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All my sisters (2025)
Achtzehn Jahre Familienchronik aus dem Iran: Ein Onkel begleitet seine Nichten von der Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter mit der Kamera.Kritiker-Film-Bewertung:User-Film-Bewertung:
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Zwischen 2007 und 2025, achtzehn Jahre lang, hat Massoud Bakhshi seine Nichten Mahya und Zahra mit der Kamera begleitet – entstanden ist daraus ein knapp 80-minütiger Dokumentarfilm, der mit einer ungewöhnlichen Ansage beginnt. Bevor er den fertigen Schnitt seinen inzwischen erwachsenen Nichten zeigt, erklärt Bakhshi sein Vorgehen: Sobald die beiden neun Jahre alt waren, unterzog er das Material derselben Prozedur, mit der das iranische Staatsfernsehen ausländische Filme bearbeitet, wenn darin zu viel nackte Haut oder offenes Haar zu sehen ist – Gesichter werden herangezoomt, Bilder abgedunkelt, gefiltert.
Die ersten Jahre wirken wie ein Familienvideo: Die Mädchen schaukeln, spielen mit Barbiepuppen und Videospielen, während im Hintergrund die Stimme der Großmutter vom Koran, von Sünde und Frömmigkeit erzählt. Auffällig ist, wer fehlt – die Eltern tauchen so gut wie nie auf, im Zentrum stehen fast durchgehend die beiden Schwestern, unterbrochen nur, wenn Onkel Massoud die Vorführung stoppt, um nach ihren Erinnerungen zu fragen. Mit der Pubertät verändert sich das Bild: Das Kopftuch wird sichtbar, in der Schule zeigt sich eine leise, aber unübersehbare Form staatlicher Indoktrination, gegen die sich die Mädchen später auflehnen.
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Filmkritik
"All My Sisters": Vorsicht ist die Mutter der Kamera
Die Klugheit dieses von Regisseur Massoud Bakhshi gewählten Auftakts liegt darin, wie er eine reine Vorsichtsmaßnahme in eine Geste der Zuneigung übersetzt. Bakhshi hätte seine Selbstzensur einfach anwenden und verschweigen können – stattdessen macht er sie offen zum Thema und damit zum moralischen Fundament des gesamten Films. Wenn der Onkel mitten in der Vorführung innehält, um seine Nichten zu fragen, was gezeigt werden darf und was nicht, ist das mehr als ein erzählerischer Kniff: Es ist ein echter Akt der Machtabgabe.
Die schiere Langzeitperspektive lädt zum Vergleich mit Richard Linklaters "Boyhood" ein, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied – hier ist nichts gespielt, jeder Zeitsprung entspricht echtem, gelebtem Leben. Bemerkenswert ist zudem die Leerstelle, die der Film bewusst lässt: Die Eltern bleiben fast unsichtbar, während die Großmutter, meist nur als Stimme aus dem Off, mit religiösen Lektionen den Grundton setzt. So entsteht, fast beiläufig, ein weiblich dominierter Erzählraum, in dem Männer bestenfalls am Rand vorkommen – eine stille, aber wirkungsvolle Absage an ein patriarchal geprägtes Kino, ganz ohne moralischen Zeigefinger.
Handwerklich überzeugt der Film vor allem in seinen Übergängen. Ohne große Ankündigung springt die Montage vom unbeschwerten Spiel mit Puppen und Videospielen zu dem Moment, in dem das Kopftuch zum selbstverständlichen Bildelement wird – eine Beobachtung, die eindringlicher wirkt als jeder Kommentar es könnte. Später, im Schulalter, sind es die Mädchen selbst, die die deutlichsten Worte finden: "Wir sollten das Bildungsministerium in Brand setzen", sagt eine von ihnen beiläufig, das Fach Medienanalyse sei ohnehin "so lahm" – Sätze, die zwischen jugendlichem Trotz und echtem politischem Bewusstsein liegen und gerade dadurch glaubwürdig wirken. Die eigentliche Zäsur setzen die Proteste von 2022. Dazu führen die beiden Mädchen ein Gespräch mit der Großmutter, das nie offen eskaliert, aber spürbar an eine Grenze rührt.
Gerade die Großmutter bleibt dabei eine faszinierend widersprüchliche Figur: nah am religiösen Hardliner-Milieu des Regimes und zugleich spürbar liebevoll mit ihren Enkelinnen verbunden. Dazu spürt man, dass Mahya und Zahra im wirklichen Leben vermutlich noch kritischer sind, als der Film es offen zeigt – denn "All My Sisters" spricht eher aus den Zwischenräumen der Bilder als aus den Bildern selbst.
Fazit: Zwischen Familienalbum und politischer Chronik gelingt Bakhshi ein zärtlicher, kluger Balanceakt: eine Langzeitbeobachtung darüber, wie aus behüteten Mädchen eigenständige, kritische Frauen werden – und darüber, wie viel Mut und Fürsorge es braucht, diese Geschichte verantwortungsvoll zu erzählen.
Die Klugheit dieses von Regisseur Massoud Bakhshi gewählten Auftakts liegt darin, wie er eine reine Vorsichtsmaßnahme in eine Geste der Zuneigung übersetzt. Bakhshi hätte seine Selbstzensur einfach anwenden und verschweigen können – stattdessen macht er sie offen zum Thema und damit zum moralischen Fundament des gesamten Films. Wenn der Onkel mitten in der Vorführung innehält, um seine Nichten zu fragen, was gezeigt werden darf und was nicht, ist das mehr als ein erzählerischer Kniff: Es ist ein echter Akt der Machtabgabe.
Die schiere Langzeitperspektive lädt zum Vergleich mit Richard Linklaters "Boyhood" ein, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied – hier ist nichts gespielt, jeder Zeitsprung entspricht echtem, gelebtem Leben. Bemerkenswert ist zudem die Leerstelle, die der Film bewusst lässt: Die Eltern bleiben fast unsichtbar, während die Großmutter, meist nur als Stimme aus dem Off, mit religiösen Lektionen den Grundton setzt. So entsteht, fast beiläufig, ein weiblich dominierter Erzählraum, in dem Männer bestenfalls am Rand vorkommen – eine stille, aber wirkungsvolle Absage an ein patriarchal geprägtes Kino, ganz ohne moralischen Zeigefinger.
Handwerklich überzeugt der Film vor allem in seinen Übergängen. Ohne große Ankündigung springt die Montage vom unbeschwerten Spiel mit Puppen und Videospielen zu dem Moment, in dem das Kopftuch zum selbstverständlichen Bildelement wird – eine Beobachtung, die eindringlicher wirkt als jeder Kommentar es könnte. Später, im Schulalter, sind es die Mädchen selbst, die die deutlichsten Worte finden: "Wir sollten das Bildungsministerium in Brand setzen", sagt eine von ihnen beiläufig, das Fach Medienanalyse sei ohnehin "so lahm" – Sätze, die zwischen jugendlichem Trotz und echtem politischem Bewusstsein liegen und gerade dadurch glaubwürdig wirken. Die eigentliche Zäsur setzen die Proteste von 2022. Dazu führen die beiden Mädchen ein Gespräch mit der Großmutter, das nie offen eskaliert, aber spürbar an eine Grenze rührt.
Gerade die Großmutter bleibt dabei eine faszinierend widersprüchliche Figur: nah am religiösen Hardliner-Milieu des Regimes und zugleich spürbar liebevoll mit ihren Enkelinnen verbunden. Dazu spürt man, dass Mahya und Zahra im wirklichen Leben vermutlich noch kritischer sind, als der Film es offen zeigt – denn "All My Sisters" spricht eher aus den Zwischenräumen der Bilder als aus den Bildern selbst.
Fazit: Zwischen Familienalbum und politischer Chronik gelingt Bakhshi ein zärtlicher, kluger Balanceakt: eine Langzeitbeobachtung darüber, wie aus behüteten Mädchen eigenständige, kritische Frauen werden – und darüber, wie viel Mut und Fürsorge es braucht, diese Geschichte verantwortungsvoll zu erzählen.
Markus Solty
Besetzung & Crew von "All my sisters"
Land: Österreich, Frankreich, Deutschland, IranJahr: 2025
Genre: Dokumentation
Länge: 78 Minuten
FSK: 12
Kinostart: 20.08.2026
Regie: Massoud Bakhshi
Verleih: Little Dream Pictures GmbH