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Kritik: Die Comedian Harmonists (1997)


Gesanges Brüder in grau, braun, gold

Im Berlin 1927 hatte man noch eine etwas andere Vorstellung von einer “kultverdächtigen Boygroup”. Damals konnte man noch singen, die Konzertgarderobe war ordentlich und elegant. Und neben klassischem Smoking und strammer Fliege durfte man auch noch dem heimatlichen Zungenschlag fröhnen. So pflanzten sechs junge, musikalische Männer inmitten der deutschen Lebe- und Lustmetropole kleine, grüne Wüstengewächse und erweckten Frühlingsgefühle bei den Veronicas dieser Welt. Harry, Robert, Erich, Erwin, Roman und Ari waren die “Comedian Harmonists”, ein Gesangsensemble, das sich oft komödiantisch, aber nicht immer harmonisch zeigte.

Für den Alpennostalgiker Joseph Vilsmaier ("Herbstmilch","Schlafes Bruder") sind diese Disharmonien und Komödiantenstücke der Stoff, aus dem er für den “Take That”-Junkie von heute einen deutschen Musikertraum aus grauer, goldener und brauner Vorzeit wiederbelebt. Grau, weil er uns mit detailgenau errichteten Kulissen und liebevoll ausgewählten Kostümen ein Stück Vergangenheit zurückholt. Golden, da Vilsmaier mit seinem Gespür für kleine, menschelnde Charaktere und große, musikalische Momente ein wenig den edelmetallenen Zauber der Zwanziger zurückerobert. Und braun, weil seine Geschichte keinen Bogen um eine dunkle Epoche deutscher Historie macht.

"Comedian Harmonists" ist deswegen noch lange kein politischer Film, bleibt aber fest in seiner Zeit verankert, in der Politik langsam und allmählich existenzielles Schicksal glaubte spielen zu müssen. Denn drei Mitglieder des A-Capella-Sextetts waren jüdischer Abstammung und werden im Verlauf des Filmes zu Leid- und gleichzeitig Erfolgstragenden einer ideologisch des Taktgefühls beraubten Umwelt. Ein verquerer Zwiespalt, eine menschenverachtende Seite angeblich menschlicher Geschöpfe entlarvt durch die Karriere einer Stimmband-Band.

Joseph Vilsmaier inszenierte mit Hilfe seiner Riege mitreißender Darsteller ein begeisterndes Klangbild musikalischer Enthusiasten, eine sensible und augenzwinkernde Studie liebenswerter Zeitgenossen und einen nachdenklichen Hintergrund, der sich seinen Unterhaltungswert zu keiner Zeit nehmen läßt. Das werden ihm viele zum Vorwurf machen. Sein Publikum wird es ihm danken.




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