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La Scala - Die Macht des Schicksals (2025)
La force du destin
Französischer Dokumentarfilm über eine italienische Opernproduktion.Kritiker-Film-Bewertung:User-Film-Bewertung:
Filmsterne von 1 bis 5 dürfen vergeben werden, wobei 1 die schlechteste und 5 die beste mögliche Bewertung ist. Es haben insgesamt 1 Besucher eine Bewertung abgegeben.
Die Saison an der Mailänder Scala, einem der berühmtesten Opernhäuser der Welt, beginnt jedes Jahr am 7. Dezember. Für die neue Spielzeit hat sich der Regisseur Leo Muscato etwas Besonderes einfallen lassen. Er möchte Giuseppe Verdis "Die Macht des Schicksals" modernisieren und die Geschichte aus der Vergangenheit bis in (die Kriege) unsere(r) Gegenwart holen. Er siedelt jedes der vier Kapitel in einem anderen Jahrhundert an.
Die Filmemacherin Anissa Bonnefont war mit ihrer Crew dabei und hat die Entstehung dieser Inszenierung von der Auswahl der Tänzerinnen bis zur Premiere über einen Zeitraum von 80 Tagen begleitet.
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Filmkritik
"La Scala": Viel Vorbereitung, wenig Oper
Die Chancen stehen gut, dass sich einige Zuschauer diesen Film in einem Kino ansehen, das wie das berühmte Mailänder Opernhaus heißt, von dem er handelt. Denn um dem neuen Medium mehr Glanz zu verleihen, wurden viele Lichtspielhäuser mit eleganten Namen versehen, die sie bis heute tragen. Manche davon verweisen auf die Antike wie Apollo, Odeon, Gloria, Rex, Capitol oder Metropol. Nicht ganz so weit in die Historie zurück reicht das Ansehen des 1778 eröffneten Teatro alla Scala, das durch eine Namensübertragung ebenfalls auf das Kino abfärben sollte.
Vom deutschen Titel dieses Dokumentarfilms sollte man sich allerdings nicht blenden lassen. Zwar spielt sich das Geschehen innerhalb der Mailänder Scala ab, um die Geschichte des weltberühmten Opernhauses geht es aber ebenso wenig wie um dessen architektonischen oder hierarchischen Aufbau. Stattdessen konzentriert sich die französische Regisseurin Anissa Bonnefont auf die Entstehung einer Aufführung, die sie von den Entwürfen des Bühnenbildes bis zur feierlichen Premiere mit der Kamera begleitet. Der Titel der aufgeführten Oper, Giuseppe Verdis "La forza del destino"gibt der Doku den Namen: "La force du destin" heißt der Film im französischen Original. Von dieser "Macht des Schicksals", die sich im deutschen Untertitel wiederfindet, ist im fertigen Film allerdings nichts zu spüren.
Im falschen Modus
Das liegt zum einen daran, dass die Produktion einer Oper nicht vom Schicksal, sondern vom Talent vieler Hände und von dessen geschickter Koordination abhängt. Bei einem Kinobesuch sollte man also weder Schicksalsschläge noch glückliche Fügungen erwarten, gut gemachte Arbeit über alle Bühnengewerke hinweg hingegen schon. Zum anderen liegt es daran, dass Bonnefont viel zu wenig von der "Macht des Schicksals", also von der eigentlichen Oper, zeigt. Auf dem Plakat zum Film ist unterhalb des Titels der vielversprechende Zusatz "Die Entstehung eines Meisterwerks" zu lesen. Doch während Bonnefonts Doku den Entstehungsprozess ausführlich nachzeichnet, kommt die Bühnenaufführung selbst so kurz, dass sich beim besten Willen nicht erschließt, warum gerade diese Inszenierung ein Meisterwerk sein soll.
Das hat nicht zuletzt mit der filmischen Form zu tun. Die Regisseurin hat sich für einen rein beobachtenden Modus in der Tradition des Direct Cinema entschieden. Das schafft einerseits zwar eine beachtliche Nähe zu den handelnden Akteuren, wenn diese die von Martina Cocco sehr agil geführte Kamera komplett vergessen. Andererseits bietet es ihnen die Gelegenheit, sich in kritischen Momenten mühelos aus der Affäre zu ziehen, weil sie wissen, dass Anissa Bonnefont nicht nachhaken wird. Das ist beispielsweise während der Pressekonferenz der Fall, auf der sich die Sopranistin Anna Netrebko eine Spur zu kryptisch zum russischen Angriffskrieg in der Ukraine äußert, wie Netrebko in der Doku ohnehin auffällig abwesend bleibt. (Ein Schelm, wer dabei denkt, es könnte an ihren streitbaren politischen Ansichten liegen.) Und es entschärft ein ums andere Mal die Spannungen, die zwischen Leo Muscato, dem Regisseur der Oper, und dem Dirigenten Riccardo Chailly, zwischen Chailly und seinen Musikern sowie zwischen Muscato und seinem amerikanischen Tenor Brian Jagde in der Luft liegen. Denn sobald diese Protagonisten der Kamera gewahr werden, herrscht zwischen ihnen urplötzlich eitel Sonnenschein. Wodurch sich beim Kinopublikum wiederum der Eindruck verfestigt, dass die Entstehung dieser Inszenierung nur deshalb so reibungslos verläuft, weil ein Filmteam vor Ort war.
Kein richtiger Fokus
Erschwerend hinzu kommt, dass dem Film der Fokus fehlt. Lange Zeit sieht es so aus, als wolle Bonnefont ihre Doku über Leo Muscato aufziehen, denn in der ersten halben Stunde gibt es kaum eine Szene, in der der unermüdliche Regisseur nicht mitmischt, Anweisungen erteilt, sich mit den unterschiedlichsten Gewerken hinter den Kulissen austauscht. Doch dann verschiebt sich der Fokus auf den Dirigenten und weitere Akteure, beinahe so, als sei der Regisseurin erst mitten im Film eingefallen, dass mehr Menschen als nur Muscato an der Produktion beteiligt sind. In einem Interview danach gefragt, wie sie die Protagonisten ihres Films festgelegt habe, gibt die Regisseurin denn auch ungeniert zu Protokoll: "Das geschah einfach im Laufe des Drehs." Der Dramaturgie ihrer Doku ist das leider nicht zuträglich.
Als einziger erzählerischer roter Fäden fungiert das Vergehen der Zeit und somit das Näherrücken der Premiere. Die einfallslose Einblendung eines Countdowns, der die noch verbleibenden Tage bis zu großen Abend herunterzählt, soll Spannung erzeugen, was leidlich gelingt. Allem Anschein nach haben sich Bonnefont und Co. im Vorfeld der Dreharbeiten zu wenige konzeptionelle Gedanken gemacht und auch im Nachgang die dramaturgischen Mängel nicht über eine bessere Montage des gefilmten Materials lösen können.
Fazit: Die Regisseurin Anissa Bonnefont hat einen Dokumentarfilm über eine Aufführung an der Mailänder Scala gedreht. Der rein beobachtende Modus, für den sich Bonnefont entschieden hat, ist dabei jedoch die denkbar schlechteste Wahl, weil er viele Fragen unbeantwortet und den Protagonisten die Möglichkeit lässt, sich in kritischen Situationen problemlos aus der Affäre zu ziehen. An vergleichbare Dokus wie "L'opéra de Paris" (2017) oder "Das Haus der guten Geister" (2019) reicht "La Scala" nicht heran.
Die Chancen stehen gut, dass sich einige Zuschauer diesen Film in einem Kino ansehen, das wie das berühmte Mailänder Opernhaus heißt, von dem er handelt. Denn um dem neuen Medium mehr Glanz zu verleihen, wurden viele Lichtspielhäuser mit eleganten Namen versehen, die sie bis heute tragen. Manche davon verweisen auf die Antike wie Apollo, Odeon, Gloria, Rex, Capitol oder Metropol. Nicht ganz so weit in die Historie zurück reicht das Ansehen des 1778 eröffneten Teatro alla Scala, das durch eine Namensübertragung ebenfalls auf das Kino abfärben sollte.
Vom deutschen Titel dieses Dokumentarfilms sollte man sich allerdings nicht blenden lassen. Zwar spielt sich das Geschehen innerhalb der Mailänder Scala ab, um die Geschichte des weltberühmten Opernhauses geht es aber ebenso wenig wie um dessen architektonischen oder hierarchischen Aufbau. Stattdessen konzentriert sich die französische Regisseurin Anissa Bonnefont auf die Entstehung einer Aufführung, die sie von den Entwürfen des Bühnenbildes bis zur feierlichen Premiere mit der Kamera begleitet. Der Titel der aufgeführten Oper, Giuseppe Verdis "La forza del destino"gibt der Doku den Namen: "La force du destin" heißt der Film im französischen Original. Von dieser "Macht des Schicksals", die sich im deutschen Untertitel wiederfindet, ist im fertigen Film allerdings nichts zu spüren.
Im falschen Modus
Das liegt zum einen daran, dass die Produktion einer Oper nicht vom Schicksal, sondern vom Talent vieler Hände und von dessen geschickter Koordination abhängt. Bei einem Kinobesuch sollte man also weder Schicksalsschläge noch glückliche Fügungen erwarten, gut gemachte Arbeit über alle Bühnengewerke hinweg hingegen schon. Zum anderen liegt es daran, dass Bonnefont viel zu wenig von der "Macht des Schicksals", also von der eigentlichen Oper, zeigt. Auf dem Plakat zum Film ist unterhalb des Titels der vielversprechende Zusatz "Die Entstehung eines Meisterwerks" zu lesen. Doch während Bonnefonts Doku den Entstehungsprozess ausführlich nachzeichnet, kommt die Bühnenaufführung selbst so kurz, dass sich beim besten Willen nicht erschließt, warum gerade diese Inszenierung ein Meisterwerk sein soll.
Das hat nicht zuletzt mit der filmischen Form zu tun. Die Regisseurin hat sich für einen rein beobachtenden Modus in der Tradition des Direct Cinema entschieden. Das schafft einerseits zwar eine beachtliche Nähe zu den handelnden Akteuren, wenn diese die von Martina Cocco sehr agil geführte Kamera komplett vergessen. Andererseits bietet es ihnen die Gelegenheit, sich in kritischen Momenten mühelos aus der Affäre zu ziehen, weil sie wissen, dass Anissa Bonnefont nicht nachhaken wird. Das ist beispielsweise während der Pressekonferenz der Fall, auf der sich die Sopranistin Anna Netrebko eine Spur zu kryptisch zum russischen Angriffskrieg in der Ukraine äußert, wie Netrebko in der Doku ohnehin auffällig abwesend bleibt. (Ein Schelm, wer dabei denkt, es könnte an ihren streitbaren politischen Ansichten liegen.) Und es entschärft ein ums andere Mal die Spannungen, die zwischen Leo Muscato, dem Regisseur der Oper, und dem Dirigenten Riccardo Chailly, zwischen Chailly und seinen Musikern sowie zwischen Muscato und seinem amerikanischen Tenor Brian Jagde in der Luft liegen. Denn sobald diese Protagonisten der Kamera gewahr werden, herrscht zwischen ihnen urplötzlich eitel Sonnenschein. Wodurch sich beim Kinopublikum wiederum der Eindruck verfestigt, dass die Entstehung dieser Inszenierung nur deshalb so reibungslos verläuft, weil ein Filmteam vor Ort war.
Kein richtiger Fokus
Erschwerend hinzu kommt, dass dem Film der Fokus fehlt. Lange Zeit sieht es so aus, als wolle Bonnefont ihre Doku über Leo Muscato aufziehen, denn in der ersten halben Stunde gibt es kaum eine Szene, in der der unermüdliche Regisseur nicht mitmischt, Anweisungen erteilt, sich mit den unterschiedlichsten Gewerken hinter den Kulissen austauscht. Doch dann verschiebt sich der Fokus auf den Dirigenten und weitere Akteure, beinahe so, als sei der Regisseurin erst mitten im Film eingefallen, dass mehr Menschen als nur Muscato an der Produktion beteiligt sind. In einem Interview danach gefragt, wie sie die Protagonisten ihres Films festgelegt habe, gibt die Regisseurin denn auch ungeniert zu Protokoll: "Das geschah einfach im Laufe des Drehs." Der Dramaturgie ihrer Doku ist das leider nicht zuträglich.
Als einziger erzählerischer roter Fäden fungiert das Vergehen der Zeit und somit das Näherrücken der Premiere. Die einfallslose Einblendung eines Countdowns, der die noch verbleibenden Tage bis zu großen Abend herunterzählt, soll Spannung erzeugen, was leidlich gelingt. Allem Anschein nach haben sich Bonnefont und Co. im Vorfeld der Dreharbeiten zu wenige konzeptionelle Gedanken gemacht und auch im Nachgang die dramaturgischen Mängel nicht über eine bessere Montage des gefilmten Materials lösen können.
Fazit: Die Regisseurin Anissa Bonnefont hat einen Dokumentarfilm über eine Aufführung an der Mailänder Scala gedreht. Der rein beobachtende Modus, für den sich Bonnefont entschieden hat, ist dabei jedoch die denkbar schlechteste Wahl, weil er viele Fragen unbeantwortet und den Protagonisten die Möglichkeit lässt, sich in kritischen Situationen problemlos aus der Affäre zu ziehen. An vergleichbare Dokus wie "L'opéra de Paris" (2017) oder "Das Haus der guten Geister" (2019) reicht "La Scala" nicht heran.
Falk Straub
TrailerAlle "La Scala - Die Macht des Schicksals"-Trailer anzeigen

Besetzung & Crew von "La Scala - Die Macht des Schicksals"
Land: FrankreichJahr: 2025
Genre: Dokumentation
Originaltitel: La force du destin
Länge: 92 Minuten
Kinostart: 18.12.2025
Regie: Anissa Bonnefont
Darsteller: Silvia Aymonino, Fabrizio Beggi, Vasilisa Berzhanskaya, Carlo Bosi, Riccardo Chailly
Kamera: Martina Cocco
Verleih: Neue Visionen






