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Tarzan
Tarzan
© Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Kritik: Tarzan (1999)


Alle Jahre wieder kommt ein neues Disney-Trickfilmepos in die Kinos – und gemessen an dem Selbstbewusstsein, mit dem der Filmverleih das fertige Produkt unter die Leute bringt, handelt es sich dabei immer um ein neues Meisterwerk.

Punkt. Aus. Widerspruch ist zwecklos.

Schon recht: In Sachen Marketing können die anderen nur von Disney lernen. Auch "Tarzan", Disneys neueste Kreation aus Pinsel, Tusche und 3D-Computer, wird zweifellos ein Riesenhit. So riesig, dass man bald mit Fingern auf die wenigen Kritiker zeigen dürfte, die sich erdreisten, dem Streifen nicht oder nur halbherzig zu huldigen. Schließlich hat "Tarzan" allein in den USA über 170 Millionen Dollar eingespielt.

Trotzdem: Egal, wie man es dreht und wendet – an "Mulan", "Hercules" oder den "König der Löwen" kommt dieser Film ganz einfach nicht heran. Nicht, weil er schlecht gezeichnet wäre – im Gegenteil! Optisch ist "Tarzan" wieder mal ein Meisterstück: Rasant und virtuos surfen die Charaktere durch den im Computer dreidimensional erstellten Dschungel. Für Gags ist ebenfalls gesorgt, auch wenn sie sich in erster Linie an die Kleinen richten.

Das neue Disney-Epos ist kein Musical. Die von Phil Collins komponierten Songs laufen vielmehr im Hintergrund, ebenso Mark Mancinas Filmmusik. Dass Collins seine Songs dabei in deutscher Sprache singt, ist sicher gut gemeint, erweist dem Film jedoch einen ganz großen Bärendienst. Nicht nur, dass man den Text aus Collins' Mund oft nicht verstehen kann, auch Musikalität und Spielfreude müssen darunter leiden.

Vor allem aber fehlt dieser gottweißwievielten Tarzan-Adaption die Ironie, der erwachsene Witz, kurzum: der doppelte Boden, der einen an sich guten Disney-Film zum Klassiker erhebt. Hier wurde leider, gerade angesichts des so ergiebigen Ausgangsstoffes, viel verschenkt.

Mit dem Disney-Logo erklingen leichte, fast verschämte Bongo-Trommeln aus den Boxen, mal von links, mal von rechts. Sie werden lauter, schneller, weiten sich zu einem Inferno und plötzlich kracht ein ganzer Ozean im Sturm auf die Leinwand. Die Stimme von Phil Collins ertönt, in lautem, aber ehrlichen Pathos wird die Vorgeschichte von 'Tarzan' erzählt.

In einem Sturm erleidet eine junge Famile Schiffbruch. Sie kann sich und das Nötigste an eine unbekannte Küste retten. Dort baut der Vater ein Baumhaus, in dem er, seine Frau und ihr Baby geschützt sein sollen. Doch weit gefehlt: ein Leopard dringt in ihr Heim ein und reißt Mutter und Vater. Vom Lärm angelockt, findet die junge Gorilladame Kala den kleinen Jungen. Sie hat selbst erst ihr Junges an den Leoparden verloren, deshalb entschließt sie sich, das Kind aufzuziehen, gegen den Willen ihres Mannes und Anführer des Stammes, Kerchak, der den jungen Tarzan nicht als seinen Sohn annimmt. Tarzan wächst unter Gorillas heran, erfährt aber nie von seiner wahren Herkunft. So denkt er, er sei ein missratener Gorilla. Erst als er seine Freundin und ihre Spielkameraden von seinem Mut überzeugt hat, findet er neben seiner Mutter Kala Tiere, die ihn akzeptieren.
Erwachsen geworden, kommt Tarzan aber dann doch in Kontakt mit Menschen. Der schusselige Professor und Gorillaexperte Porter sucht mit seiner Tochter Jane und dem sinistren Führer Clayton in diesem abgelegenen Teil des Dschungels nach den riesigen Affen. Tarzan gerät in einen Konflikt. Zum einen soll er sich von den Menschen fern halten, um die Sippe zu schützen, zum anderen will er aber auch etwas über sich und seine Herkunft erfahren.

'Tarzan' ist der neuste Film der berühmten, aber auch immer wieder berüchtigten alleinigen Herrscher im Zeichentrickgeschäft: Walt Disney Studios. Mit größter Sicherheit bieten sie jedes Jahr neue Abenteuer für Jung und immer öfter auch Alt. Dass sie dabei immer weiter formelhafter wurden, hat man schon oft moniert. Ihr neuster Film ist aber, mehr als alle anderen Disneys seit 'Die Schöne und das Biest' und 'Aladdin', ein Durchbruch in neue Gefilde. Sowohl storytechnisch, als auch formal finden die beiden Regisseure Kevin Lima und Chris Buck ganz neue Wege, um sich zeichnerisch auszudrücken, ohne dabei aber die Tugenden Disneys zu vergessen.

Mit ihrem Titelhelden haben sie eine intelligente und äußerst differenziert gezeichnete Figur geschaffen. Tarzan hat mit den Ängsten und Problemen zu kämpfen, die viele (vor allem männliche) Jugendliche bei ihrem Erwachsenwerden nachfühlen können. Tarzan muss sich die Anerkennung seines "Vaters" schwer erkämpfen, er wird nicht anerkannt und flüchtet sich immer wieder zur Mutter zurück. Viele können diese Situation nachfühlen. Ähnlich bei der Pubertät, die in 'Tarzan' ebenfalls nachempfunden wird, wenn Tarzan zwischen zwei Gruppen, den ihm ähnlich sehenden Menschen und seine Familie, den Gorillas, entscheiden muss. Dieser innere Kampf nimmt den Hauptaspekt des Films ein. Es ist bezeichnend, dass es für die Jugend und die frühe Erwachsenenphase, die jeweils ungefähr die Hälfte von 'Tarzan' einnehmen, unterschiedliche Bösewichter gibt, die niemals wirklich in den Vordergrund gerückt werden. Es geht im Ganzen vor allem um den Titelhelden.

Dass 'Tarzan' dennoch so ungeheuer unterhaltsam bleibt, ist auf das herausragende Drehbuch zurückzuführen. Die Autoren schaffen es, die an sich recht langatmige Charakterisierung wie in den besten Realfilmen alleine durch Handlungen der Figuren aufzuzeigen. So entwickelt sich die Figur des Tarzan zusammen mit der spannend-lustigen Abenteuergeschichte, die uns weit in den Dschungel entführt.

Mit neuster Tricktechnik verschmilzt die handgezeichnete Animation mit den Computerbildern, so wie sie es zuvor nur bei Dreamworks' 'Der Prinz von Ägypten' tat. Ein neues Computersystem erlaubt es dabei, mit Tarzan in einen dreidimensionalen Raum einzudringen. Dadurch entstehen erstaunliche Bilder, die uns so weit wie selten in die Welt von Edgar Rice Burroughs entführen. Der Dschungel erscheint undurchdringlich. Nur Tarzan, ein Meister der Anpassung, ist fähig, schwingend, gleitend und springend durch ihn zu fliegen. Diese Galanz und Sicherheit wäre kaum real umzusetzen.

In vielerlei Hinsicht ist 'Tarzan ein erwachener Film geworden. Nicht nur die Figuren, von Tarzan bis Jane, weisen darauf hin, auch die vollkommen neu konzipierte Musikeinbindung. Phil Collins singt (in radebrechendem Deutsch und mit drolligem Akzent) die Songs als Hintergrundmusik, die die meist wichtigste Eigenschaft aller Musicalnummern übenehmen und die Zeit zusammenraffen, dabei aber nie einen wirklichen Musicalcharakter aufkommen lassen. Somit geht dieser Film als erstes Zeichentrickopus von Disney einen konsequenten Weg, der die Story vor die Form setzt. Dies ist von Disney zuvor nie so gehandhabt worden, tut dem Film aber äußerst gut.

Am Ende kommt es zu einer für Kinderaugen recht brutalen Endschlacht, die dann doch noch einen recht märchenhaften Schluss findet. Der Film hält sich teilweise näher an der Vorlage, als die vorherigen Tarzan-Filme. Er verändert nur eine sehr wichtige Tatsache, die ihn auch gerade so interessant für Kinder und Jugendliche macht. Um die Figur des Tarzan noch transparenter und klarer zu gestalten, hat man die Eingeborenen wegsubtrahiert und auch auf den Schlussakt verzichtet, der in London spielte. Dadurch wird ein hermetisch abgeriegelter Raum konstruiert, der die Entwicklung von Tarzan fast ausschließlich auf das Zwei-Gruppen Verhältnis reduzieren läßt. Diese Vielschichtigkeit, die aus der Handlung selbst gar nicht mal so sehr zu ersehen wäre, zeichnet 'Tarzan' aus. Wenn am Ende der Held unter dem altbekannten Jodeln durch die Lianen schwingt, um den Schlussakkord zu setzen, will man das nicht einmal annehmen, da dieser Tarzan mit seinen Neandertaler-Vorgängern so wenig gemein hat.

Es heißt immer, dass der Zeichentrickfilm die letzte Bastion des reinen, epischen Gefühlskinos ist, der sich seiner Gefühle nicht schämt, wie es gerade in den 90ern immer mehr Filme tun. 'Tarzan' beweist, dass damit vielschichtige Figuren nicht auszuschließen sind.




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