oder
Ecce Homo - Der verlorene Caravaggio
Ecce Homo - Der verlorene Caravaggio
© Arsenal

Ecce Homo - Der verlorene Caravaggio (2025)

The Sleeper. El Caravaggio perdido

Kurioser Kunstkrimi: Dokumentarfilm über ein Gemälde, das ein echter Caravaggio sein könnte.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelm??iggutweltklasse 2 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelm??iggutweltklasse 4.5 / 5

Filmsterne von 1 bis 5 dürfen vergeben werden, wobei 1 die schlechteste und 5 die beste mögliche Bewertung ist. Es haben insgesamt 2 Besucher eine Bewertung abgegeben.


Der neue Dokumentarfilm von Álvaro Longoria handelt von einem "Schläfer". Damit wird in der Kunstwelt ein Kunstwerk von enormem Wert bezeichnet, das bislang noch nicht als solches erkannt worden ist. Durch einen Wohnungsumzug in Spaniens Hauptstadt Madrid kam ein solches Werk auf den Markt. Das Gemälde, das ursprünglich der Schule des Malers Jusepe de Ribera (1591–1652) zugeschrieben wurde, sollte im Auktionshaus Ansorena für 1500 Euro versteigert werden. Als der Katalog der Auktion online ging, wurden jedoch gleich mehrere renommierte Kunsthändler hellhörig. Sie vermuteten hinter dem Gemälde eins von Michelangelo Merisi alias Caravaggio (1571–1610), einem der teuersten Maler des Frühbarock. Doch handelt es sich wirklich um einen Sensationsfund?

Longoria hat für seinen Dokumentarfilm, den er in Madrid, London, Rom und weiteren italienischen Städten gedreht hat, alle an dem Fund beteiligten Akteure vor der Kamera versammelt. Neben den Mitgliedern der Besitzerfamilie Pérez de Castro sind das unter anderem der federführende Kunsthändler Jorge Coll, seines Zeichens Besitzer von Colnaghi, der ältesten Kunstgalerie der Welt, die Professorin Maria Cristina Terzaghi, der Restaurator Andrea Cipriani sowie Jaime Mato, der Direktor des Auktionshauses, das das Gemälde ursprünglich versteigern sollte.

Bildergalerie zum Film "Ecce Homo - Der verlorene Caravaggio"

Ecce Homo - Der verlorene CaravaggioEcce Homo - Der verlorene CaravaggioEcce Homo - Der verlorene CaravaggioEcce Homo - Der verlorene CaravaggioEcce Homo - Der verlorene CaravaggioEcce Homo - Der verlorene Caravaggio

Hier streamen


Filmkritikunterirdischschlechtmittelm??iggutweltklasse2 / 5

"Ecce Homo": Zweifelhafter Sensationsfund

"Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich." Dieses Mark Twain zugeschriebene Zitat passt wunderbar auf diesen Film. Denn der Spanier Álvaro Longoria ist nicht der erste Regisseur, der sich einem phänomenalen Zufallsfund aus dem Bereich der Malerei dokumentarisch annähert. Bereits vier Jahre vor ihm zeichnete der Däne Andreas Koefoed in "The Lost Leonardo" (2021) eine ganz ähnlich gelagerte und noch spektakulärere Entdeckung nach, die des bis dato teuersten Gemäldes aller Zeiten: "Salvator Mundi".

Das Gemälde wurde 2005 für schlappe 1175 US-Dollar bei einer Auktion ersteigert und wechselte zwölf Jahre später für sage und schreibe 450 Millionen US-Dollar den Besitzer. Dazwischen lagen eine aufwendige Restaurierung und jede Menge Expertisen, die Leonardo da Vinci als Urheber bestätigen sollten. Doch die Provenienz des Gemäldes ist bis heute umstritten. In "Ecce Homo" dokumentiert und rekonstruiert Álvaro Longoria ein vergleichbares Schauspiel, das sich um das gleichnamige, angeblich von Caravaggio stammende Gemälde entspinnt. Auch dieses Werk hätte bei einer Auktion beinahe für eine niedrige vierstellige Summe den Besitzer gewechselt und wäre auf dem freien Markt mit großer Wahrscheinlichkeit Hunderte Millionen Euro wert gewesen. Doch es kam anders.

Unterhaltsam und unkritisch

Anders als bei "Salvator Mundi" werden gleich mehrere prominente Kunsthändler auf "Ecce Homo" aufmerksam, noch bevor das Gemälde mit einem angesetzten Startpreis von gerade einmal 1500 Euro versteigert werden soll. Mit Beziehungen und Verhandlungsgeschick gelingt es einem Zusammenschluss dreier Händler unter Führung von Jorge Coll, das Gemälde direkt von der Familie zu erwerben, in deren Besitz es sich seit Anfang des 19. Jahrhunderts befindet und in deren Esszimmer es vor der Weltöffentlichkeit verborgen und von der Kunstwelt unentdeckt vor sich hin schlummerte. Später schiebt das spanische Kultusministerium einem Weiterverkauf auf dem offenen Markt einen Riegel vor, indem es den Export des Gemäldes, das heute auf unbestimmte Zeit im Prado hängt, untersagt. Longoria inszeniert diesen Wettstreit der Händler um die Gunst der Besitzerfamilie als Montage widerstreitender Stimmen. Was erhellende Einblicke in die Branche gewährt und durchaus amüsant ist.

Was das Hinterfragen eines aus den Fugen geratenen Kunstmarkts angeht, lässt "Ecce Homo – Der verlorene Caravaggio" allerdings zu wünschen übrig. Zwar kommen einige wenige kritische Stimmen zu Wort, etwa der Kunsthistoriker Nicola Spinosa, der die Urheberschaft Caravaggios nach wie vor anzweifelt. Ein Nachbohren vonseiten des Regisseurs sucht man indessen vergebens. Stattdessen ergeht sich Álvaro Longoria lieber darin, seine Interviewpartner in schönstem Chiaroscuro auszuleuchten. Und noch etwas vermisst man als Zuschauer schmerzlich: eine akribische Dokumentation des Authentifizierungsverfahrens.

Laut dem Regisseur sei auch dieses im Entstehungsprozess des Films begleitet worden. Im fertigen Film selbst wird darüber aber ständig nur geredet, anstatt beispielsweise die vom Gemälde gemachten Röntgenaufnahmen auch dem Kinopublikum vor Augen zu führen. Und wie sieht es mit der Altersbestimmung von Leinwand und Farbe aus? Wurden diese überhaupt durchgeführt? Auf diese Fragen gibt Longorias Film weder eine Antwort noch stellt er sie. Was letzten Endes dazu führt, dass die Zweifel an der Echtheit des Gemäldes mit voranschreitender Filmdauer eher wachsen als schrumpfen.

Unbefriedigendes Ende

Und so bleibt nicht viel mehr von diesem Dokumentarfilm als ein bunter Chor aus Kunsthändlern, Kunstexperten, Familienmitgliedern und Journalisten, der so vielstimmig und stimmgewaltig ist, dass einem angesichts der kurzen Laufzeit von 78 doch sehr unübersichtlichen Minuten der Kopf schwirrt. Derweil schwebt die große Frage nach der Echtheit des Gemäldes über allem. Sie bleibt ebenso unbeantwortet wie die Frage nach dem Käufer und dem Kaufpreis des Gemäldes, was einen unbefriedigt zurücklässt. Womit wir wieder beim Eingangszitat dieser Filmkritik angelangt wären. Der einleitende Aphorismus passt auch deshalb so gut zu diesem Film, weil er Mark Twain zwar zugeschrieben wird, es aber keinen Nachweis gibt, ob er tatsächlich vom berühmten Schriftsteller stammt.

Fazit: Thematisch und inszenatorisch erinnert dieser Dokumentarfilm an einen anderen: Andreas Koefoeds "The Lost Leonardo" (2021). An dessen Klasse, Unterhaltungswert und kritisches Sezieren eines aus den Fugen geratenen Kunstmarkts reicht "Ecce Homo – Der verlorene Caravaggio" von Regisseur Álvaro Longoria allerdings nicht heran.




Besetzung & Crew von "Ecce Homo - Der verlorene Caravaggio"

Land: Spanien, Italien
Jahr: 2025
Genre: Dokumentation
Originaltitel: The Sleeper. El Caravaggio perdido
Länge: 78 Minuten
Kinostart: 31.07.2025
Regie: Alvàro Longoria
Darsteller: Maria Cristina Terzaghi, Jorge Coll, Filippo Benappi, Andrea Lullo, Mercedes Méndez Atard
Kamera: Fiorela Gianuzzi, Hernán Pérez
Verleih: Arsenal



Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.