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Kritik: Bungalow (2002)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das Spielfilmdebüt des Regisseurs Ulrich Köhler ("In My Room") stammt aus dem Jahr 2002 und bietet ein lohnendes Wiedersehen mit bekannten Schauspielern wie Trine Dyrholm und Devid Striesow, als sie noch deutlich jünger waren. Das Drama über einen jungen Rekruten, der im hessischen Sommer lieber ziellos im Bungalow seiner Eltern abhängt, als zurück zur Truppe zu gehen, kann auch heute mit seiner dichten Atmosphäre bestechen. Der minimalistische Film entwickelt eine reizvolle Spannung, wenn sich der frustrierte Jugendliche an die Freundin seines älteren Bruders, mit dem er sich nicht versteht, heranmacht. Das Drama bekam mehrere Auszeichnungen, darunter den Preis der deutschen Filmkritik 2013 für den besten Debütfilm. Nun erhält der digital restaurierte Film eine Wiederaufführung im Kino.

Was für ein cooler Antiheld dieser Paul doch ist! Und gleichzeitig wirkt er so verloren, angeödet von allem, besonders vom Funktionieren nach Plan. Es macht ihn auch wütend, dass er keinen Gegenplan hat. Die Lügen kommen ihm so leicht über die Lippen, er habe ja eh frei, die Truppe wisse längst Bescheid. Paul gibt vor einem Freund an, er fahre als Ausbilder für Soldaten in die Sahara, er trinkt und kifft. Der Newcomer Lennie Burmeister glänzt in dieser wortkargen Hauptrolle, sein Spiel wirkt sehr authentisch. Paul legt sich innerlich auf die Lauer, entzieht sich den anderen, prescht mit spontanen, impulsiven Aktionen hervor. Die oft subjektive Kamera folgt seiner Perspektive. So reserviert und unstet wie Paul wirkt auch der erzählerische Stil. Die Figuren erklären sich nicht, Schnitte erfolgen, bevor die Zuschauer Klarheit bekommen, ein dänischer Dialog oder ein Fahrzeug, das die Sicht versperrt, lassen das Publikum zappeln.

In der Trägheit der sommerlichen Tage baut sich ein deutlich spürbarer Suspense auf. Auch Bruder Max hat keine richtigen Worte für all seine Fragen, auch in seiner Beziehung mit Lene offenbart sich eine fehlende Perspektive. Lene ist die kraftvollste, positivste Person des Dramas, sie begegnet Paul mit Sympathie und Toleranz. Sie macht vor, dass man die Tage als erholsam genießen kann. Aber wer wie Paul, Max und die eine oder andere Nebenfigur hier länger gewohnt hat oder noch lebt, der kennt die bedrückende Seite der Provinz, welche besagt, dass es nichts zu besprechen gibt.

Fazit: Der Debüt-Spielfilm des Regisseurs Ulrich Köhler aus dem Jahr 2002 bekommt in digital restaurierter Fassung eine Wiederaufführung im Kino, die sich lohnt. Das minimalistisch inszenierte, wortkarge Drama folgt einem jungen Rekruten, der sich heimlich von der Truppe abseilt und zum Elternhaus in der hessischen Provinz fährt. In der Trägheit sommerlicher Tage baut sich in Abwesenheit der Eltern zwischen dem Antihelden, seinem älteren Bruder und dessen Freundin eine konfliktträchtige Dreiecksbeziehung auf. Der rebellische, aber auch quälende Gemütszustand des jungen Mannes wird realitätsnah geschildert und sorgt für beträchtliche Spannung.




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