oder

Beaumarchais - der Unverschämte (1996)

Beaumarchais, L'insolent

User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3.0 / 5

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Es ist das Jahr 1773, das 18. Jahrhundert neigt sich dem Ende zu. Der Tod Ludwigs XV scheint nur noch eine Frage der Zeit, Ludwig XVI bereitet sich schon auf die Machtübernahme vor. Politische und gesellschaftliche Umwälzungen sind zu ahnen, der Absolutismus liegt in den letzten Zügen - eine Epoche des Aufbruchs mit Raum für neue Ideen und Wagemut, aber auch für Skrupellosigkeit, Dekadenz und Machtkalkül. Zu den schillerndsten Figuren dieser vorrevolutionären Ära zählt Pierre-Augustin Baron de Beaumarchais. Der Sohn eines Uhrmachers und spätere Erfinder des "échappments" (eines bahnbrechenden Mechanismus' für das Uhrwerk), kam durch Heirat und ein paar Tricks zum "adeligen" Namen. Nicht nur mit dem Degen weiß der Liebling der Frauen zu kämpfen, sondern vor allem mit dem geschliffenen Wort, mit Ironie, Sarkasmus und subversiven Ideen. Das umstrittene "enfant terrible" des "ancien régime" landet des öfteren im Gefängnis, wird Geheimagent im Auftrag seiner Majestät, Waffenhändler, Geschäftsmann, glühender Verehrer der US-Verfassung - der Autor von Stücken wie "Der Barbier von Sevilla" oder "Die Hochzeit des Figaro" gilt als einer der Wegbereiter der französischen Revolution. Begleitet von seiner großen Liebe Marie-Therese und seinem Biographen und Berater Gudin erlebt der politische Visionär alle Höhen und Tiefen des Daseins. Und auch von Ludwig XVI läßt sich Beaumarchais nicht das freie Wort verbieten...

Filmkritik

Revolutionär, Theaterautor, Frauenheld, egoistischer Waffenschieber und Spion - Und das alles in einer Person? Das geht nun wirklich nicht! Und es geht anscheinend doch: Der facettenreiche Wunderknabe heißt Beaumarchais und lebte im vorrevolutionären Frankreich des 18. Jahrhunderts. Diese Vielseitigkeit einer schillernden, historischen Persönlichkeit unter einen Hut zu bringen, in einen Film zu packen; an jene Herausforderúng wagte sich der französische Regisseur Edouard Molinaro, der in Deutschland vor allem durch die Inszenierung der Birdcage-Vorlage “Ein Käfig voller Narren” bekannt sein dürfte. In seinem neuesten Werk schildert er Schaffen und Tun, Abenteuer und Leiden eines Mannes, der in einem Frankreich der Dekadenz und des Absolutismus mit seinen liberalen Ideen überall und ständig and die Ecken und Kanten seiner Gesellschaft stößt, sich aber immer wieder mit List und Tücke einer Bevormundung, Bestrafung und Begrenzung seines unverschämten Treibens zu entziehen versteht. Einer, der den Starrköpfen des verstaubten Absolutismus die Stirn bietet, sie lächerlich macht, bloßstellt, und nicht zuletzt deshalb vom Volk zum Helden stilisiert wird. Und ganz nebenbei verführt der Emporkömmling auch noch die Pariser Frauenwelt, entlarvt Korruption und Klüngel in der französischen Justiz, macht sich einen Namen als Spion seiner Majestät, verschiebt Waffen in das um Unabhängigkeit kämpfende Amerika und schreibt aus dem Handgelenk zwei der bekanntesten Theaterstücke Frankreichs: “Der Barbier von Sevilla” und “Figaros Hochzeit”. Beaumarchais - ein Mann, der seine Finger überall mit im Spiel hat. Das in Panavision gedrehte, bildgewaltige Historienepos versucht sämtliche Fragmente des Charakters und der geschichtlichen Tragweite von Beaumarchais in 104 Minuten unterzubringen und darüberhinaus gleichzeitig noch historisch-korrekt, humorvoll-unterhaltsam und zeitgenössisch-kritisch zu wirken. Daß bei einem solchen Anspruchseintopf viel durcheinander gerät, die Würze nur noch schwerlich abzuschmecken ist und der Geschmack der einzelnen Zutaten verkocht, ist daher bestimmt nicht überraschend. Vor allem das eindrucksvolle Aufgebot an französischen Star- und Nachwuchsschauspielern erhält nur an wenigen Stellen die Möglichkeit, ihre unbestritten vorhandenen Trümpfe auszuspielen. Einzig und allein dem Hauptdarsteller Fabrice Luchini als Beaumarchais und Manuel Blanc in der Rolle des treuen Kompagnions Gudin läßt das überladene Drehbuch Raum, an die Oberfläche des Eintopfes zu schwimmen und dadurch individuelle Würze zu entwickeln. Der überwiegende Rest des französischen Acting-Who is Who, nicht zuletzt Michel Piccoli , Michel Serrault oder Jaques Weber verkommen zu bloßen Statisten, deren Gesichter zwar einen Wiedererkennungswert besitzen, aber ansonsten blaß bleiben. Einen weiteren bitteren Beigeschmack erhält der Film durch das Fehlen einer eigenen Handschrift. Der ständige Wechsel von Historienepos zum Liebesdrama, von Sozialkritik zu Kostümklamauk, wirft den Zuschauer ständig im Kinosessel hin und her und verhindert die Verfolgung eines emotionalen roten Fadens, der eine einfühlsame Historien- und Charakterstudie ermöglicht hätte. Beaumarchais läßt sich zu keiner Zeit messen mit vergleichbaren Kostümdramen, wie zum Beispiel “Gefährliche Liebschaften” von Stephen Frears, die eine Verwicklung des Zuschauers in unbekannte vergangene Welten durch die intensive Auseinandersetzung mit einem einzelnen Aspekt der Zeit ermöglichten. Nur an wenigen Stellen schimmert in Beaumarchais ein solcher Historienglanz durch. Erst zum Schluß des Films gelingt Edouard Molinaro ein mitreißendes Finale, wenn er endlich, aber zu spät entschieden hat, sich auf das virtuose Theaterleben des französischen Genies zu beschränken. Und so bewahrheitet sich auch in diesem Film mal wieder die altkluge Weisheit: Weniger ist oft mehr !




Filminfos & CreditsAlles anzeigen

Land: Frankreich
Jahr: 1996
Genre: Drama, Historie
Länge: 100 Minuten
FSK: 6
Kinostart: 07.11.1996
Regie: Edouard Molinaro
Darsteller: Michel Piccoli, Fabrice Luchini, Sandrine Kiberlain



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