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Kritik: Knockin' on Heaven's Door (1996)


Was wird diesem Film aus intellektuell-elitärer Ecke wohl wieder alles vorgeworfen werden? "Knockin' on heaven's door" hätte den Großteil seiner Handlung aus anderen, zu allem Überfluß auch noch amerikanischen, Kultfilmen geklaut. Die Figuren seien reiner Abklatsch eindimensionaler Charaktervorlagen, und der Film aus schwarz-rot-goldenem Lande verstecke sich bei aller vordergründigen Radikalität mal wieder hinter spießbürgerlicher deutscher Korrektheit und Vorsichtnahme. Denn im Regiedebüt von Thomas Jahn fliegt trotz eindeutiger Anleihen bei Tarantino ("Pulp Fiction", "From Dusk till Dawn") kein Hirn versehentlich durch die Luft. Und trotz einiger Paradeschießereien badet sich keiner der Protagonisten genüßlich in Blutlachen.

Und das ist gut so. Denn wir brauchen keinen deutschen Holzhammer-Plagiator, sondern Nachwuchshoffnungen wie Thomas Jahn, bei denen angeblicher Szenenklau nicht mehr ist als respektvolle Zitierfreude, bei denen anscheinend zu durchschaubare Charaktere liebevoll-unkompliziert zum Leben erweckt werden und sich der auf den ersten Blick fehlende Mut zum blutig-metzelnden Risiko als Plädoyer für eine wundervolle, pulsierend-farbige Geschichte entpuppt, die ihre Anziehungskraft nicht aus billigen Schockeffekten gewinnt, sondern aus einem effektvoll ausgearbeiteten Drehbuch, das von vorn bis hinten funktioniert.

Zwei Typen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, landen mit der gleichen ärztlichen Prognose im Abnippel-Krankenzimmer eines Krankenhauses. Aber der Rebell mit Tumor im Kopf (Til Schweiger) und der Paradespießer mit Knochenkrebs (Jan Josef Liefers) wollen sich ihrem kurzlebigen Schicksal nicht ergeben, und so besorgt man sich im Vollsuff mal schnell ein Auto und überfällt ganz unkonventionell eine Tankstelle, um sich damit einen letzten Reisewillen ans Meer erfüllen zu können. Doch leider gehört das Auto gnadenlos-rachsüchtigen Gangstern, und durch den unüberlegten Tankstellencoup gewinnen die beiden auch nicht gerade die Sympathie der Gesetzeshüter. Und so geraten unsere Krebskumpanen unverhofft in eine aussichtslose Verfolgungsjagd - zur gleichen Zeit auf der Flucht vor Ganoven und der Polizei.
"Knockin' on heaven's door" ist ein Road-Movie, wie er ursprünglicher und amerikanischer eigentlich nicht sein könnte. Doch die Hetzjagd durch Maisfelder und ländliche Gefilde ist unverkennbar mit heimischen Farbtupfern versehen,
die beim Zuschauer für einen unverhofften Wiedererkennungswert sorgen. Denn die Polizei ist provinziell, begnadet-blöd wie bei Detlef Buck, und ein Schurke bedient sich hemmungslos im Klischeetopf unserer ausländischen Mitbürger. So stiehlt ein Proleten-Gangster mit recht eingeschränktem, aber wirkungsvollem deutschem Wortschatz einem über Maßen gepushten Til Schweiger ohne weiteres die Show. Wenn Moritz Bleibtreu als Abdul mit "Hirn pust"-Drohungen um sich schmeißt und Bananen als Entschuldigung für eigenes Fehlverhalten verteilt, dann wagt man, einem jungen Schauspieler ("Stadtgespräch", "Die Gang") eine große Karriere vorherzusagen.

Was "Knockin' on heaven's door" darüberhinaus zu einer Besonderheit im deutschen Komödiendschungel macht, ist der Mut zu ruhigen, nachdenklichen Passagen innerhalb eines bombastischen Gag- und Komikfeuerwerkes, die zu keiner Sekunde hinderlich öder störend wirken. Wenn sich die zwei Hauptfiguren zum Schluß vor der Kulisse eines unendlich-aufgewühlten Meeres niederlassen, dann ist es bewundernswert, mit welchem Einfühlungsvermögen der Film seinen Figuren freien Lauf zwischen aktiver Lebensfreude und niedergeschlagener Resignation läßt.
Die unter Til Schweigers Leitung enstandene Produktion ist ein ungeschliffen-verspieltes Juwel, das je nach Licht und Laune mal strotzend strahlt, mal zurückhaltend im Hintergrund bleibt. Der Film macht Spaß und vergißt gleichzeitig nicht, daß es mehr gibt als Spaß. Der Film ist spannend,
versteckt sich aber nicht hinter kalkulierter Zweckdramaturgie. Und der Film ist gnadenlos, bleibt aber dennoch gnadenlos ungezwungen und uneinschränkt offen. Ungezwungen gegenüber seinen Figuren und (!) dem Zuschauer, offen für filmische Experimentierfreude und (!) verständliche Geradlinigkeit.





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