of-Age-, Familien- und Sozialdrama. Damit blickt übrigens nicht zum ersten Mal im Kinojahr 2025 eine Frau in ihrem Erstlingswerk aufs Landleben, genauer gesagt auf ein Leben in einem landwirtschaftlichen Betrieb.
Der etwas andere Heimatfilm
Bereits im Februar begeisterte ein anderes Debüt: Mit "Könige des Sommers" legte die französische Regisseurin Louise Courvoisier eine authentische, liebenswerte und entwaffnende Würdigung des agrarisch geprägten Alltags im Jura vor. Auch der Erstling ihrer deutschen Kollegin fühlt sich ungemein echt an und ist doch irgendwie entrückt, weil Justine Bauer inhaltlich wie formal einen anderen Weg einschlägt. Wo Courvoisiers Kameramann Elio Balezeaux die Natur in voller Breite auf die Kinoleinwand zaubert, setzt Bauers Kameramann Pedro Carnicer der ländlichen Kulisse im schmalen 4:3-Format einen engen Rahmen. Wo die Französin allen Regeln der Dramaturgie folgt, erzählt Bauer in dem von ihr selbst verfassten Drehbuch lose und elliptisch. Der größte Unterschied besteht jedoch im Blickwinkel.
Die titelgebenden Könige des Sommers sind drei Jungs, bei Bauer sticht vor allem die Abwesenheit männlicher Figuren ins Auge. Das Landleben zwischen familiärem Hof, Schulabschluss und Nachmittagen am Fluss wird bei Bauer komplett aus weiblicher Perspektive geschildert und von einer der Nebenfiguren in lyrischem Ton aus dem Off erzählt. Die wenigen Männer, die vorkommen – ein planloser werdender Vater, ein aggressiver Freund, ein wütend depressiver Landwirt –, fallen vor allem negativ auf. Was nicht heißt, dass die weiblichen Figuren im Zentrum des Films durchweg positiv gezeichnet sind. Im Gegensatz zu den männlichen Randerscheinungen haben sie jedoch viele Facetten. Was Justine Bauers Debüt mit dem ihrer französischen Kollegin wiederum gemein hat, sind die Laien, auf die sie vor der Kamera setzt.
Mit Mundart und Mut
Gedreht wurde im Hohenlohischen im Nordosten Baden-Württembergs, und wer ein Ohr für Dialekte hat, der hört heraus, dass die jungen Hauptdarstellerinnen um Karolin Nothacker von dort stammen. Nothacker wurde über eine Zeitungsannonce gecastet und brachte zum Vorsprechen ihre jüngeren Schwestern mit, die ebenfalls im fertigen Film gelandet sind und dort nun ebenfalls ihre Schwestern spielen. Deren Großmutter wird von der eigenen, kurz nach den Dreharbeiten gestorbenen Großmutter der Regisseurin gespielt. Als einzige professionelle Schauspielerin ist die in Freiburg im Breisgau geborene Johanna Wokalek (zuletzt: "Sisi & Ich") mit von der Partie. Und wer ein Ohr für Dialekte hat, hört heraus, dass Wokaleks Figur aus gutem Grund kein (astreines) Hohenlohisch spricht. Denn ihre Figur stammt nicht von dort, hat nur in die Region eingeheiratet. Ein Schicksal, das voraussichtlich auch ihrer von Karolin Nothacker verkörperten Filmtochter blüht.
Womit wir beim reichhaltigen Kern dieses Debüts wären. Es geht um patriarchale Strukturen, die die Protagonistin dazu zwingen, sich andernorts nach einem Bauernhof umzusehen, weil sie den Familienhof nicht vererbt bekommen wird. Es geht darum, den patriarchalen Blick des Kinos auf die Landwirtschaft abzulegen und den weiblichen Anteil an der harten Arbeit sichtbar zu machen. Wozu laut der Regisseurin auch gehöre, "von der Arbeit geformte weibliche, realistische Körper" abzubilden und "Menschen vom Hof, die nicht klischeehaft während der Dialoge mit der Mistgabel im Stroh herumstochern", zu zeigen. Es geht um das Verschwinden der Höfe, die im vorliegenden Film einem Neubaugebiet weichen, und um das Verschwinden der regionalen Sprachen, die sich von Generation zu Generation immer stärker dem Hochdeutschen anpassen.
Von all dem erzählt Justine Bauer zugleich realistisch und stilisiert, ohne den Realismus durch die Stilisierung zu verraten. Vor allem aber erzählt sie aufs Wesentliche reduziert, ganz so, wie die Menschen in ihrem Debütfilm agieren. Bauers Frauen sind mutig und nicht auf den Mund gefallen, sagen in ihrer schönen Mundart aber auch kein einziges Wort zu viel.
Fazit: Justine Bauer liefert mit ihrem ersten abendfüllenden Spielfilm ein erstaunlich reifes Debüt ab. Was in erster Linie daran liegt, dass die 1990 im baden-württembergischen Crailsheim geborene Regisseurin und Drehbuchautorin weiß, wovon sie erzählt. Selten waren das Landleben und die landwirtschaftliche Arbeit in einem deutschen Film so authentisch und zugleich so poetisch wie in diesem. Ein beachtliches Debüt mit Mundart und Mut, das seine Figuren, deren Heimatregion und Dialekt ernst nimmt und auf eine erfolgreiche Karriere hoffen lässt.
Wirklich gute Regiedebüts sind selten, Regiedebüts, die vom Erwachsenwerden handeln, sind indessen keine Seltenheit. Meist liegt die eigene Kindheit und Jugend der Filmneulinge nicht allzu lange zurück, weshalb es naheliegt, davon zu erzählen. Warum es allerdings nur wenige Debütfilme gibt, die sich mit dem Aufwachsen auf dem Land auf eine realistische Weise auseinandersetzen, müsste einmal näher untersucht werden. Hängt es womöglich damit zusammen, dass nur wenigen Kindern aus der Provinz der Einstieg in die Filmbranche gelingt? Oder damit, dass die vom Land stammenden Filmschaffenden lieber von der pulsierenden Großstadt als vom vermeintlich langweiligen Dorfleben erzählen möchten?
So erging es zumindest Justine Bauer. "Wenn man Bauern- und Bäuerinnentochter ist und mit Nachnamen auch noch Bauer heißt, dann sträubt man sich erst mal dagegen, den Debütfilm auch im Bereich der Landwirtschaft anzusiedeln – eben weil es so viele Vorurteile gibt", sagt die Debütantin. Zum Glück hat sie sich dann doch anders entschieden. Und noch besser: Die im baden-württembergischen Crailsheim geborene und auf einer Straußenfarm aufgewachsene Regisseurin weiß, wovon sie spricht. "Milch ins Feuer" ist ihr Abschlussfilm an der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM) und eine Mischung aus Coming-of-Age-, Familien- und Sozialdrama. Damit blickt übrigens nicht zum ersten Mal im Kinojahr 2025 eine Frau in ihrem Erstlingswerk aufs Landleben, genauer gesagt auf ein Leben in einem landwirtschaftlichen Betrieb.
Der etwas andere Heimatfilm
Bereits im Februar begeisterte ein anderes Debüt: Mit "Könige des Sommers" legte die französische Regisseurin Louise Courvoisier eine authentische, liebenswerte und entwaffnende Würdigung des agrarisch geprägten Alltags im Jura vor. Auch der Erstling ihrer deutschen Kollegin fühlt sich ungemein echt an und ist doch irgendwie entrückt, weil Justine Bauer inhaltlich wie formal einen anderen Weg einschlägt. Wo Courvoisiers Kameramann Elio Balezeaux die Natur in voller Breite auf die Kinoleinwand zaubert, setzt Bauers Kameramann Pedro Carnicer der ländlichen Kulisse im schmalen 4:3-Format einen engen Rahmen. Wo die Französin allen Regeln der Dramaturgie folgt, erzählt Bauer in dem von ihr selbst verfassten Drehbuch lose und elliptisch. Der größte Unterschied besteht jedoch im Blickwinkel.
Die titelgebenden Könige des Sommers sind drei Jungs, bei Bauer sticht vor allem die Abwesenheit männlicher Figuren ins Auge. Das Landleben zwischen familiärem Hof, Schulabschluss und Nachmittagen am Fluss wird bei Bauer komplett aus weiblicher Perspektive geschildert und von einer der Nebenfiguren in lyrischem Ton aus dem Off erzählt. Die wenigen Männer, die vorkommen – ein planloser werdender Vater, ein aggressiver Freund, ein wütend depressiver Landwirt –, fallen vor allem negativ auf. Was nicht heißt, dass die weiblichen Figuren im Zentrum des Films durchweg positiv gezeichnet sind. Im Gegensatz zu den männlichen Randerscheinungen haben sie jedoch viele Facetten. Was Justine Bauers Debüt mit dem ihrer französischen Kollegin wiederum gemein hat, sind die Laien, auf die sie vor der Kamera setzt.
Mit Mundart und Mut
Gedreht wurde im Hohenlohischen im Nordosten Baden-Württembergs, und wer ein Ohr für Dialekte hat, der hört heraus, dass die jungen Hauptdarstellerinnen um Karolin Nothacker von dort stammen. Nothacker wurde über eine Zeitungsannonce gecastet und brachte zum Vorsprechen ihre jüngeren Schwestern mit, die ebenfalls im fertigen Film gelandet sind und dort nun ebenfalls ihre Schwestern spielen. Deren Großmutter wird von der eigenen, kurz nach den Dreharbeiten gestorbenen Großmutter der Regisseurin gespielt. Als einzige professionelle Schauspielerin ist die in Freiburg im Breisgau geborene Johanna Wokalek (zuletzt: "Sisi & Ich") mit von der Partie. Und wer ein Ohr für Dialekte hat, hört heraus, dass Wokaleks Figur aus gutem Grund kein (astreines) Hohenlohisch spricht. Denn ihre Figur stammt nicht von dort, hat nur in die Region eingeheiratet. Ein Schicksal, das voraussichtlich auch ihrer von Karolin Nothacker verkörperten Filmtochter blüht.
Womit wir beim reichhaltigen Kern dieses Debüts wären. Es geht um patriarchale Strukturen, die die Protagonistin dazu zwingen, sich andernorts nach einem Bauernhof umzusehen, weil sie den Familienhof nicht vererbt bekommen wird. Es geht darum, den patriarchalen Blick des Kinos auf die Landwirtschaft abzulegen und den weiblichen Anteil an der harten Arbeit sichtbar zu machen. Wozu laut der Regisseurin auch gehöre, "von der Arbeit geformte weibliche, realistische Körper" abzubilden und "Menschen vom Hof, die nicht klischeehaft während der Dialoge mit der Mistgabel im Stroh herumstochern", zu zeigen. Es geht um das Verschwinden der Höfe, die im vorliegenden Film einem Neubaugebiet weichen, und um das Verschwinden der regionalen Sprachen, die sich von Generation zu Generation immer stärker dem Hochdeutschen anpassen.
Von all dem erzählt Justine Bauer zugleich realistisch und stilisiert, ohne den Realismus durch die Stilisierung zu verraten. Vor allem aber erzählt sie aufs Wesentliche reduziert, ganz so, wie die Menschen in ihrem Debütfilm agieren. Bauers Frauen sind mutig und nicht auf den Mund gefallen, sagen in ihrer schönen Mundart aber auch kein einziges Wort zu viel.
Fazit: Justine Bauer liefert mit ihrem ersten abendfüllenden Spielfilm ein erstaunlich reifes Debüt ab. Was in erster Linie daran liegt, dass die 1990 im baden-württembergischen Crailsheim geborene Regisseurin und Drehbuchautorin weiß, wovon sie erzählt. Selten waren das Landleben und die landwirtschaftliche Arbeit in einem deutschen Film so authentisch und zugleich so poetisch wie in diesem. Ein beachtliches Debüt mit Mundart und Mut, das seine Figuren, deren Heimatregion und Dialekt ernst nimmt und auf eine erfolgreiche Karriere hoffen lässt.
Falk Straub
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Besetzung & Crew von "Milch ins Feuer"
Land: DeutschlandJahr: 2025
Genre: Drama
Länge: 78 Minuten
FSK: 12
Kinostart: 07.08.2025
Regie: Justine Bauer
Darsteller: Pauline Bullinger, Anne Nothacker, Karolin Nothacker, Sara Nothacker, Johanna Wokalek
Kamera: Pedro Carnicer
Verleih: Filmperlen
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