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Holofiction (2025)

Aus Hunderten Spielfilmen über den Holocaust montiert Michal Kosakowski einen Film, der unsere Vorstellung von Geschichte auf den Prüfstand stellt.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelm??iggutweltklasse 4 / 5
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Wie hat das Kino den Holocaust im Laufe der Jahrzehnte dargestellt? Für seinen Dokumentarfilm "Holofiction“ hat Regisseur Michal Kosakowski Tausende Spielfilme und Fernsehproduktionen gesichtet, in denen der Nationalsozialismus und die Judenverfolgung eine Rolle spielen. Aus Hunderten dieser Werke hat er Ausschnitte ausgewählt und zu einem neuen Film zusammengesetzt. Die Montage beginnt mit Szenen aus dem Alltag, bevor Ausgrenzung, Verfolgung und Deportationen folgen. Schließlich führen die Bilder in die Konzentrationslager und bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Dabei treffen Produktionen aus unterschiedlichen Ländern und Jahrzehnten unmittelbar aufeinander. Auf Dialoge und einen erklärenden Kommentar verzichtet Kosakowski vollständig. Stattdessen verbindet er die Bilder durch den Schnitt und die eigens komponierte Musik von Paolo Marzocchi. So entsteht eine chronologische Erzählung, die zugleich die Geschichte ihrer filmischen Darstellung untersucht.

Bildergalerie zum Film "Holofiction"

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"Holofiction“: Wenn das Kino sich selbst zitiert

Ein Zug fährt in den Bahnhof, Türen werden verriegelt, Menschen müssen ihre Papiere vorzeigen. Wenig später passiert etwas ganz Ähnliches. Nur sind diesmal andere Schauspieler zu sehen, und die Aufnahme stammt vielleicht aus einem Film, der vierzig Jahre später entstanden ist. Wer versucht, die einzelnen Werke zu identifizieren, ohne auf die Einblendungen der jeweiligen Titel zu achten, dürfte schnell an seine Grenzen stoßen. Denn vieles kommt einem zwar bekannt vor, lässt sich aber kaum noch zuordnen. Genau darum geht es Michal Kosakowski in "Holofiction“: Wie sehr haben sich bestimmte Bilder in unser Gedächtnis eingebrannt, weil das Kino sie immer wieder verwendet hat?

Dass daraus tatsächlich ein zusammenhängender Film entsteht, ist zunächst einmal erstaunlich. Kosakowski reiht nicht einfach ähnliche Szenen aneinander, sondern entwickelt aus ihnen eine schlüssige Erzählung. Die Übergänge sind mitunter verblüffend geschickt. Da setzt sich eine Bewegung aus einer Produktion in einer völlig anderen fort, als hätten beide Regisseure miteinander abgesprochen, wie ihre Szenen aussehen sollen. Wer einigermaßen mit der Geschichte des Nationalsozialismus vertraut ist, kann dem Geschehen problemlos folgen. Ganz ohne historische Vorkenntnisse wird es allerdings schwieriger, denn Erklärungen liefert "Holofiction“ nicht.

Besonders reizvoll sind die Momente, in denen dieselben Schauspieler in unterschiedlichen Rollen auftauchen. Eben noch verkörpert Ben Kingsley einen Verfolgten, wenig später steht er plötzlich auf der Seite der Täter. Das hat zunächst etwas Spielerisches, erinnert aber zugleich daran, dass wir hier ausschließlich Inszenierungen sehen. Auch wenn die Bilder noch so authentisch wirken, bleiben es nachgestellte Ereignisse. Kosakowski macht damit deutlich, wie sehr unsere Vorstellung vom Holocaust durch das Kino geprägt wurde. Wer an Deportationen oder Konzentrationslager denkt, hat häufig Bilder vor Augen, die nicht aus historischen Dokumenten, sondern aus Spielfilmen stammen.

Dabei macht "Holofiction“ kaum Unterschiede zwischen anspruchsvollen Dramen und eher konventionellen Produktionen. Sie alle bedienen sich eines ähnlichen Vorrats an Motiven und Einstellungen. Das ist aufschlussreich, hat allerdings einen Preis: Die Besonderheiten der einzelnen Filme verschwinden weitgehend. Figuren, Perspektiven und erzählerische Absichten spielen plötzlich keine Rolle mehr. Außerdem nutzt sich das Montageprinzip mit zunehmender Laufzeit etwas ab. Irgendwann hat man eine bestimmte Situation einfach oft genug gesehen, ohne dass die nächste Variation noch wesentlich neue Erkenntnisse liefert.

Dass der Film trotzdem über weite Strecken fesselt, liegt auch an Paolo Marzocchis Musik. Sie ist hervorragend auf die Montage abgestimmt, ohne ständig auf die Tränendrüse zu drücken. Besonders wirkungsvoll sind die Momente, in denen sie vollständig verstummt. Schwieriger ist die Frage, ob die kunstvolle Zusammenstellung von Bildern über Verfolgung und Massenmord den Schrecken nicht auch ästhetisiert. Diesen Widerspruch kann der Film nicht auflösen, macht ihn aber zumindest erfahrbar. Einzelne Schicksale gehen in der Fülle zwangsläufig unter. Was bleibt, ist dafür eine spannende Frage: Wie viel von dem, was wir vor unserem inneren Auge sehen, wenn wir an den Holocaust denken, hat uns eigentlich das Kino geliefert?

Fazit: "Holofiction“ ist ein ungewöhnlicher und aufschlussreicher Dokumentarfilm über unser filmisches Geschichtsbild. Die raffinierte Montage verliert durch zahlreiche Wiederholungen etwas an Wirkung, eröffnet aber überraschende Perspektiven. Zusammen mit der hervorragend eingesetzten Musik entsteht ein anspruchsvoller Film, der noch lange beschäftigt.




Besetzung & Crew von "Holofiction"

Land: Deutschland, Österreich
Jahr: 2025
Genre: Dokumentation
Länge: 102 Minuten
Kinostart: 05.11.2026
Regie: Michal Kosakowski
Verleih: Drop-Out Cinema eG



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