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Kritik: Beaumarchais - der Unverschämte (1996)


Revolutionär, Theaterautor, Frauenheld, egoistischer Waffenschieber und Spion - Und das alles in einer Person? Das geht nun wirklich nicht! Und es geht anscheinend doch: Der facettenreiche Wunderknabe heißt Beaumarchais und lebte im vorrevolutionären Frankreich des 18. Jahrhunderts. Diese Vielseitigkeit einer schillernden, historischen Persönlichkeit unter einen Hut zu bringen, in einen Film zu packen; an jene Herausforderúng wagte sich der französische Regisseur Edouard Molinaro, der in Deutschland vor allem durch die Inszenierung der Birdcage-Vorlage “Ein Käfig voller Narren” bekannt sein dürfte. In seinem neuesten Werk schildert er Schaffen und Tun, Abenteuer und Leiden eines Mannes, der in einem Frankreich der Dekadenz und des Absolutismus mit seinen liberalen Ideen überall und ständig and die Ecken und Kanten seiner Gesellschaft stößt, sich aber immer wieder mit List und Tücke einer Bevormundung, Bestrafung und Begrenzung seines unverschämten Treibens zu entziehen versteht. Einer, der den Starrköpfen des verstaubten Absolutismus die Stirn bietet, sie lächerlich macht, bloßstellt, und nicht zuletzt deshalb vom Volk zum Helden stilisiert wird. Und ganz nebenbei verführt der Emporkömmling auch noch die Pariser Frauenwelt, entlarvt Korruption und Klüngel in der französischen Justiz, macht sich einen Namen als Spion seiner Majestät, verschiebt Waffen in das um Unabhängigkeit kämpfende Amerika und schreibt aus dem Handgelenk zwei der bekanntesten Theaterstücke Frankreichs: “Der Barbier von Sevilla” und “Figaros Hochzeit”. Beaumarchais - ein Mann, der seine Finger überall mit im Spiel hat. Das in Panavision gedrehte, bildgewaltige Historienepos versucht sämtliche Fragmente des Charakters und der geschichtlichen Tragweite von Beaumarchais in 104 Minuten unterzubringen und darüberhinaus gleichzeitig noch historisch-korrekt, humorvoll-unterhaltsam und zeitgenössisch-kritisch zu wirken. Daß bei einem solchen Anspruchseintopf viel durcheinander gerät, die Würze nur noch schwerlich abzuschmecken ist und der Geschmack der einzelnen Zutaten verkocht, ist daher bestimmt nicht überraschend. Vor allem das eindrucksvolle Aufgebot an französischen Star- und Nachwuchsschauspielern erhält nur an wenigen Stellen die Möglichkeit, ihre unbestritten vorhandenen Trümpfe auszuspielen. Einzig und allein dem Hauptdarsteller Fabrice Luchini als Beaumarchais und Manuel Blanc in der Rolle des treuen Kompagnions Gudin läßt das überladene Drehbuch Raum, an die Oberfläche des Eintopfes zu schwimmen und dadurch individuelle Würze zu entwickeln. Der überwiegende Rest des französischen Acting-Who is Who, nicht zuletzt Michel Piccoli , Michel Serrault oder Jaques Weber verkommen zu bloßen Statisten, deren Gesichter zwar einen Wiedererkennungswert besitzen, aber ansonsten blaß bleiben. Einen weiteren bitteren Beigeschmack erhält der Film durch das Fehlen einer eigenen Handschrift. Der ständige Wechsel von Historienepos zum Liebesdrama, von Sozialkritik zu Kostümklamauk, wirft den Zuschauer ständig im Kinosessel hin und her und verhindert die Verfolgung eines emotionalen roten Fadens, der eine einfühlsame Historien- und Charakterstudie ermöglicht hätte. Beaumarchais läßt sich zu keiner Zeit messen mit vergleichbaren Kostümdramen, wie zum Beispiel “Gefährliche Liebschaften” von Stephen Frears, die eine Verwicklung des Zuschauers in unbekannte vergangene Welten durch die intensive Auseinandersetzung mit einem einzelnen Aspekt der Zeit ermöglichten. Nur an wenigen Stellen schimmert in Beaumarchais ein solcher Historienglanz durch. Erst zum Schluß des Films gelingt Edouard Molinaro ein mitreißendes Finale, wenn er endlich, aber zu spät entschieden hat, sich auf das virtuose Theaterleben des französischen Genies zu beschränken. Und so bewahrheitet sich auch in diesem Film mal wieder die altkluge Weisheit: Weniger ist oft mehr !




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