VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Happy-Go-Lucky (2008)


Der 1943 geborene  britische Filmemacher Mike Leigh ist primär für dreierlei  bekannt:

1. Er ist ein Vertreter des typisch britischen Social-Realism  - in gedämpften Farben und mit eher statischer Kamera taucht er in den Alltag seiner weitgehend normalen, allenfalls eine Spur exzentrischen, Figuren ein.
2. Die meisten seiner Filme sind Dramen, deren Bitterkeit durch einen Schuss Komik gedämpft wird.
3. Sein Interesse und auch seine Sympathie gilt meist den Frauenfiguren – in seinen Filmen gibt es mehr weibliche, als männliche Hauptfiguren, zudem sind die Frauenfiguren häufiger positiv besetzt.

Mit „Happy-Go-Lucky“, Leighs diesjährigem Beitrag zum Offiziellen Wettbewerb der Berlinale, der Hauptdarstellerin Sally Hawkins berechtigterweise den silbernen Bären als beste Hauptdarstellerin einbrachte, hat Leigh nun das Kunststück vollführt, einerseits etwas von ihm eher Ungewohntes vorzulegen, sich andererseits aber absolut treu zu bleiben.
Altbekannt sind Erzählstil und Optik - das Eintauchen in den Alltag der Hauptfigur, die gedämpften Farben, die statische Kamera - alles wie gehabt.
Wenig überraschend auch, dass die weibliche Hauptfigur, die mit einer fast schon penetrant guten Laune gesegnete Grundschullehrerin Poppy,  ausschließlich positiv besetzt ist, während sich unter den gerade mal  zwei etwas wichtigeren männlichen Nebenfiguren auch gleich der größte Unsympath des Films findet – Poppys Fahrlehrer Scott, ein ziemlich armseliger, rassistischer und verklemmter Choleriker der die gute Laune Poppys doch arg strapaziert.
Erstaunlich hingegen ist die Wahl des Genres: „Happy-Go-Lucky“ ist eine Komödie mit vielen skurrilen Szenen und allenfalls dem Hauch einer Ahnung von den alltäglichen Dramen, die sich um Poppy herum abspielen.

So sympathisch, optimistisch und vor allem auch  menschenfreundlich und ganz und gar nicht oberflächlich sondern tatsächlich überraschend aufmerksam ist die hier präsentierte Hauptfigur, so ungebrochen ist die Komödie,  dass „Happy-Go-Lucky“ tatsächlich wie der exakte Gegenentwurf zu dem 1993 entstandenen düsteren Drama „Naked“ erscheint, in dem dem Leigh einen menschenverachtenden Vergewaltiger und blütenreinen Egoisten (gespielt von David Thewlis) porträtierte.

Während der Berlinale sorgte Leighs Komödie unter den, dank zahlreicher Dramen im Wettbewerbsprogramm,  eher depressiv verstimmten Journalisten zu einem spürbaren Stimmungshoch, das Zitat „EN-RA-HA“  (die wie ein Mantra stetig wiederholte Eselsbrücke, mit der Fahrlehrer Scott Poppy  die richtige Nutzung der Spiegel einbläuen will)  mauserte sich gar zu einem regelrechten running-gag.

Ganz uneingeschränkt ist Happy-Go Lucky dennoch nicht zu empfehlen. Eher fernbleiben sollten:  jüngere Kinogänger ab (minimum) 20 abwärts ebenso wie jene, die in einer Komödie Schenkelklopfer am laufenden Band sehen wollen; daneben Actionliebhaber und Freunde beweglicher Kameras, schneller Schnitte und sonstiger optischer Spielereien  und schließlich auch all jene, die Wert auf eine „normale“ Erzählstruktur mit Höhepunkt, klarer Lösung und einer erkennbaren Charakterentwicklung legen.
Alle anderen aber werden in Leighs liebenswerter, intelligenter Alltags-Komödie sicher ihren Spaß haben. EN-RA-HA!





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.