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Kritik: Lolita (1997)


Viel Lärm um nichts
Amerikanische Skandalgerüchte werfen ihre Schatten voraus:

Verleihboykott in den Vereinigten Staaten und daher ohne Kinoauswertung

- Offizielle MPAA-Einteilung (dem Äquivalent zur deutschen FSK) in die zweitstrengste Freigabekategorie (R: Einlaß jugendlicher Zuschauer nur in Begleitung eines Elternteils oder unter erwachsener Beaufsichtigung)

- Begründung: abweichende Sexualität, hohes Gewaltpotential, Nacktszenen und "problematische" Dialoge. Was auf der anderen Seite des Atlantiks die Gemüter erhitzte und letztendlich dem Kinogänger vorenthalten blieb, wird hierzulande mit europäischem Toleranzbewußtsein auf der Leinwand flimmern. Was erwartet uns nun Verwerfliches?

Die Adaption des Nabokov-Literaturklassikers aus dem Jahre 1955 verfilmt die dramatische und verhängnisvolle Liebesgeschichte zwischen der gerade einmal zwölfjährigen Lolita und dem gut dreißig Jahre älteren College-Professor Humbert. Der Zwiespalt zwischen hemmungslosem Verfallensein und moralischem Werteverfall, dem beide Figuren im Film mehr oder weniger zum Opfer fallen werden, der darüberhinaus immer wieder, auch 1997, von der Öffentlichkeit mit Argusaugen unter Beobachtung steht, äußert sich in unserem Wortschatz plakativ in der Vokabel "Kindfrau". Lolita ist eine solche, eine ästhetische Kamera stilisiert ungebändigt dieses Nymphenbild.

Verführerisch, leidenschaftlich, reizvoll aber auch unschuldig, schutzlos, kindlich kokettiert ein Mädchen mit der Erwachsenenwelt, in die sie ungehemmt dringt, die sie aber nicht versteht. Verständnislos ergibt sich auch der Mann in den besten Jahren einem langersehnten Traum, der Überwindung eines jugendlichen Traumas.

Nabokovs Roman war eine erotische Männerphantasie, die Verfilmung des "Hollywood-Unmoralisten" Adrian Lyne ("9 1/2 Wochen" "Ein unmoralisches Angebot") gibt sich dieser ohne Umschweife hin, und genau das ver- und überwirft sich selbst auf der Leinwand. Nicht daß den verwerflichen Vorwürfen aus Amerika nur in einem Punkt auch wirklich ein filmischer Skandal gegenüberstände. Das ist nicht das Problem. Doch Lyne hat mit seinem Übereifer an moderner, reizüberflutender Bilderkraft aus einer eindeutig subjektiv-beschreibenden Vorlage etwas gemacht, was es garantiert nicht ist - einen objektiven Erklärungsversuch, der es jedem, dem Roman, den Zensoren und Voyeuren recht machen will. Und das ist ein Problem.




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