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No Mercy (2025)

Dokumentarfilm über die provokante Frage, ob Frauen die härteren Filme machen – und über Macht, Gewalt und den weiblichen Blick im Kino.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelm??iggutweltklasse 4 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelm??iggutweltklasse 3.0 / 5

Filmsterne von 1 bis 5 dürfen vergeben werden, wobei 1 die schlechteste und 5 die beste mögliche Bewertung ist. Es haben insgesamt 1 Besucher eine Bewertung abgegeben.


Ausgangspunkt dieses Dokumentarfilms ist ein Satz der ukrainischen Regisseurin Kira Muratova, den sie 2001 in einem Gespräch mit der Filmemacherin Isa Willinger formulierte: "Frauen machen die härteren Filme." Diese These, so Muratova, sei ihr bereits 1988 beim Frauenfilmfestival im französischen Créteil bewusst geworden. Für Willinger wird dieser Gedanke zum Ausgangspunkt einer weltweiten Spurensuche.

Sie reist um die Welt, um mit einigen der renommiertesten zeitgenössischen Regisseurinnen zu sprechen und sie mit Muratovas Behauptung zu konfrontieren. Zu ihren Gesprächspartnerinnen zählen unter anderem Catherine Breillat, Virginie Despentes, Nina Menkes, Céline Sciamma, Alice Diop und Ana Lily Amirpour. In offenen, teils sehr persönlichen Gesprächen reflektieren sie über Gewalt, Körperlichkeit, Sexualität, Macht und filmische Radikalität in ihren Werken.

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“No Mercy”: Jenseits des Male Gaze

Mit "No Mercy" legt Isa Willinger ihren dritten Kino-Dokumentarfilm vor. Nach "Hi, AI", der Beziehungen zwischen Menschen und humanoiden Robotern untersuchte, und "Plastic Fantastic" über die globale Plastikproduktion und ihre ökologischen Folgen, wendet sie sich nun dem Kino selbst zu – und damit auch der eigenen filmischen Sozialisation.

Dass der Film von einer These Kira Muratovas ausgeht, ist alles andere als zufällig. Willinger beschäftigt sich seit Jahren mit der Regisseurin, veröffentlichte 2013 die Monografie "Kira Muratova – Kino und Subversion" und macht aus dieser langjährigen Auseinandersetzung keinen Hehl. "No Mercy" ist damit auch ein selbstreflexiver Film: Im Voice-over erzählt Willinger von ihren cineastischen Prägungen, von Entdeckungen und Irritationen – und von der Faszination für ein Kino, das nicht gefallen will.

Was ist Härte?

Die Leitfrage "Machen Frauen die härteren Filme?" dient dabei als wiederkehrender Gesprächseinstieg mit den Filmemacherinnen. Doch der Film begnügt sich nicht mit einer bloßen Ja-oder-Nein-Logik. Er entfaltet vielmehr ein Panorama unterschiedlicher Positionen. Für Virginie Despentes, deren radikaler Gestus etwa in "Baise-moi (Fick mich!)" unübersehbar ist, steht außer Frage, dass Frauen die brutalsten, kompromisslosesten Filme drehen können. Céline Sciamma hingegen – bekannt durch "Porträt einer jungen Frau in Flammen" – lehnt eine plakative Vorstellung von Härte eher ab und denkt Gewalt stärker als strukturelles, oft unsichtbares Moment.

Gerade in diesen Differenzen gewinnt der Film an Tiefe. "Härte" erscheint hier nicht nur als explizite Gewaltdarstellung, sondern auch als emotionale Schonungslosigkeit, als formale Radikalität oder als Weigerung, sich marktgängigen Erwartungen zu beugen. Willinger lenkt den Blick zudem auf die Produktionsbedingungen: patriarchale Machtverhältnisse in der Filmindustrie, Zuschreibungen an ein vermeintlich "weibliches" Erzählen und die permanente Aushandlung künstlerischer Freiheit.

Zeit für (Wieder-)Entdeckungen

Zentral ist dabei die Auseinandersetzung mit dem Konzept des "Female Gaze", also der Frage, ob und wie sich ein weiblicher Blick ästhetisch und politisch vom traditionell objektifizierenden "Male Gaze" unterscheidet. Der Film verknüpft theoretische Überlegungen mit prägnanten Filmausschnitten und persönlichen Erfahrungsberichten – und bleibt dabei angenehm diskursiv, ohne ins Dozierende abzurutschen. Statt Thesen zu zementieren, öffnet er Räume für Widerspruch.

So ist "No Mercy" fest in der feministischen Filmtheorie verwurzelt und hinterfragt grundlegende Annahmen über das Patriarchat in der Filmwelt. Wird von Frauen gezeigte Gewalt anders bewertet als die von Männern? Und wenn ja: warum? Die Antworten bleiben vielstimmig – und genau darin liegt die Stärke des Films.

Auf theoretischer Ebene ist das für cinephile Zuschauerinnen und Zuschauer ausgesprochen anregend, weil die Regisseurinnen ihre ästhetischen Entscheidungen und Beweggründe offenlegen. Gleichzeitig entfaltet der Film eine ganz praktische Wirkung: Die oft nur selten im deutschen Kino gezeigten Werke von Filmemacherinnen wie Nina Menkes oder Apolline Traoré machen neugierig. Auch der historische Rückblick weckt Interesse – etwa an den Arbeiten von Valie Export, Monika Treut oder Margit Czenki.

Fazit: "No Mercy“ ist ein kluger, selbstreflexiver und diskursfreudiger Dokumentarfilm, der feministische Filmtheorie lebendig macht und zugleich Lust aufs (Wieder-)Entdecken radikaler Regisseurinnen weckt. Statt einfache Antworten zu liefern, eröffnet er produktive Widersprüche – und fordert dazu auf, Kino neu und genauer zu sehen.




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Zum Video: No Mercy

Besetzung & Crew von "No Mercy"

Land: Deutschland, Österreich
Jahr: 2025
Genre: Dokumentation
Länge: 104 Minuten
Kinostart: 05.03.2026
Regie: Isabella Willinger
Darsteller: Ana Lily Amirpour, Catherine Breillat, Jackie Buet, Margit Czenki, Virginie Despentes
Verleih: Real Fiction

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