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Lost Highway (1996)

US-Psychothriller von David Lynch mit Bill Pullman und Patricia Arquette.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelm??iggutweltklasse 5 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelm??iggutweltklasse 4.0 / 5

Filmsterne von 1 bis 5 dürfen vergeben werden, wobei 1 die schlechteste und 5 die beste mögliche Bewertung ist. Es haben insgesamt 4 Besucher eine Bewertung abgegeben.


Der von Eifersucht zerfressene Jazzmusiker Fred Madison (Bill Pullman) und seine Frau Renee (Patricia Arquette) leben in einer wohlhabenden Gegend von Los Angeles. Eines Tages liegt ein Briefumschlag mit einer Videokassette vor ihrer Haustür. Das Band enthält Aufnahmen ihres Hauses. Als eine weitere Kassette auftaucht, die Videoaufnahmen aus dem Innern des Hauses sowie Fred und Renee schlafend in ihrem Bett zeigt, informiert das Ehepaar die Polizei. Doch die zwei Beamten, die den rätselhaften Fall unter die Lupe nehmen, sind keine große Hilfe.

Kurz darauf ist Renee tot und Fred landet für den Mord an ihr im Todestrakt. Doch auf wundersame Weise verwandelt er sich in seiner Gefängniszelle in den jungen Automechaniker Pete Dayton (Balthazar Getty), der daraufhin freigelassen wird. An seinem Arbeitsplatz lernt Pete die verführerische Alice Wakefield (ebenfalls: Patricia Arquette), die Geliebte seines Stammkunden Mr. Eddy (Robert Loggia) alias Dick Laurent, kennen und beginnt ein Verhältnis mit ihr. Alice, die Renee Madison zum Verwechseln ähnlich sieht, hat vor, Mr. Eddy zu verlassen und mit Pete durchzubrennen. Das dafür benötigte Kleingeld wollen sich Alice und Pete durch einen Überfall auf Alices reichen Bekannten Andy (Michael Massee) besorgen. Doch der Plan geht schief.

Und dann ist da auch noch ein namenloser, mysteriöser Mann (Robert Blake), der in all dem – vom Mord an Renee Madison bis zur Flucht von Alice und Pete – seine Finger im Spiel hat.

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"Lost Highway": Meisterhafter Neo-Noir

David Lynch (1946–2025) zählte zu jenen Filmemachern, deren Handschrift so prägnant und konsistent war, dass sie Eingang in den Fachjargon gefunden hat. Bis auf wenige Ausnahmen, das Drama "Der Elefantenmensch" (1980), die missglückte Romanadaption "Der Wüstenplanet" (1984; Originaltitel: "Dune") und das Roadmovie "Eine wahre Geschichte – The Straight Story", lassen sich alle abendfüllenden Spielfilme und die bahnbrechende Fernsehserie "Twin Peaks" (1990–1991 u. 2017) nach nur wenigen Einstellungen mühelos als Werke David Lynchs erkennen. Erzählt ein Film von den Abgründen, die sich hinter dem amerikanischen Idyll auftun, setzt dabei auf eine bedrohliche, durch Gewalt und Sex aufgeladene Atmosphäre sowie ein beunruhigendes Sounddesign und bewegt sich an der Grenze zwischen (Alb)Traum und Unterbewusstsein, dann bezeichnet man ihn auf Englisch als "lynchian" bzw. auf Deutsch als "lynchesk".

Die Beschreibung dieses Stils verdeutlicht bereits, dass Lynchs Filme nicht für jedermann gemacht sind. Nicht nur die Verschränkung von Trauma- und Traum-Welten, auch die bewusst kryptisch gestalteten Handlungen mit ihren offenen Enden erschweren einer breiten Masse den Zugang zum Œuvre des in Fankreisen kultisch verehrten Regisseurs. Und selbst die Filmkritik tat sich mit einigen seiner Filme wie beispielsweise "Lost Highway" anfangs schwer; erkannte deren wahren Stellenwert erst Jahre später an. Für die an Universitäten gelehrte Filmanalyse und für die Psychoanalyse ist Lynch aufgrund seiner Themen und Motive sowie der rätselhaften, an Traumlogik erinnernden Narration derweil ein gefundenes Fressen.

Was wurde und wird nicht alles in die Werke dieses Albträumers des Kinos hineininterpretiert! Das Schöne daran ist, dass Lynch sein eigenes Werk nicht so ernst nahm wie manche Kritiker und Analytiker. Wer Interviews mit ihm liest und sich Archivmaterial von den Dreharbeiten seiner Filme ansieht, der wird feststellen, wie intuitiv Lynch mitunter seine Drehbücher geschrieben und am Set gearbeitet hat. Am Ende wusste er wohl selbst nicht genau, was er mit seinen Filmen sagen wollte. Was sie wiederum so offen für Interpretationen macht. Hier schließt sich also ein Kreis.

Rätselhafter Höllentrip

In "Lost Highway" ist es kein Kreis, sondern ein Möbiusband, nach dem die Handlung geformt ist. "Dick Laurent ist tot!" lauter der Satz, den die Hauptfigur, der von Bill Pullman gespielte Jazz-Saxofonist Fred Madison, am Anfang und am Ende des Films über eine Gegensprechanlage zu sich selbst oder besser gesagt: zu einer alternativen Version seiner selbst sagt. Dazwischen liegen etwas mehr als zwei Stunden, in denen David Lynch sein Publikum mit nimmt auf einen düsteren und von einem großartigen Soundtrack untermalten Trip in die menschliche Psyche. Die Kinozuschauer sind mitten drin in der Abwärtsspirale des Protagonisten, die einen durch den hypnotischen Sog der Bilder unweigerlich mit nach unten zieht.

Die Geschichte über einen impotenten Ehemann, der seine Frau aus Eifersucht ermordet, ist simpel – und mit ihren archetypischen Figuren an den Film noir angelehnt. Lynchs Umsetzung ist indessen hochkomplex. Die Protagonisten und Handlungsstränge spiegeln, verdoppeln und verwandeln sich. Die von Patricia Arquette unerschrocken gespielte Doppelrolle der Renee Madison/Alice Wakefield weist filmgeschichtliche Reminiszenzen an Klassiker von Alfred Hitchcocks "Vertigo" (1958) bis Ingmar Bergmans "Persona" (1966) auf. Und eine Figur wie der von Robert Blake (1933–2023) kongenial verkörperte Mystery Man ist gleichzeitig an mehreren Orten zugegen, und zwar auf eine so verblüffende und unheimliche Art und Weise, wie man es bis zu diesem Film noch nie im Kino gesehen hatte. Was das von David Lynch gemeinsam mit Barry Gifford geschriebene Drehbuch zu einem der besten der 1990er-Jahre macht.

Egal ob man die Handlung von "Lost Highway" als real oder phantastisch ansieht, ob man die Geschichte als Halluzination der Hauptfigur oder als Allegorie auf deren erkrankte Psyche begreift, ob man den Film als moderne Variante des "Faust"-Stoffes oder als reines ästhetisches Formenspiel in der Tradition der "Schwarzen Serie" interpretiert, fest steht: "Lost Highway" ist und bleibt ein Meisterwerk! Denn der Sogwirkung der einmal mehr einzigartigen Bilder kann man sich nicht entziehen. Wer die Gelegenheit hat, den Film im Rahmen einer Wiederaufführung, beispielsweise im Zuge der "Best of Cinema"-Reihe, auf der großen Leinwand zu sehen, sollte sie unbedingt nutzen.

Fazit: David Lynchs provokantes Kino fordert und spaltet das Publikum. Von typischen Hollywood-Produktionen, an deren Ende keine Fragen offenbleiben und sich alles in Wohlgefallen auflöst, könnte das Œuvre des 2025 gestorbenen Autorenfilmers kaum weiter entfernt sein. Wer sich einen ersten Eindruck von diesem an Albträume erinnernden und unterdrückte Begierden visualisierenden Gesamtwerk machen möchte, ist mit "Lost Highway" gut beraten. Die darin erzählte, sehr simple Geschichte gerät durch Lynchs bildgewaltige und atmosphärisch beunruhigende Inszenierung zu einem hochkomplexen Meisterwerk des Neo-Noir.




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Zum Video: Lost Highway

Besetzung & Crew von "Lost Highway"

Land: USA
Jahr: 1996
Genre: Thriller, Drama
Länge: 134 Minuten
FSK: 16
Kinostart: 29.01.2026
Regie: David Lynch
Darsteller: Bill Pullman als Fred Madison, Patricia Arquette als Renee Madison / Alice Wakefield, John Roselius als Al, Louis Eppolito als Ed, Jenna Maetlind als Party Girl
Kamera: Peter Deming
Verleih: Studiocanal

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