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An Education
An Education
© 2009 Sony Pictures Releasing GmbH

Kritik: An Education (2008)


Die 16jährige Jenny (Carey Mulligan) weiß, was sie will: „Smoke, wear black and listen to Jacques Brel." Und französisch werden. Und in Oxford studieren... Sie lebt zu Beginn der 60er in einer grauen Londoner Vorstadt. Carnaby Street ist noch weit entfernt, nicht nur räumlich. So träumt Jenny sich aus der sie umgebenden Nachkriegs-Tristesse – personifiziert in ihrem strengen Vater (Alfred Molina) und der resignierten Mutter (Cara Seymour) – ins frischere Frankreich von Gréco und Camus. Da bricht David Goldman (Peter Sarsgaard) über ihr Leben herein: Ein leicht an den jungen Orson Welles erinnernder Bohémien in den Dreißigern, mit dem gewissen Savoir Vivre. David bezirzt mit seinem weltgewandtem Charme sogar Jennys kleinbürgerliche Eltern und bietet ihr Zugang zu der Welt ihrer Träume – Kunstauktionen, Konzerte und schließlich sogar den ersehnten Ausflug nach Paris. Von Oxford entfernt sie sich dabei allerdings immer mehr, bis fast keine Aussicht auf eine Rückkehr zu ihren eigentlichen Ambitionen besteht…
Die Geschichte von Jennys "Erziehung" – welche auf den Erinnerungen der britischen Journalistin Lynn Barber beruht – ist weder besonders ungewöhnlich, noch überraschend, wird aber dank Nick Hornbys lebensechter, knackiger Dialoge unterhaltsam erzählt und vor allem punktgenau gespielt, bis in die kleinsten Nebenrollen, wie beispielsweise Emma Thompson als Thatcheresque gestrenge Schuldirektorin oder Rosamund Pike als herzlicher Blondinenwitz. Die bewegendsten Darstellungen leisten Mulligan und Molina, und man darf hoffen, dass beide in der diesjährigen Award-Saison entsprechende Ehren zuteil werden. Mulligan – zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 22 Jahre alt – dabei zuzusehen, wie sie vom mausigen Mädchen zur Mini-Hepburn mutiert, macht einfach Spass. Molina überzeugt mit einer eigentümlichen Mischung aus verbissener väterlicher Strenge und erzieherischer Unsicherheit, auch wenn er meist für die Komik des Films herhalten muss. Tatsächlich zeigt er ziemlich präzise das Dilemma der fehlenden Zukunftsaussichten eines Mädchens im Jahr 1961: Einerseits würde er Jenny gerne in Oxford sehen, andererseits fragt er sich, zu welchem Zweck - es gibt kaum echte Karrierechancen für Frauen - und ob eine finanziell aussichtsreiche Heirat nicht doch die bessere Alternative für seine Tochter wäre.
Sarsgaard – im Original mit durchaus überzeugendem britischen Upper Middle Class-Akzent – spielt seine schwierige Rolle mit der ihm typischen Nonchalance. Sein David, ein pummeliger Lebemann, wirkt abwechselnd charmant oder schmierig, und oft sogar beklemmend in seinem behaarlich-hinterlistigem Werben um Jenny. Letztendlich benutzen sich allerdings beide: Sie verliebt sich eher in seinen kultivierten Lebensstil, denn in ihn selbst, während er – ein notorischer Schürzenjäger – es offensichtlich genießt, seine Welt durch ihre Augen zu sehen und von ihr bewundert zu werden.
Wie beiläufig entwirft "An Education" neben Jennys persönlichem Lernprozess ein präzises Zeitportrait des Englands kurz vor den Beatles, das sich gerade erst aus seiner Kriegserfahrung erholt hat: Die Regisseurin Lone Schwerfig vermag es, neben der Hipness von französischem Existenzialismus auch unterschwellige Attitüden wie latenten Antisemitismus (Goldmann ist Jude), Rassismus, sowie den unbedingten – und bis heute bestehenden – Drang der britischen Mittelschicht, in höheren gesellschaftlichen Sphären zu verkehren, unterzubringen, ohne es Jennys Geschichte künstlich aufzustecken. Leider strauchelt sie am Ende an einigen Ungereimtheiten in Plot und Erzählfluss, was der Geschichte nebenbei auch ein wenig zuviel Moral aufsetzt.
Unterm Strich ist "An Education" eine stilsicher ausgestattete, smart erzählte und brilliant gespielte Coming-of-Age-Geschichte, die Zeitgeistströmungen unaufdringlich mit persönlichen Lernprozessen verknüpft.




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