VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Oscar und Lucinda (1997)


Oscar und Lucinda erzählt von der Begegnung zweier ungewöhnlicher Leute vor gut 150 Jahren.Oscar Hopkins ist Sohn eines strenggläubigen Predigers an der englischen Südküste. Lucindas Eltern sind australische Pioniere. Über Christmaspudding findet er seinen Weg zu Gott und finanziert sein Studium mit unglaublichen Spiel- und Wetterfolgen. Sie erwirbt in ihrer Faszination für Glas eine Fabrik in Sydney; ihr unbekümmerter Lebenswandel endet regelmäßig im Skandal.Auf der Überfahrt nach Sydney beginnt ein bittersüßes Spiel.

Eine skandalöse Freundschaft wird Liebe und mündet in eine Wette mit totalem Einsatz. Oscar bringt eine Kirche aus Glas über Land nach Norden. Die Reise führt über den australischen Busch vermeintlich zu Lucindas Herzen (großer, unnötiger Umweg), durch Grenzsituationen und die brutale Realität der Besiedlung. Am Ende wartet Oscar's größte Angst...
"Oscar und Lucinda" ist voller poetischer Bilder und Situationen von bizarrer Komik, getragen von leisem Humor und einer todtraurigen Grundstimmung: ein Unbehagen, das sich am Ende zu Vorahnung verdichtet. Das Erzähltempo ist gelassen, die Ausstattung üppig und detailverliebt: Lucindas türkische Kostüme gab's in der frühen Frauenbewegung wirklich; die Kuh im Halfter, Oscar im Käfig und Queen Victorias Bild in China-Town werfen Schlaglichter auf Zeit und Handlung (Kostümbildnerin von "Das Piano", die Ausstatterin von "Sinn und Sinnlichkeit" und "Wiedersehen in Howard's End"...)

Gegenüber Gillian Armstrongs Verfilmung von Peter Careys Romanvorlage wirkt der Vorgänger "Betty und ihre Schwestern" wie eine lässige Fingerübung: Die Ausstattung ist hier prägnantes Stilmittel, die Handlung klarer und straffer. Dafür nimmt Armstrong mehr Zeit zum Erzählen, malt Stimmungen sorgfältiger und ausdrucksvoller; und ersetzt die kuschelige Atmosphäre des Hollywood-Sofas durch intensive australische Farben und das klare pazifische Licht. Der Darstellung entfaltet eindringliche Szenen, die lange im Gedächtnis bleiben. Armstrong beweist auch in diesem Film ein Händchen für neue Gesichter. Ähnlich wie Claire Daines als "Betty" bringt sie Cate Blanchett als Lucinda erstmals "ganz groß raus". Und das mit allerbestem Recht. Blanchett's Lucinda ist so differenziert, burschikos und offen, daß einem ganz warm ums Herz wird, und wir auf ihre "Elisabeth I" gespant sein dürfen.

Wer hoffte, Ralph Fiennes wieder wie im "Englischen Patienten" als edlen Eleganten vor dezenter Düne anzuschmachten, wird bitter, aber angenehm enttäuscht: Die Handlung spielt im waldigen, dunstigen New South Wales und Fiennes spielt den romantischen, tragischen Held diesmal wie ein umgedrehter Handschuh. Zerquält vor Schuld, trägt Oscar seine Seele strahlend offen im Gesicht: Eine Mischung aus Kaspar Hauser und Pumuckl mit rotem Haar, das später so wichtig wird. Oscar ist großes Kind und heiliger Narr mit einem unerschütterlichen, tragischen Glauben an Werte, der an seiner Kultur und moralischen Übereinkünften zerbricht. Die Glaskirche ist Traum und Käfig; die Angst vor Wasser, aus dem Lucinda immer wieder auftaucht wie eine Seerose, bezeichend. Oscar wirkt tiefer als der "Englische Patient".

"Oscar und Lucinda" ist ein Film von der Begegnung zweier Zeiten: vom Vordringen in eine Welt, in der die Dinge nie wieder sein werden wie zuvor - Verbrechen an der Urbevölkerung sind nebenbei umso eindringlicher erzählt; und der Film handelt von einem schmerzlichen Abschied: kein Aberglauben schützt vor Ertrinken. Träume zerspringen wie Glas und bilden den Boden für eine neue Zeit. In der es gut ist, daß es Menschen wie Lucinda gibt.


Der Film ist keine leichte Kost, aber er lohnt sich.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.