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Die jüngste Tochter (2025)
La petite dernière
Preisgekröntes französisches Drama zwischen Coming-of-Age und Coming-out.Kritiker-Film-Bewertung:User-Film-Bewertung:
Filmsterne von 1 bis 5 dürfen vergeben werden, wobei 1 die schlechteste und 5 die beste mögliche Bewertung ist. Es haben insgesamt 1 Besucher eine Bewertung abgegeben.
Die 17-jährige Fatima (Nadia Melliti) ist eine Musterschülerin. Während ihr bester Kumpel und Banknachbar Benjamin (Louis Memmi) den Unterricht nicht ernst nimmt, ist Fatima auf gute Noten bedacht. Denn sie will dem Pariser Vorort, in dem sie als jüngste von drei Töchtern einer algerischen Einwandererfamilie in einer kleinen Wohnung lebt, irgendwann einmal den Rücken kehren können. Ihr Abschlusszeugnis ist ihr Ticket an eine Pariser Universität und in eine neue Welt.
Hier lebt Fatima ihre lange unterdrückte und vor ihrer Familie und ihren Freunden weiterhin verheimlichte Sexualität endlich richtig aus. Im Sommer vor dem Studienbeginn lernt sie die Krankenschwester Ji-Na (Ji-min Park) kennen und verliebt sich in sie. Doch Ji-Nas leidet an einer schweren Depression und beendet die Beziehung, woraufhin sich Fatima ins Pariser Nachtleben und sexuelle Abenteuer stürzt. Als gläubige Muslima gerät sie dabei immer stärker mit sich selbst in Konflikt.
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Filmkritik
"Die jüngste Tochter": Luft zum Atmen
Fatimas Tag beginnt noch vor dem Sonnenaufgang. Jede Morgendämmerung betet die junge Muslima verschleiert zu Allah. Von dem Anblick, den die 17-Jährige ein paar Stunden später in der Schule abgibt, könnte dieses Bild kaum weiter entfernt sein. Die langen Haare zu einem Pferdeschwanz unter der Baseballcap zusammengebunden, in Turnschuhen, Jogginghose und Kapuzenpulli steigt sie zu ihrem besten Kumpel aufs Motorrad. Vor dem Schulgebäude angekommen, hängt sie, die trotz ihres Asthmas mit Vorliebe Fußball spielt, mit Jungs ab, die sich für ziemlich cool halten, mit ihren erfundenen sexuellen Eskapaden und homophoben Sprüchen aber nur hochnotpeinlich sind. Fatima macht derweil gute Miene zum pubertären Spiel.
Einem heimlichen Freund zum Trotz steht Fatima insgeheim auf Frauen. Die in der Öffentlichkeit aufrechterhaltene Fassade führt gar dazu, dass Fatima einen queeren Mitschüler attackiert, als dieser sie als die "Lesbe" benennt, die er längst in ihr erkannt hat. So weit, ihre eigene Sexualität zu unterdrücken, reicht Fatimas Selbstverleugnung aber nicht. Denn in diesem Film geht vieles zusammen, was in thematisch ähnlich gelagerten Dramen eine Grundlage für künstlich herbeigeführte Konflikte böte: Religion und Homosexualität etwa oder traditionelle Familienvorstellungen und offene Liebe. Wie "Die jüngste Tochter" viele typische Tropen eines Coming-out-Films wiederholt unterläuft, ist erfrischend.
Erfrischend beiläufig, aber bisweilen sperrig
Vermutlich liegt es an der Vorlage, dass sich dieser Film so undramatisch, natürlich und lebensnah anfühlt. Die aus Filmen wie "Couscous mit Fisch" (2007), "Exit Marrakech" (2013) und "Schwestern" (2020) bekannte Schauspielerin Hafsia Herzi hat den gleichnamigen, autobiografischen Roman der Schriftstellerin Fatima Daas verfilmt. Es ist Herzis dritter abendfüllender Spielfilm als Regisseurin. Schon die ersten beiden schafften es zu den Filmfestspielen nach Cannes, liefen allerdings nur in Nebensektionen. Erst "Die jüngste Tochter" konkurrierte um die Goldene Palme, die bekanntlich an Jafar Panahis "Ein einfacher Unfall" ging. Einen Preis nahm Herzis Film von der Croisette dennoch mit nach Hause: Nadia Melliti, die die Titelrolle der jüngsten Tochter Fatima spielt, wurde als beste Darstellerin ausgezeichnet, was umso beachtlicher ist, als es sich um ihre erste Filmrolle handelt. Der Preis ist sicherlich nicht unverdient. Es muss aber auch gesagt sein, dass Melliti ihn vermutlich nicht erhalten hätte, wären die Jurys in Cannes nicht seit Jahren darauf bedacht, ihre Preise an so viele Filme wie möglich zu verteilen und ja kein Werk mit mehr als einem Preis zu bedenken.
Im Wechsel der Jahreszeiten und über eine erzählte Zeit von einem Jahr folgt die Handlung Fatimas Leben mit einer beeindruckenden Beiläufigkeit. Und weil das Kinopublikum der verschlossenen Protagonistin nicht in den Kopf schauen kann, ist der Film auf Nadia Mellitis Präsenz angewiesen. Die bringt die Debütantin zum Glück ebenso mit wie Ji-min Park ("Return to Seoul", 2022), die eine Krankenschwester spielt, die Fatima während eines Atem-Kurses für Asthmatiker kennen und später lieben lernt. Die Szenen zwischen Melitti und Park sind denn auch die besten, intensivsten, intimsten und schönsten in einer gelungenen Literaturadaption, deren größte Schwäche die vielen Leerstellen sind. Die Regisseurin wollte eine Hauptfigur schaffen, die sich ohne große Worte ausdrückt und auf ihr Umfeld blickt, "als würde sie die Welt wie ein Schwamm aufsaugen". Das ist Hafsia Herzi geglückt, macht ihre Protagonistin und den Film bisweilen aber sperrig und unzugänglich.
Fazit: Hafsia Herzi hat den gleichnamigen Debütroman von Fatima Daas verfilmt und mit einer vielversprechenden Debütantin in der Hauptrolle besetzt. Nadia Melliti, die bei den Filmfestspielen in Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde, beeindruckend mit schierer Präsenz in einem Film über eine junge muslimische Frau, die sich ihren Freiraum zwischen ihrem Glauben und ihrer Sexualität auf ihre eigene Weise erarbeitet, um Luft zum Atmen zu haben.
Fatimas Tag beginnt noch vor dem Sonnenaufgang. Jede Morgendämmerung betet die junge Muslima verschleiert zu Allah. Von dem Anblick, den die 17-Jährige ein paar Stunden später in der Schule abgibt, könnte dieses Bild kaum weiter entfernt sein. Die langen Haare zu einem Pferdeschwanz unter der Baseballcap zusammengebunden, in Turnschuhen, Jogginghose und Kapuzenpulli steigt sie zu ihrem besten Kumpel aufs Motorrad. Vor dem Schulgebäude angekommen, hängt sie, die trotz ihres Asthmas mit Vorliebe Fußball spielt, mit Jungs ab, die sich für ziemlich cool halten, mit ihren erfundenen sexuellen Eskapaden und homophoben Sprüchen aber nur hochnotpeinlich sind. Fatima macht derweil gute Miene zum pubertären Spiel.
Einem heimlichen Freund zum Trotz steht Fatima insgeheim auf Frauen. Die in der Öffentlichkeit aufrechterhaltene Fassade führt gar dazu, dass Fatima einen queeren Mitschüler attackiert, als dieser sie als die "Lesbe" benennt, die er längst in ihr erkannt hat. So weit, ihre eigene Sexualität zu unterdrücken, reicht Fatimas Selbstverleugnung aber nicht. Denn in diesem Film geht vieles zusammen, was in thematisch ähnlich gelagerten Dramen eine Grundlage für künstlich herbeigeführte Konflikte böte: Religion und Homosexualität etwa oder traditionelle Familienvorstellungen und offene Liebe. Wie "Die jüngste Tochter" viele typische Tropen eines Coming-out-Films wiederholt unterläuft, ist erfrischend.
Erfrischend beiläufig, aber bisweilen sperrig
Vermutlich liegt es an der Vorlage, dass sich dieser Film so undramatisch, natürlich und lebensnah anfühlt. Die aus Filmen wie "Couscous mit Fisch" (2007), "Exit Marrakech" (2013) und "Schwestern" (2020) bekannte Schauspielerin Hafsia Herzi hat den gleichnamigen, autobiografischen Roman der Schriftstellerin Fatima Daas verfilmt. Es ist Herzis dritter abendfüllender Spielfilm als Regisseurin. Schon die ersten beiden schafften es zu den Filmfestspielen nach Cannes, liefen allerdings nur in Nebensektionen. Erst "Die jüngste Tochter" konkurrierte um die Goldene Palme, die bekanntlich an Jafar Panahis "Ein einfacher Unfall" ging. Einen Preis nahm Herzis Film von der Croisette dennoch mit nach Hause: Nadia Melliti, die die Titelrolle der jüngsten Tochter Fatima spielt, wurde als beste Darstellerin ausgezeichnet, was umso beachtlicher ist, als es sich um ihre erste Filmrolle handelt. Der Preis ist sicherlich nicht unverdient. Es muss aber auch gesagt sein, dass Melliti ihn vermutlich nicht erhalten hätte, wären die Jurys in Cannes nicht seit Jahren darauf bedacht, ihre Preise an so viele Filme wie möglich zu verteilen und ja kein Werk mit mehr als einem Preis zu bedenken.
Im Wechsel der Jahreszeiten und über eine erzählte Zeit von einem Jahr folgt die Handlung Fatimas Leben mit einer beeindruckenden Beiläufigkeit. Und weil das Kinopublikum der verschlossenen Protagonistin nicht in den Kopf schauen kann, ist der Film auf Nadia Mellitis Präsenz angewiesen. Die bringt die Debütantin zum Glück ebenso mit wie Ji-min Park ("Return to Seoul", 2022), die eine Krankenschwester spielt, die Fatima während eines Atem-Kurses für Asthmatiker kennen und später lieben lernt. Die Szenen zwischen Melitti und Park sind denn auch die besten, intensivsten, intimsten und schönsten in einer gelungenen Literaturadaption, deren größte Schwäche die vielen Leerstellen sind. Die Regisseurin wollte eine Hauptfigur schaffen, die sich ohne große Worte ausdrückt und auf ihr Umfeld blickt, "als würde sie die Welt wie ein Schwamm aufsaugen". Das ist Hafsia Herzi geglückt, macht ihre Protagonistin und den Film bisweilen aber sperrig und unzugänglich.
Fazit: Hafsia Herzi hat den gleichnamigen Debütroman von Fatima Daas verfilmt und mit einer vielversprechenden Debütantin in der Hauptrolle besetzt. Nadia Melliti, die bei den Filmfestspielen in Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde, beeindruckend mit schierer Präsenz in einem Film über eine junge muslimische Frau, die sich ihren Freiraum zwischen ihrem Glauben und ihrer Sexualität auf ihre eigene Weise erarbeitet, um Luft zum Atmen zu haben.
Falk Straub
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Besetzung & Crew von "Die jüngste Tochter"
Land: FrankreichWeitere Titel: The Little Sister
Jahr: 2025
Genre: Drama
Originaltitel: La petite dernière
Länge: 106 Minuten
Kinostart: 25.12.2025
Regie: Hafsia Herzi
Darsteller: Nadia Melliti, Park Ji-Min, Amina Ben Mohamed, Melissa Guers, Rita Benmannana
Kamera: Jérémie Attard
Verleih: Alamode Film





