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Ein Nobody gegen Putin (2026)
Mr. Nobody Against Putin
Oscar-prämierter Dokumentarfilm über einen Schulvideografen im Ural, der den patriotischen Schulalltag filmen soll – und dabei zum Chronisten der russischen Propaganda wird.Kritiker-Film-Bewertung:User-Film-Bewertung:
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Karabasch, eine graue Industriestadt im Ural, weit weg vom Glanz Moskaus. Pavel "Pasha“ Talankin arbeitet an der Schule Nr. 1 als pädagogischer Projektleiter und Videograf. Er organisiert Veranstaltungen, filmt Schulfeste, Chorproben und Abschlussfeiern und ist für viele Schüler nicht nur der Mann hinter der Kamera, sondern auch jemand, bei dem man sich aufhalten und frei fühlen kann. Mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine verändert sich seine Arbeit. Die Schule soll nun immer stärker patriotische Inhalte vermitteln und dokumentieren: Fahnenappelle, ideologisch geprägten Unterricht, militärische Übungen und Veranstaltungen werden aufgezeichnet und an übergeordnete Stellen weitergeleitet. Pasha erfüllt seinen offiziellen Auftrag – beginnt aber zugleich, das Geschehen für einen anderen Zweck festzuhalten. Über mehr als zwei Jahre sammelt er Bilder davon, wie sich seine Schule und ihre Schüler unter dem Einfluss von Propaganda und Militarisierung verändern. Während die staatlich erwünschten Aufnahmen immer weiter in seinen Alltag eingreifen, wächst für Pasha die Gefahr, dass entdeckt werden könnte, was mit seiner Kamera tatsächlich dokumentiert wird.
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Filmkritik
"Ein Nobody gegen Putin“: Ein Blick von innen auf das System
Die eigentliche Pointe dieses Films liegt nicht im Was, sondern im Wie. Man braucht keine versteckte Kamera, wenn das System selbst darauf besteht, gefilmt zu werden. Das ist der Trick, der "Ein Nobody gegen Putin“ von anderen Filmen über Russland und den Ukraine-Krieg unterscheidet: Hier muss niemand heimlich filmen. Die Bilder, die am Ende gegen die russische Staatsideologie gelesen werden können, sind genau jene Bilder, die offiziell gewünscht sind. Fahnenappelle, militärische Übungen, Granatenweitwurf als Schulwettbewerb, eine Lehrer,in der einen Text über die "Entnazifizierung“ der Ukraine vorliest und dabei sichtbar mit seinen eigenen Worten ringt – all das soll eigentlich die gewünschte patriotische Normalität dokumentieren. Erst durch Auswahl und Montage verändert sich ihre Bedeutung.
Und genau darin liegt eine der großen Stärken des Films: Er bleibt konkret, wo andere Dokumentationen schnell abstrakt werden. Nicht Russland als Ganzes militarisiert seine Jugend, sondern konkret eine bestimmte Lehrerin oder ein bestimmter Text - ob freiwillig oder nicht. Propaganda erscheint hier nicht als lückenlose Lügenmaschine, sondern als etwas auffallend Banales, das vor allem durch Wiederholung und Routine funktioniert. Nicht jeder scheint überzeugt, viele machen schlicht mit. Gerade diese Normalisierung wirkt beunruhigender als das Bild einer vollständig fanatisierten Gesellschaft.
Dazu kommt der Humor, der den Film immer wieder vor bleierner Schwere bewahrt, ohne das Geschehen zu verharmlosen. Wenn Pasha die Z-Symbole an den Fenstern in X-Zeichen verwandelt oder bei einer Zeremonie statt der russischen Hymne Lady Gagas Interpretation der US-Hymne laufen lässt, nutzt er die Absurdität des Systems gegen dieses System selbst. Der Witz ist dabei kein Selbstzweck. Er wird zur Überlebens- und Widerstandsstrategie eines Menschen, der längst begriffen hat, dass offener Protest ihn unmittelbar gefährden würde.
Wo es kritischer wird, ist bei der Frage, wie unmittelbar dieser Film tatsächlich ist. Denn "Ein Nobody gegen Putin“ macht aus seinem dokumentarischen Material eine sehr bewusst komponierte Erzählung. Pavels Voice-over ordnet ständig ein und lenkt den Blick. An mehreren Stellen spürt man aber auch die zwei unterschiedlichen Autorenschaften: die unmittelbare, über zwei Jahre entstandene Beobachtung Talankins und die spätere dramaturgische Form, die David Borenstein im Schneideraum daraus entwickelt. Das ist kein Widerspruch zur dokumentarischen Wahrheit, aber es verändert, wie man die Bilder liest. Einzelne Figuren, allen voran ein Geschichtslehrer, der Stalinismus- und Geheimdienstfiguren als historische Vorbilder nennt, wirken dabei beinahe zu passgenau als Gegenspieler. Man würde gern mehr über sie und ihre Motive erfahren, als der Film zulässt.
Auch die ethische Frage nach den gefilmten Minderjährigen bleibt bestehen. Die Kinder wurden zunächst im Rahmen von Talankins offizieller Arbeit aufgenommen, für eine völlig andere Form der Öffentlichkeit als jene, die nun ein internationaler Kinofilm herstellt. Dass die Aufnahmen deshalb keineswegs automatisch unproblematisch sind, liegt auf der Hand. "Ein Nobody gegen Putin“ besitzt hier nicht nur historische Beweiskraft, sondern ist selbst Teil einer Auseinandersetzung darüber, wem dokumentarische Bilder gehören und wer über ihre spätere Bedeutung entscheidet.
Und natürlich: Eine Schule ist nicht Russland. Der Film konzentriert sich so stark auf Pasha, Karabasch und eine Handvoll Figuren, dass daraus keine soziologische Bestandsaufnahme eines ganzen Landes werden kann. Das muss er allerdings auch nicht leisten. Seine Stärke liegt gerade darin, politische Veränderungen nicht von oben, sondern aus dem Alltag heraus zu betrachten: daran, wie Sprache sich verändert, Rituale hinzukommen und militärische Vorstellungen in einen Lebensabschnitt eindringen, der eigentlich anderen Dingen gehören sollte.
Fazit: Ein persönlicher, klug montierter Dokumentarfilm, dessen größte Kraft aus seinem einzigartigen Material entsteht. Gerade weil hier Beweismaterial und bewusst geformtes Kino zusammenfallen, lohnt der genaue Blick auf beides: auf das, was Pasha festhält, und auf das, was die Regie Borensteins daraus macht.
Die eigentliche Pointe dieses Films liegt nicht im Was, sondern im Wie. Man braucht keine versteckte Kamera, wenn das System selbst darauf besteht, gefilmt zu werden. Das ist der Trick, der "Ein Nobody gegen Putin“ von anderen Filmen über Russland und den Ukraine-Krieg unterscheidet: Hier muss niemand heimlich filmen. Die Bilder, die am Ende gegen die russische Staatsideologie gelesen werden können, sind genau jene Bilder, die offiziell gewünscht sind. Fahnenappelle, militärische Übungen, Granatenweitwurf als Schulwettbewerb, eine Lehrer,in der einen Text über die "Entnazifizierung“ der Ukraine vorliest und dabei sichtbar mit seinen eigenen Worten ringt – all das soll eigentlich die gewünschte patriotische Normalität dokumentieren. Erst durch Auswahl und Montage verändert sich ihre Bedeutung.
Und genau darin liegt eine der großen Stärken des Films: Er bleibt konkret, wo andere Dokumentationen schnell abstrakt werden. Nicht Russland als Ganzes militarisiert seine Jugend, sondern konkret eine bestimmte Lehrerin oder ein bestimmter Text - ob freiwillig oder nicht. Propaganda erscheint hier nicht als lückenlose Lügenmaschine, sondern als etwas auffallend Banales, das vor allem durch Wiederholung und Routine funktioniert. Nicht jeder scheint überzeugt, viele machen schlicht mit. Gerade diese Normalisierung wirkt beunruhigender als das Bild einer vollständig fanatisierten Gesellschaft.
Dazu kommt der Humor, der den Film immer wieder vor bleierner Schwere bewahrt, ohne das Geschehen zu verharmlosen. Wenn Pasha die Z-Symbole an den Fenstern in X-Zeichen verwandelt oder bei einer Zeremonie statt der russischen Hymne Lady Gagas Interpretation der US-Hymne laufen lässt, nutzt er die Absurdität des Systems gegen dieses System selbst. Der Witz ist dabei kein Selbstzweck. Er wird zur Überlebens- und Widerstandsstrategie eines Menschen, der längst begriffen hat, dass offener Protest ihn unmittelbar gefährden würde.
Wo es kritischer wird, ist bei der Frage, wie unmittelbar dieser Film tatsächlich ist. Denn "Ein Nobody gegen Putin“ macht aus seinem dokumentarischen Material eine sehr bewusst komponierte Erzählung. Pavels Voice-over ordnet ständig ein und lenkt den Blick. An mehreren Stellen spürt man aber auch die zwei unterschiedlichen Autorenschaften: die unmittelbare, über zwei Jahre entstandene Beobachtung Talankins und die spätere dramaturgische Form, die David Borenstein im Schneideraum daraus entwickelt. Das ist kein Widerspruch zur dokumentarischen Wahrheit, aber es verändert, wie man die Bilder liest. Einzelne Figuren, allen voran ein Geschichtslehrer, der Stalinismus- und Geheimdienstfiguren als historische Vorbilder nennt, wirken dabei beinahe zu passgenau als Gegenspieler. Man würde gern mehr über sie und ihre Motive erfahren, als der Film zulässt.
Auch die ethische Frage nach den gefilmten Minderjährigen bleibt bestehen. Die Kinder wurden zunächst im Rahmen von Talankins offizieller Arbeit aufgenommen, für eine völlig andere Form der Öffentlichkeit als jene, die nun ein internationaler Kinofilm herstellt. Dass die Aufnahmen deshalb keineswegs automatisch unproblematisch sind, liegt auf der Hand. "Ein Nobody gegen Putin“ besitzt hier nicht nur historische Beweiskraft, sondern ist selbst Teil einer Auseinandersetzung darüber, wem dokumentarische Bilder gehören und wer über ihre spätere Bedeutung entscheidet.
Und natürlich: Eine Schule ist nicht Russland. Der Film konzentriert sich so stark auf Pasha, Karabasch und eine Handvoll Figuren, dass daraus keine soziologische Bestandsaufnahme eines ganzen Landes werden kann. Das muss er allerdings auch nicht leisten. Seine Stärke liegt gerade darin, politische Veränderungen nicht von oben, sondern aus dem Alltag heraus zu betrachten: daran, wie Sprache sich verändert, Rituale hinzukommen und militärische Vorstellungen in einen Lebensabschnitt eindringen, der eigentlich anderen Dingen gehören sollte.
Fazit: Ein persönlicher, klug montierter Dokumentarfilm, dessen größte Kraft aus seinem einzigartigen Material entsteht. Gerade weil hier Beweismaterial und bewusst geformtes Kino zusammenfallen, lohnt der genaue Blick auf beides: auf das, was Pasha festhält, und auf das, was die Regie Borensteins daraus macht.
Markus Solty
TrailerAlle "Ein Nobody gegen Putin"-Trailer anzeigen

Besetzung & Crew von "Ein Nobody gegen Putin"
Land: DänemarkJahr: 2026
Genre: Dokumentation
Originaltitel: Mr. Nobody Against Putin
Länge: 90 Minuten
FSK: 12
Kinostart: 24.09.2026
Darsteller: Pavel Talankin, Vladimir Putin, Galina Aleksandrovna, Pavel Abdulmanov, Nebraska
Kamera: Pavel Talankin
Verleih: W-Film






