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oder

FBW-Bewertung: Ich & Kaminski (2015)

Prädikat besonders wertvoll

Jurybegründung: Wolfgang Beckers Verfilmung des Romans von Daniel Kehlmann ist Komödie, Künstlerfilm und, in der zweiten Hälfte, ein Road Movie.
Bereits der Vorspann weiß zu beeindrucken. Da wird in kurzer Zeit mit herrlich fingierten Bildern und Berichterstattungen die Geschichte Kaminskis erzählt, jenes Künstlers, dessen Biografie die Hauptfigur Sebastian Zöllner schreiben will. Ebenfalls ins Auge stechen die Gestaltungen der Übergänge zwischen den Kapiteln, einer Form der Gliederung, mittels derer der Film auf die literarische Herkunft der erzählten Geschichte rekurriert. In diesen Übergängen zerfließt die aktuelle Einstellung des Films in ein gemaltes Bild, das immer wieder einem neuen Kunststil des 20. Jahrhunderts entspricht.
Das Ineinanderfließen von Wirklichkeit und Kunst, von Realität und Imagination, das ist auch ein wesentliches Thema des Films. Zöllners Imaginationen einer kitschigen Zukunft gehören ebenso dazu wie die Episode, wenn er den Brief der ehemaligen Geliebten Kaminskis, Therese Lessing, findet und eine Passage für ein eigenes Schreiben an seine ihn verlassende Lebensgefährtin plagiiert. Infolgedessen ist der Film zunächst auch als Satire auf den Kunstbetrieb angelegt, wenn Zöllner in die Alpen reist, wo Kaminski zurückgezogen leben soll. Jede Figur aus dem Umkreis des Künstlers wirkt wie eine Karikatur. Zöllner bewegt sich wie ein Detektiv durch eine skurrile Welt, die ihm feindlich gesinnt ist, auf der Suche nach den spektakulären Informationen für sein Buch. Hier hätten Kamera und Ton nach Ansicht der Jury vielleicht noch etwas experimenteller ausfallen können.
Dann vollzieht der Film eine deutliche Wendung, wenn Zöllner sich mit Kaminski auf den Weg macht, um zu Therese Lessing zu fahren. Mit Komik und Satire wird nun sehr sparsam umgegangen. Elemente des Road Movies werden geschickt für diese Zeit des Unterwegsseins verwendet und wie so oft im Road Movie kommt es auch zu einer Wandlung der Figuren, die unter der Hülle nach und nach die wirkliche, authentische Person des anderen wahrnehmen.
Diese Teilung des Films in zwei sich recht deutlich unterscheidende Abschnitte ist gewagt, aber es gelingt dem Film. So hundertprozentig mag man Daniel Brühl den selbstverliebten, egozentrischen Autor vielleicht nicht abnehmen, weswegen seine Wandlung im zweiten Teil des Films gar nicht so ungeheuer viel Wandlung impliziert. Die Kamera interessiert sich ohnehin mehr für Jesper Christensen als Kaminksi, der in der Tat einen faszinierenden Kopf hat.
Wolfgang Becker ist eine sehenswerte Literaturverfilmung gelungen: eine Satire auf den Kunstbetrieb, eine Reflexionüber die Kunst und schließlich ein berührendes Road Movie.



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