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Maspalomas (2025)
Spanisches Drama über einen 76-jährigen schwulen Lebemann, der nach einem Schlaganfall aus seinem freien Leben auf Gran Canaria in ein baskisches Pflegeheim gerät – und dort beginnt, seine seit Jahrzehnten gelebte Identität wieder zu verbergen.Kritiker-Film-Bewertung:User-Film-Bewertung:
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Vicente (José Ramón Soroiz), 76, hat sein Leben spät, aber gründlich zurückerobert: Seit rund 25 Jahren lebt er nach langer Ehe offen schwul auf Gran Canaria, genießt Sonne, Bars, Dates und die Freizügigkeit rund um Maspalomas. Mitten in einer sexuellen Begegnung erleidet er einen Schlaganfall. Nach dem Krankenhaus bringt ihn seine Tochter Nerea (Nagore Aranburu), zu der er kaum noch Kontakt hatte, in einer Pflegeeinrichtung in San Sebastián unter, jener Stadt, die er vor Jahrzehnten hinter sich gelassen hat. Körperlich eingeschränkt und plötzlich wieder auf Hilfe angewiesen, zieht sich Vicente zunehmend zurück und beginnt, seine Homosexualität zu verheimlichen, obwohl niemand sie ihm ausdrücklich verbietet. Zugleich kündigt sich im Hintergrund die Corona-Pandemie an.
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Filmkritik
"Maspalomas“: Die Freiheit hat ein Verfallsdatum
Klassisches queeres Kino erzählt für gewöhnlich den Weg aus der Verheimlichung heraus – Scham, Erkenntnis, Geständnis, Erleichterung. "Maspalomas“ setzt nicht dort ein, wo diese Geschichte endet, sondern nimmt sich erst einmal ausführlich Zeit für das Leben davor. Die ersten gut zwanzig Minuten gehören Vicente und seiner Freiheit auf Gran Canaria: seinem Begehren, seinen Flirts, seinen sexuellen Abenteuern, der Selbstverständlichkeit, mit der er seinen Körper und seine Lust längst angenommen hat. Erst danach kommt der Einschnitt, der diese Selbstverständlichkeit erschüttert. Dass ausgerechnet das baskische Moriarti-Kollektiv diesen Stoff aufgegriffen hat, ist dabei kaum zufällig: Mit "Der endlose Graben“ erzählte das Regieteam von Aitor Arregi, Jon Garaño und José Mari Goenaga schon einmal vom jahrzehntelangen Verstecken, während "Herbstgefühle – 80 Days“ von einer späten lesbischen Liebe handelt. José Mari Goenaga hat "Maspalomas“ selbst in diese Linie gestellt.
Gerade weil der Film Vicente zunächst so lange in seiner alten Freiheit zeigt, ist der spätere Rückzug ins Heim mehr als ein schlichter Handlungsumschwung. "Maspalomas“ macht etwas sichtbar, das selbst im queeren Kino noch immer erstaunlich selten vorkommt: einen alten Menschen, dessen Sexualität nicht bloß Teil seiner Vergangenheit ist. Vicente begehrt, flirtet und hat Sex, und der Film zeigt das mit einer Direktheit, die zunächst fast verblüffender wirkt als der spätere Konflikt. Sein Alter wird dabei weder verschwiegen noch zum Thema gemacht. Er ist nicht "trotz“ seiner 76 Jahre ein sexuelles Wesen, sondern schlicht eines.
Das macht den Gegensatz zwischen den beiden Lebenswelten umso wirksamer. Die warme, offene, bewegte Bildgestaltung des kanarischen Teils weicht im Heim einer kühleren und engeren Inszenierung. Dabei wird Maspalomas zu mehr als einem Urlaubsort oder einer Kulisse für Vicentes sexuelle Freiheit: Der Ort steht für eine Lebensform, in der er sich selbstverständlich bewegen konnte. Wenn sich dieser Raum verändert, bleibt das Versprechen, das mit ihm verbunden ist, trotzdem bestehen. Der Film erlaubt sich dabei eine gewisse Verklärung – nicht aus Naivität, sondern weil der Verlust nur dann spürbar werden kann, wenn zuvor etwas gezeigt wurde, das es tatsächlich zu verlieren gab.
Aus diesem Spannungsverhältnis entwickelt "Maspalomas“ sein eigentliches Thema. Vicente muss nicht noch einmal entdecken, wer er ist; er weiß es längst. Trotzdem beginnt er, seine Identität zu verbergen. Niemand verbietet ihm, schwul zu sein, und gerade das macht die Situation so unangenehm: Es genügt offenbar schon das Gefühl, in einer Umgebung nicht hineinzupassen. Aus der längst überwunden geglaubten Verheimlichung wird wieder eine soziale Erwartung, die Vicente zunehmend selbst übernimmt. Die Freiheit ist nicht abgeschafft – sie scheint nur plötzlich nicht mehr für ihn vorgesehen.
Auch die Pandemie fügt sich überraschend gut in diese Idee. "Maspalomas“ benutzt Corona nicht als Katastrophenkulisse, sondern als Spiegel für Vicentes Situation. Während er sich zunehmend aus dem öffentlichen Leben zurückzieht, erlebt die Gesellschaft selbst einen kollektiven Freiheitsentzug. Beides begegnet sich, ohne dass der Film daraus eine aufdringliche Parallele machen müsste. Ausgerechnet eine Geschichte über das Verstecken findet damit ein Bild für eine Welt, in der plötzlich alle drinnen bleiben müssen.
Dass das Drehbuch dabei nicht bei der gesellschaftlichen Ebene stehen bleibt, ist seine vielleicht größte Stärke. Denn Vicente ist nicht nur jemand, dem etwas widerfahren ist. Seine Tochter Nerea hat ihren eigenen Verlust zu tragen. Sie hat den Vater nicht einfach an eine intolerante Gesellschaft verloren; sie wurde von ihm verlassen und muss mit den Folgen einer Entscheidung leben, die aus seiner Sicht verständlich und notwendig war. "Maspalomas“ versucht gar nicht erst, diese beiden Perspektiven gegeneinander aufzurechnen. Gerade weil Vicente recht haben darf, ohne dass Nereas Schmerz dadurch kleiner würde, bekommt die Familiengeschichte eine Glaubwürdigkeit, die viele Versöhnungsdramen vermissen lassen.
José Ramón Soroiz nutzt seine erste Kinohauptrolle für eine Figur, die sich nie vollständig erklären lässt. Der seit rund fünf Jahrzehnten im baskischen Theater- und Filmgeschäft tätige Schauspieler spielt Vicente nicht als tragischen alten Mann und auch nicht als ewigen Lebemann, sondern als jemanden, der sich ständig neu sortieren muss: trotzig, gekränkt, lustvoll, verletzlich und manchmal alles zugleich. Vieles davon steckt in Blicken, Pausen oder kleinen Veränderungen der Körperhaltung. Gerade weil Soroiz auf demonstrative Effekte verzichtet, bekommt die Figur eine bemerkenswerte Selbstverständlichkeit.
So fügt sich "Maspalomas“ ziemlich organisch in das bisherige Werk des Moriarti-Kollektivs ein. Wieder geht es um Menschen, die von ihrer Umwelt auf eine bestimmte Rolle festgelegt werden und irgendwann feststellen müssen, dass die eigene Identität sich darin nicht ohne Weiteres unterbringen lässt. Nur ist das Verstecken diesmal nicht das Ergebnis eines offenen Verbots. Es entsteht dort, wo Freiheit eigentlich längst erreicht schien – und genau darin liegt die leise, aber ziemlich bittere Pointe dieses Films.
Fazit: "Maspalomas“ erzählt warmherzig und mit erstaunlicher Direktheit davon, dass Freiheit kein Zustand ist, den man einmal erreicht und dann für immer besitzt. Hauptdarsteller José Ramón Soroiz macht daraus eine bemerkenswert unaufdringliche Figur, die den Film weit über das klassische Coming-out-Drama hinausführt.
Klassisches queeres Kino erzählt für gewöhnlich den Weg aus der Verheimlichung heraus – Scham, Erkenntnis, Geständnis, Erleichterung. "Maspalomas“ setzt nicht dort ein, wo diese Geschichte endet, sondern nimmt sich erst einmal ausführlich Zeit für das Leben davor. Die ersten gut zwanzig Minuten gehören Vicente und seiner Freiheit auf Gran Canaria: seinem Begehren, seinen Flirts, seinen sexuellen Abenteuern, der Selbstverständlichkeit, mit der er seinen Körper und seine Lust längst angenommen hat. Erst danach kommt der Einschnitt, der diese Selbstverständlichkeit erschüttert. Dass ausgerechnet das baskische Moriarti-Kollektiv diesen Stoff aufgegriffen hat, ist dabei kaum zufällig: Mit "Der endlose Graben“ erzählte das Regieteam von Aitor Arregi, Jon Garaño und José Mari Goenaga schon einmal vom jahrzehntelangen Verstecken, während "Herbstgefühle – 80 Days“ von einer späten lesbischen Liebe handelt. José Mari Goenaga hat "Maspalomas“ selbst in diese Linie gestellt.
Gerade weil der Film Vicente zunächst so lange in seiner alten Freiheit zeigt, ist der spätere Rückzug ins Heim mehr als ein schlichter Handlungsumschwung. "Maspalomas“ macht etwas sichtbar, das selbst im queeren Kino noch immer erstaunlich selten vorkommt: einen alten Menschen, dessen Sexualität nicht bloß Teil seiner Vergangenheit ist. Vicente begehrt, flirtet und hat Sex, und der Film zeigt das mit einer Direktheit, die zunächst fast verblüffender wirkt als der spätere Konflikt. Sein Alter wird dabei weder verschwiegen noch zum Thema gemacht. Er ist nicht "trotz“ seiner 76 Jahre ein sexuelles Wesen, sondern schlicht eines.
Das macht den Gegensatz zwischen den beiden Lebenswelten umso wirksamer. Die warme, offene, bewegte Bildgestaltung des kanarischen Teils weicht im Heim einer kühleren und engeren Inszenierung. Dabei wird Maspalomas zu mehr als einem Urlaubsort oder einer Kulisse für Vicentes sexuelle Freiheit: Der Ort steht für eine Lebensform, in der er sich selbstverständlich bewegen konnte. Wenn sich dieser Raum verändert, bleibt das Versprechen, das mit ihm verbunden ist, trotzdem bestehen. Der Film erlaubt sich dabei eine gewisse Verklärung – nicht aus Naivität, sondern weil der Verlust nur dann spürbar werden kann, wenn zuvor etwas gezeigt wurde, das es tatsächlich zu verlieren gab.
Aus diesem Spannungsverhältnis entwickelt "Maspalomas“ sein eigentliches Thema. Vicente muss nicht noch einmal entdecken, wer er ist; er weiß es längst. Trotzdem beginnt er, seine Identität zu verbergen. Niemand verbietet ihm, schwul zu sein, und gerade das macht die Situation so unangenehm: Es genügt offenbar schon das Gefühl, in einer Umgebung nicht hineinzupassen. Aus der längst überwunden geglaubten Verheimlichung wird wieder eine soziale Erwartung, die Vicente zunehmend selbst übernimmt. Die Freiheit ist nicht abgeschafft – sie scheint nur plötzlich nicht mehr für ihn vorgesehen.
Auch die Pandemie fügt sich überraschend gut in diese Idee. "Maspalomas“ benutzt Corona nicht als Katastrophenkulisse, sondern als Spiegel für Vicentes Situation. Während er sich zunehmend aus dem öffentlichen Leben zurückzieht, erlebt die Gesellschaft selbst einen kollektiven Freiheitsentzug. Beides begegnet sich, ohne dass der Film daraus eine aufdringliche Parallele machen müsste. Ausgerechnet eine Geschichte über das Verstecken findet damit ein Bild für eine Welt, in der plötzlich alle drinnen bleiben müssen.
Dass das Drehbuch dabei nicht bei der gesellschaftlichen Ebene stehen bleibt, ist seine vielleicht größte Stärke. Denn Vicente ist nicht nur jemand, dem etwas widerfahren ist. Seine Tochter Nerea hat ihren eigenen Verlust zu tragen. Sie hat den Vater nicht einfach an eine intolerante Gesellschaft verloren; sie wurde von ihm verlassen und muss mit den Folgen einer Entscheidung leben, die aus seiner Sicht verständlich und notwendig war. "Maspalomas“ versucht gar nicht erst, diese beiden Perspektiven gegeneinander aufzurechnen. Gerade weil Vicente recht haben darf, ohne dass Nereas Schmerz dadurch kleiner würde, bekommt die Familiengeschichte eine Glaubwürdigkeit, die viele Versöhnungsdramen vermissen lassen.
José Ramón Soroiz nutzt seine erste Kinohauptrolle für eine Figur, die sich nie vollständig erklären lässt. Der seit rund fünf Jahrzehnten im baskischen Theater- und Filmgeschäft tätige Schauspieler spielt Vicente nicht als tragischen alten Mann und auch nicht als ewigen Lebemann, sondern als jemanden, der sich ständig neu sortieren muss: trotzig, gekränkt, lustvoll, verletzlich und manchmal alles zugleich. Vieles davon steckt in Blicken, Pausen oder kleinen Veränderungen der Körperhaltung. Gerade weil Soroiz auf demonstrative Effekte verzichtet, bekommt die Figur eine bemerkenswerte Selbstverständlichkeit.
So fügt sich "Maspalomas“ ziemlich organisch in das bisherige Werk des Moriarti-Kollektivs ein. Wieder geht es um Menschen, die von ihrer Umwelt auf eine bestimmte Rolle festgelegt werden und irgendwann feststellen müssen, dass die eigene Identität sich darin nicht ohne Weiteres unterbringen lässt. Nur ist das Verstecken diesmal nicht das Ergebnis eines offenen Verbots. Es entsteht dort, wo Freiheit eigentlich längst erreicht schien – und genau darin liegt die leise, aber ziemlich bittere Pointe dieses Films.
Fazit: "Maspalomas“ erzählt warmherzig und mit erstaunlicher Direktheit davon, dass Freiheit kein Zustand ist, den man einmal erreicht und dann für immer besitzt. Hauptdarsteller José Ramón Soroiz macht daraus eine bemerkenswert unaufdringliche Figur, die den Film weit über das klassische Coming-out-Drama hinausführt.
Markus Solty
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Besetzung & Crew von "Maspalomas"
Land: SpanienJahr: 2025
Genre: Drama, Gay
Länge: 115 Minuten
FSK: 16
Kinostart: 24.09.2026
Regie: José Mari Goenaga, Aitor Arregi
Darsteller: José Ramón Soroiz, Kandido Uranga, Zorion Eguileor, Nagore Aramburu
Kamera: Javi Agirre Erauso
Verleih: Salzgeber & Co. Medien GmbH
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