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Silent Friend (2025)

International produziertes, in Marburg spielendes Drama über einsame Menschen, einfühlsame Pflanzen und den Wandel der Zeit.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelm??iggutweltklasse 4 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelm??iggutweltklasse 3.0 / 5

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Ein Baum, drei Geschichten: Als der Hongkonger Neurowissenschaftler Tony (Tony Leung) im Jahr 2020 nach Deutschland kommt, um an er Universität Marburg zu lehren, bremst Covid ihn aus. Die Pandemie legt den akademischen Betrieb lahm. Als einziger ausländischer Dozent im Gästehaus der Universität zieht Tony einsam seine Kreise, während ihn der Hausmeister Anton (Sylvester Groth) misstrauisch beäugt. Weil Tony seine Forschung nicht fortführen kann, wechselt er zu einem neuen Gegenstand: Unter Anleitung der in Paris lebenden Wissenschaftlerin Alice (Léa Seydoux) nimmt er ein Experiment an einem mehr als hundert Jahre alten Ginkgo-Baum in Marburgs botanischem Garten vor.

Derselbe Baum stand dort schon 1972 und wurde Zeuge, wie die Studentin Gundula (Marlene Burow) am Beispiel einer Geranie versuchte, eine Sprache der Pflanzen zu ergründen. Als Gundula den Sommer über auf Reisen geht, ist es jedoch ihr Liebhaber Hannes (Enzo Brumm), der Gundulas Experiment in deren Abwesenheit zum Erfolg führt – ohne dass Gundula etwas davon mitbekäme.

Noch deutlich kleiner war der Ginkgo im Jahr 1908, als die junge Grete (Luna Wedler) an der Marburger Universität gegen große Widerstände als erste Frau ein Studium antrat. Um ihr Auskommen zu finanzieren, heuert sie beim Fotografen Fuchs (Martin Wuttke) als Aushilfe an. Das von ihm erlernte Handwerk nutzt sie dazu, bahnbrechende Aufnahmen von Pflanzen anzufertigen.

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"Silent Friend": Die geheime Liebe der Bäume

Die Karriere von Ildikó Enyedi gleicht ihren Filmen: Beide sind so wechselvoll wie wundersam. Schon das Erstlingswerk der 1955 in Budapest geborenen Enyedi war mehr als ein Achtungserfolg. Für "Mein 20. Jahrhundert" (Originaltitel: "Az én XX. századom"), ein in betörenden Schwarz-Weiß-Bildern gedrehtes, ins Märchenhafte, Magische und Surreale abdriftendes Drama über die getrennten Wege zweier Zwillingsschwestern, wurde die ungarische Drehbuchautorin und Regisseurin bei den 42. Internationalen Filmfestspiele von Cannes im Jahr 1989 mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet. Auch in Enyedis nächsten Filmen "Bűvös vadász" (1994), einer Adaption der Oper "Der Freischütz", und "Simon mágus " (1999), einer Übertragung der Geschichte um Simon Magus und den Apostel Petrus in die Gegenwart, ging es bisweilen übersinnlich zu. Beide Werke wurden zudem zu prominenten Festivals eingeladen. Doch trotz dieser Erfolge erlangten die Filme außerhalb Ungarns kaum Bekanntheit – und es wurde erst einmal still um die begnadete Regisseurin.

In der Nachfolge drehte Ildikó Enyedi Kurzfilme und fürs Fernsehen. Im Kino meldete sie sich erst 18 Jahre nach ihrem bis dato letzten Film zurück – und wie! "Körper und Seele", ein abermals mit surrealen, magisch realistischen und diesmal auch animistischen und animalistischen Motiven durchtränkter Film, der von einer im doppelten Sinn traumhaften Liebe im Umfeld eines Budapester Schlachthofs handelt, gewann den Hauptpreis der 67. Berlinale. Fast 30 Jahre nach dem Gewinn der Goldenen Kamera in Cannes hielt Ildikó Enyedi also einen Goldenen Bären in Händen. Ein später Triumph für eine Filmemacherin, die das Kino zu einer sinnlichen Erfahrung macht. Und die Regisseurin bleibt sich treu. Nach einem Abstecher ins realistische Fach – mit "Die Geschichte meiner Frau" adaptierte Enyedi zuletzt den gleichnamigen Roman ihres 1967 verstorbenen Landsmanns Milán Füst – geht es in ihrem jüngsten Werk endlich wieder überraschend und verblüffend zu.

Zärtliche Zeitläufte

"Silent Friend" wurde bei den 82. Internationalen Filmfestspielen von Venedig uraufgeführt und ist Enyedis bislang anspruchsvollste Arbeit. In drei unterschiedlichen Epochen angesiedelt, jongliert die Regisseurin nicht nur gekonnt mit drei verschiedenen Erzählebenen, sie hat sich auch dafür entschieden, diese von ihrem Kameramann Gergely Pálos in unterschiedlichen Filmformaten und auf unterschiedlichem Material darbieten zu lassen. Luna Wedler, die für ihre Darstellung der jungen Grete mit dem Marcello-Mastroianni-Preis als beste Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet wurde, sehen wir auf diese Weise in schönen Schwarz-Weiß-Aufnahmen beim Studieren zu, während sich Hannes (Enzo Brumm) und Gundula (Marlene Burow) auf grobkörnigem 16-mm-Material durch die 1970er-Jahre bewegen und der Neurowissenschaftler Tony (Tony Leung) im Jahr 2020 in klaren Digitalaufnahmen festgehalten wurde.

Einmal mehr erzählt Ildikó Enyedi auf zärtliche wie poetische Weise von einsamen Seelen, indem sie unsere Welt mit der Tier- und Pflanzenwelt verschränkt und den Menschen als das begreift, was er ist: ein Bestandteil der Natur. Bei aller Tragik und Kontemplation darf die von der Ungarin gewohnte Komik aber auch in "Silent Friend" nicht fehlen. Es sind vor allem die Szenen zwischen dem von Enzo Brumm gespielten Hannes und seiner Geranie, die einen zum Schmunzeln bringen und für kindische Freude im Kinosaal sorgen. Ebenso (be-)rührend wie amüsant ist auch die behutsame "Völkerverständigung" zwischen dem urdeutschen Faktotum Anton (Sylvester Groth) und Tony aus Hongkong. Dass die Regisseurin Tony Leung ("Eine Stadt der Traurigkeit", "In the Mood for Love") für diese Hauptrolle gewinnen konnte, ist ein kleiner Coup und ein großes Glück. Es ist Leungs erste Rolle überhaupt in einem europäischen Film und er erfüllt sie mit Gewicht und Grazie.

Neben vielem anderen von Goethes "zartem Empirismus" inspiriert, der den Wissenschaftler als Teil des Experiments begriff, und mit einer auf überraschende Art erotischen Schlusspointe versehen, glückt Ildikó Enyedi ein nachdenkliches Drama über die Vergänglichkeit. Im Angesicht eines uralten, majestätischen Ginkgo-Baums sind wir Menschen urplötzlich ganz klein.

Fazit: Ildikó Enyedi ist zurück und läuft zu alter Stärke auf. Nach dem Bären-Gewinner "Körper und Seele" (2017) entführt die ungarische Regisseurin und Drehbuchautorin das Kinopublikum abermals in eine traumhafte Welt. "Silent Friend" erzählt einmal mehr zärtlich, kontemplativ und klug von einsamen Seelen, diesmal indem die epochenüberspannende Handlung die Menschen- mit der Pflanzenwelt poetisch verschränkt. Ebenso kraftvoll wie graziös!




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Zum Video: Silent Friend

Besetzung & Crew von "Silent Friend"

Land: Deutschland, Ungarn, Frankreich, China
Jahr: 2025
Genre: Historie, Biografie
Länge: 147 Minuten
Kinostart: 15.01.2026
Regie: Ildikó Enyedi
Darsteller: Tony Leung Chiu-wai, Luna Wedler, Enzo Brumm, Léa Seydoux, Sylvester Groth
Verleih: Pandora Film

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