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Filmplakat - Whisky mit Wodka
Filmplakat - Whisky mit Wodka
© Senator Film

Kritik: Whisky mit Wodka (2009)


Die Mischung dieser beiden hochprozentigen Spirituosen kann weder besonders geschmackvoll, noch geradewegs gesund sein. Der alternde Filmstar Otto Kullberg (Henry Hübchen) präferiert ohnehin das russische Nationalgetränk. Sogar vielmehr als es gut für ihn wäre: Während des Drehs zu seinem letzten Film gab er sich zwischendurch so sehr dem Suff hin, dass der ganze Film schlussendlich platzte. Als er wegen Trunkenheit bei seinem aktuellen Dreh eine Szene verpatzt und ein Tag für die Produktion den Bach runter geht, bekommt es der Produzent mit der Angst zu tun und engagiert, parallel zu Kullberg, den jungeren Kollegen Arno Runge (Markus Hering). Jetzt werden alle Szenen gleich doppelt gedreht, so dass man sich sicher sein kann, am Ende auf jeden Fall einen kompletten Film im Kasten zu haben. Dem Egozentriker Kullberg passt diese Situation überhaupt nicht: Der Sprücheklopfer, der es normalerweise gewohnt ist im Mittelpunkt zu stehen, von Kollegen und Regisseuren hofiert und von Frauen begehrt zu werden, versucht gegen die jüngere Konkurrenz sein Standing zu wahren.
Ironischerweise beginnt sich in der Folge die berufliche Rivalität im Dreh, eines Dreiecks-Liebesmelodrams im Gewand der 1920er Jahre, auch auf der Realebene widerzuspiegeln: konkurrieren die beiden miteinander in den Szenen mit den Damen (Corinna Harfouch als Bettina Moll und Valery Tscheplanowa als Heike Marten) um die beste darstellerische Performance, entwickelt sich zusehends auch ein kleiner Wettbewerb um die wahre Gunst ihrer Filmgespielinnen. Fast makaber-ironisch dabei, dass der Jüngere im Film durchaus beginnt sich zu einer ernsthaften Bedrohung für Kullberg auszuwachsen, aber als realer Don Juan dem alten Fuchs so gar nicht das Wasser reichen kann.

Auf den ersten Blick reichlich konstruiert wirkend, basiert die Geschichte für "Whisky mit Wodka" auf einem wirklichem Ereignis: 1957 drehte Kurt Maetzig für die DEFA einen Zweiteiler mit dem Titel "Schlösser und Katen". Der Hauptdarsteller Raimund Schelcher neigte sehr dem Alkohol zu und stellte somit ein ernstliches Produktionsrisiko dar. Um ihn zu motivieren, beschlossen die Produzenten seine Rolle doppelt zu besetzen und engagierten einen zweiten Schauspieler. Der Versuch fruchtete - die Nummer eins riss sich zusammen und die Ersatzbesetzung konnte bereits nach zwei Wochen wieder entlassen werden. Aus dieser Idee entwickelte Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase nun eine komplett neue Geschichte, die über das eigentliche Grundkonzept weit hinausgeht.
Im Mittelpunkt stehen ganz zentrale menschliche Motive des Älterwerden, der Einsamkeit, des Egoismus und des Opportunismus. Durch die Lupe des Films im Film werden diese Themen auf eine sehr lakonische Art und Weise behandelt, gelegentlich entwickelt die Geschichte aber auch Attitüden, die an eine Groteske erinnern. Die ruhige, wenig aufgeregte Erzählweise fängt diese aber wieder ab, so dass sich eine gleich bleibend interessante Geschichte entwickelt.
Etwas mehr Unterbau der Figuren hätte man sich indes schon gewünscht. Im Falle von Henry Hübchen erfährt man zumindest im Verlauf des Films etwas Privates über seine Filmfigur, doch ernstlich tief ist dieser Diskurs nicht, und die anderen Charaktere gehen nahezu leer aus. Alles Geschehen reduziert sich auf den Mikrokosmos einer Wohnwagensiedlung, die während der Dreharbeiten zum Zuhause für die Crew und den Cast wird. Alle kleinen und großen Dramen spielen sich weitgehend dort und konfliktär gespiegelt, in den Szenen des virtuellen Drehs ab. Besonders schön dabei der Seitenhieb auf das eigene Business: Ein reges Bäumchen-wechsel-dich-Spiel entspinnt sich zwischen den Bewohnern des Wohnwagencamps - das als promisk verschriene Filmgewerbe macht seinem Ruf alle Ehre; vielleicht sogar ein klein wenig zuviel des Guten - die eine oder andere Nummer erscheint nicht wirklich plausibel.

Fazit: "Whisky mit Wodka" ist ein schöner melancholisch-ironischer Film, der mit viel Alltagsüffisanz an das verklärte Filmgeschäft herangeht und den Mythos durchaus zu erden vermag. Die untheatralische, durchweg positive und menschelnde Spielweise der gut aufgelegten Schauspieler verleiht der Inszenierung viel Charme und kompensiert damit über weite Strecken den Mangel an Unterbau der Filmfiguren. Feiner facettenreicher Film mit vielen kleinen satirischen Nuancen.





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