
© missingFilms
Bagger Drama (2024)
Hochdekoriertes Schweizer Spielfilmdebüt über eine Familie im Berner Seeland, die ihre Trauer eher mit Baggern als mit Worten verarbeitet.Kritiker-Film-Bewertung:User-Film-Bewertung:
Filmsterne von 1 bis 5 dürfen vergeben werden, wobei 1 die schlechteste und 5 die beste mögliche Bewertung ist. Es haben insgesamt 1 Besucher eine Bewertung abgegeben.
Paul (Phil Hayes), Conny (Bettina Stucky) und ihr erwachsener Sohn Daniel (Vincent Furrer) führen gemeinsam ein Familienunternehmen im Berner Seeland: Sie vermieten, verkaufen und reparieren Baumaschinen. Der Betrieb ist weit mehr als eine Einkommensquelle – er ist der Ort, an dem diese Familie überhaupt noch funktioniert. Für Gefühle, Wünsche und Konflikte fehlt dagegen oft die Sprache. Als der plötzliche Tod der Tochter Nadine die drei aus der Bahn wirft, wird nicht nur sichtbar, wie brüchig die familiäre Ordnung schon vorher war, jeder versucht auf eigene Weise mit dem Verlust umzugehen: Der Vater stürzt sich in Arbeit, die Mutter kann nicht loslassen, und der Sohn steht zwischen dem Wunsch nach einem eigenen Leben in den USA und der stillschweigenden Erwartung, den Betrieb einmal zu übernehmen. Dazu kommt Daniels vorsichtige Annäherung an seinen Arbeitskollegen Philipp (Maximilian Reichert).
Bildergalerie zum Film "Bagger Drama"
Hier streamen
Filmkritik
"Bagger Drama": Trauerarbeit mit schwerem Gerät
Zwei Jahre nach seiner umjubelten Weltpremiere in San Sebastián, wo es den New-Directors-Preis gewann, und gut anderthalb Jahre nach dem Schweizer Kinostart kommt Piet Baumgartners Spielfilmdebüt "Bagger Drama" nun auch in die deutschen Kinos – im Gepäck unter anderem den Regiepreis und den Fritz-Raff-Drehbuchpreis vom Max Ophüls Festival 2025 sowie, seit Anfang 2026, zwei Schweizer Filmpreise für die Hauptdarsteller Bettina Stucky und Phil Hayes. Das ist für ein Debüt eine bemerkenswerte Bilanz, und der Film verdient sie sich redlich.
Vom Musikvideo zur Autofiktion
Die Wurzeln des Films reichen fast ein Jahrzehnt zurück: 2015 drehte Baumgartner mit "Through My Street" ein Musikvideo des Musiker Rio Wolta, in dem zwei Bagger in einer Kiesgrube eine Art Pas de deux tanzen – ein Bild, das ihn offenkundig nicht mehr losgelassen hat. Aus dieser bildkünstlerischen Idee und eigenem biografischen Material – Baumgartners Eltern führten selbst einen kleinen Metallbaubetrieb im Berner Seeland, auch er verlor früh eine Schwester und wuchs als schwuler junger Mann auf dem Land auf – entwickelte er über Jahre eine eigenständige Fiktion. Das merkt man dem Film an: Er urteilt nicht, er sortiert seine Figuren nicht in Schuldige und Opfer, sondern lässt Paul, Conny und Daniel als Menschen mit ganz unterschiedlichen, gleichermaßen nachvollziehbaren Formen von Trauer nebeneinanderstehen.
Formal ist das Bemerkenswerteste an "Bagger Drama" tatsächlich das titelgebende Baggerballett und, weiter gefasst, die Idee, Technik als Ersatzsprache einzusetzen. Wo den Figuren die Worte fehlen, übernehmen Maschinen: Hydraulikarme oder ein Garagentor. Dass ausgerechnet gefühllose Geräte die Emotionen der Familie sichtbar machen, könnte plakativ wirken, bleibt hier aber überraschend stimmig – auch weil Kameramann Pascal Reinmann die Maschinenlandschaft mit derselben ruhigen, präzisen Beobachtungsgabe filmt wie die Gesichter der Figuren.
Drei Trauerformen, drei starke Auftritte
Getragen wird der Film von seinem Ensemble. Bettina Stucky spielt Conny mit einer nach außen pragmatischen, oft wortkargen Härte, unter der sich zunehmend eine tiefe Überforderung zeigt. Eine Rolle für die sie zu Recht ausgezeichnet wurde. Phil Hayes gibt Paul eine eigentümliche Mischung aus Grobheit, Unsicherheit und trockenem Humor; seine Flucht nach vorn, in Arbeit und eine neue Beziehung, liest sich zugleich als Trauerstrategie und als Selbstschutz. Vincent Furrer schließlich hat als Daniel gleich mehrere Päckchen zu tragen – familiäre Loyalität, wirtschaftlichen Druck, das eigene Coming-out, den Wunsch nach einem Leben jenseits des Familienbetriebs –, und er trägt diese Ambivalenz glaubwürdig durch die vier erzählten Jahre.
Genau diese Vierjahresstruktur ist die zweite große Entscheidung des Films: Statt eines plötzlichen Schocks mit anschließender Heilung zeigt Baumgartner Trauer als langen, ungleichzeitigen Prozess, in dem Vater, Mutter und Sohn gewissermaßen in unterschiedlichen Zeiten leben. Das verleiht dem Film eine angenehme Erwachsenheit im Umgang mit seinem Thema – nimmt ihm aber phasenweise auch etwas von seiner Dringlichkeit. Zwischen den großen, klug beobachteten Szenen liegen Momente, in denen die konsequente Lakonie eher auf der Stelle tritt, als dass sie neue Facetten der Figuren freilegt; einzelne Übergänge wirken eher angedeutet als ausgestaltet. Manche Zuschauerinnen und Zuschauer dürften diese Zurückhaltung streckenweise eher als Distanz erleben denn als Intimität.
Das ändert wenig daran, dass "Bagger Drama" ein ungewöhnlich eigenständiger Film ist – ein moderner Heimatfilm, der das vertraute Schweizer Inventar aus Bergpanorama, Kühen und Edelweiß durch Kiesgrube, Chorverein und Familienbetrieb ersetzt, ohne dabei ins Klischee zu kippen, und der sein Coming-out-Motiv bemerkenswert unaufgeregt erzählt: Nicht die sexuelle Orientierung ist hier das Problem, sondern die generelle Unfähigkeit dieser Familie, über irgendetwas zu sprechen, das wirklich wehtut.
Fazit: "Bagger Drama" ist ein sehr gut gebautes, klug besetztes und formal eigenständiges Familiendrama, das seine ungewöhnliche Idee – Maschinen als Sprache der Sprachlosen – über weite Strecken überzeugend durchhält. Dass die bewusste Lakonie und die auf vier Jahre gedehnte Erzählzeit dem Film stellenweise etwas von seiner emotionalen Wucht nehmen, fällt da nicht stark ins Gewicht. Zurück bleibt aber ein Film, der lange nachwirkt: sehenswert, warmherzig, unsentimental - und mit einem Ensemble, das seine Preise verdient hat.
Zwei Jahre nach seiner umjubelten Weltpremiere in San Sebastián, wo es den New-Directors-Preis gewann, und gut anderthalb Jahre nach dem Schweizer Kinostart kommt Piet Baumgartners Spielfilmdebüt "Bagger Drama" nun auch in die deutschen Kinos – im Gepäck unter anderem den Regiepreis und den Fritz-Raff-Drehbuchpreis vom Max Ophüls Festival 2025 sowie, seit Anfang 2026, zwei Schweizer Filmpreise für die Hauptdarsteller Bettina Stucky und Phil Hayes. Das ist für ein Debüt eine bemerkenswerte Bilanz, und der Film verdient sie sich redlich.
Vom Musikvideo zur Autofiktion
Die Wurzeln des Films reichen fast ein Jahrzehnt zurück: 2015 drehte Baumgartner mit "Through My Street" ein Musikvideo des Musiker Rio Wolta, in dem zwei Bagger in einer Kiesgrube eine Art Pas de deux tanzen – ein Bild, das ihn offenkundig nicht mehr losgelassen hat. Aus dieser bildkünstlerischen Idee und eigenem biografischen Material – Baumgartners Eltern führten selbst einen kleinen Metallbaubetrieb im Berner Seeland, auch er verlor früh eine Schwester und wuchs als schwuler junger Mann auf dem Land auf – entwickelte er über Jahre eine eigenständige Fiktion. Das merkt man dem Film an: Er urteilt nicht, er sortiert seine Figuren nicht in Schuldige und Opfer, sondern lässt Paul, Conny und Daniel als Menschen mit ganz unterschiedlichen, gleichermaßen nachvollziehbaren Formen von Trauer nebeneinanderstehen.
Formal ist das Bemerkenswerteste an "Bagger Drama" tatsächlich das titelgebende Baggerballett und, weiter gefasst, die Idee, Technik als Ersatzsprache einzusetzen. Wo den Figuren die Worte fehlen, übernehmen Maschinen: Hydraulikarme oder ein Garagentor. Dass ausgerechnet gefühllose Geräte die Emotionen der Familie sichtbar machen, könnte plakativ wirken, bleibt hier aber überraschend stimmig – auch weil Kameramann Pascal Reinmann die Maschinenlandschaft mit derselben ruhigen, präzisen Beobachtungsgabe filmt wie die Gesichter der Figuren.
Drei Trauerformen, drei starke Auftritte
Getragen wird der Film von seinem Ensemble. Bettina Stucky spielt Conny mit einer nach außen pragmatischen, oft wortkargen Härte, unter der sich zunehmend eine tiefe Überforderung zeigt. Eine Rolle für die sie zu Recht ausgezeichnet wurde. Phil Hayes gibt Paul eine eigentümliche Mischung aus Grobheit, Unsicherheit und trockenem Humor; seine Flucht nach vorn, in Arbeit und eine neue Beziehung, liest sich zugleich als Trauerstrategie und als Selbstschutz. Vincent Furrer schließlich hat als Daniel gleich mehrere Päckchen zu tragen – familiäre Loyalität, wirtschaftlichen Druck, das eigene Coming-out, den Wunsch nach einem Leben jenseits des Familienbetriebs –, und er trägt diese Ambivalenz glaubwürdig durch die vier erzählten Jahre.
Genau diese Vierjahresstruktur ist die zweite große Entscheidung des Films: Statt eines plötzlichen Schocks mit anschließender Heilung zeigt Baumgartner Trauer als langen, ungleichzeitigen Prozess, in dem Vater, Mutter und Sohn gewissermaßen in unterschiedlichen Zeiten leben. Das verleiht dem Film eine angenehme Erwachsenheit im Umgang mit seinem Thema – nimmt ihm aber phasenweise auch etwas von seiner Dringlichkeit. Zwischen den großen, klug beobachteten Szenen liegen Momente, in denen die konsequente Lakonie eher auf der Stelle tritt, als dass sie neue Facetten der Figuren freilegt; einzelne Übergänge wirken eher angedeutet als ausgestaltet. Manche Zuschauerinnen und Zuschauer dürften diese Zurückhaltung streckenweise eher als Distanz erleben denn als Intimität.
Das ändert wenig daran, dass "Bagger Drama" ein ungewöhnlich eigenständiger Film ist – ein moderner Heimatfilm, der das vertraute Schweizer Inventar aus Bergpanorama, Kühen und Edelweiß durch Kiesgrube, Chorverein und Familienbetrieb ersetzt, ohne dabei ins Klischee zu kippen, und der sein Coming-out-Motiv bemerkenswert unaufgeregt erzählt: Nicht die sexuelle Orientierung ist hier das Problem, sondern die generelle Unfähigkeit dieser Familie, über irgendetwas zu sprechen, das wirklich wehtut.
Fazit: "Bagger Drama" ist ein sehr gut gebautes, klug besetztes und formal eigenständiges Familiendrama, das seine ungewöhnliche Idee – Maschinen als Sprache der Sprachlosen – über weite Strecken überzeugend durchhält. Dass die bewusste Lakonie und die auf vier Jahre gedehnte Erzählzeit dem Film stellenweise etwas von seiner emotionalen Wucht nehmen, fällt da nicht stark ins Gewicht. Zurück bleibt aber ein Film, der lange nachwirkt: sehenswert, warmherzig, unsentimental - und mit einem Ensemble, das seine Preise verdient hat.
Markus Solty
TrailerAlle "Bagger Drama"-Trailer anzeigen

Besetzung & Crew von "Bagger Drama"
Land: SchweizJahr: 2024
Genre: Drama
Länge: 94 Minuten
Kinostart: 17.09.2026
Darsteller: Bettina Stucky, Phil Hayes, Vincent Furrer, Maximilian Reichert, Karin Pfammatter
Verleih: missingFilms
Verknüpfungen zu "Bagger Drama"Alle anzeigen

Trailer





