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Kritik: Zivilprozess (1998)


Kritik 1:
"Zivilprozess" ist Steven Zaillians zweite Regiearbeit und dabei eine Art "Grisham für Fortgeschrittene". Der Film beschreibt das amerikanische Rechtssystem als Pokerspiel mit hohen Einsätzen: Es geht nicht um Gerechtigkeit, sondern um die bessere Strategie, die besseren Karten und den besseren Bluff. Und es geht nicht um die Wahrheit, sondern darum, das Spiel am Ende zu gewinnen.

John Travolta und Robert Duvall verkörpern die gegnerischen Anwälte Schlichtmann und Facher: erfahrene Spieler in einem perfiden Rechtsstreit um den Krebstod von zwölf Kindern, den Zaillian nach Jonathan Harrs Tatsachenbuch "A Civil Action" für die Leinwand adaptierte. Schlichtmann will den Tod der Kleinen mit den Umweltsünden der Firmen W.R. Grace und Beatrice in Verbindung bringen. Facher, der Anwalt eines der Konzerne, bestreitet sowohl die Umweltverschmutzung als auch jeden Zusammenhang mit dem Tod der Kinder.

Duvall spielt John Travolta dabei nicht nur juristisch, sondern auch als Schauspieler an die Wand. Selten hat man den altgedienten Leinwandstar in einer so detailversessenen, so nuancierten und letztlich so brillanten Darstellung gesehen. Duvalls Facher ist ein abgeklärter Firmenanwalt, der seine enorme Erfahrung hinter einer exzentrischen Fassade zu verbergen versteht: ein juristischer Pokerspieler mit dem Verstand eines Schach-Champions, der jeden Zug des Gegners kühl vorausberechnet und sich als Meister des richtigen Bluffs zur rechten Zeit erweist. Schlichtmann dagegen hat sich auf lukrative Schadensersatzprozesse spezialisiert: Die Kosten der Prozesse trägt seine kleine Kanzlei, die dafür im Erfolgsfall einen satten Anteil vom Gewinn erhält.

Im Unterschied zu den meisten Justizdramen verzichtet "Zivilprozeß" auf jede Form von Schwarzweißmalerei: Dies ist keine Neuauflage des alten Kampfes zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht, Moral und Unmoral. Vielmehr erzählt der Film die Geschichte eines Anwalts, der – aus der Sicht des Systems – zwei unverzeihliche Fehler begeht: Anstatt eines Sieges strebt er nach Gerechtigkeit, und er sieht sich seinen Klienten gegenüber in einer moralischen Verpflichtung stehen. So aber kann man dieses Spiel, zumindest in Amerika, auf keinen Fall gewinnen.

Schachmatt im Namen des Volkes.

Rico

"No Courtroomdrama!" . Mit diesem längst klassischen Angstschrei haben seit vielen Jahren Hollywoodproduzenten ihre Skepsis gegenüber einem Filmgenre zum Ausdruck gebracht, das zu den uramerikanischsten zählt. Aber trotz ökonomischer und vor allem auch künstlerischer Höhenflüge div. Gerichtsfilme, warnen die Geldgeber beharrlich. Vielleicht ist ihnen ja der ewige Kampf -Gut gegen Böse- auf dieser Ebene zu unmystisch oder einfach nur zu wenig spektakulär. Und in der Tat wird vor Gericht ja meistens, trotz gelegentlich lauter Worte, viel Wert auf die leise Zwischentöne gelegt. Eine Auseinandersetzung vor Gericht ist umso interessanter, je subtiler sie geführt wird. Im Kino ist dies im besten Fall dann der Moment großer Schauspielkunst oder raffinierter Geschichten. Für den vorliegenden Gerichtsfilm "Zivilprozess" gilt dies allerdings nur bedingt.

Der Anwalt Jan Schlichtmann, Chef einer mittleren Kanzelei mit drei weiteren Anwälten, ist ein typischer Vertreter seiner Zunft: unnahbar, karrierebewußt und zynisch. Der Kanzelei wird ein Fall angeboten, den schon eine Reihe von Kollegen dankend abgelehnt haben. In einem kleinen Ort in New England sind etliche Kinder an Leukämie gestorben. Die Eltern sind überzeugt, daß verschmutztes Grundwasser die Ursache ist. Zwei Unternehmen aus der Gegend sollen giftige Lösungsmittel in den Fluß geleitet haben. Die Familien wollen nun die Verantwortlichen für den Tod ihrer Kinder zur Rechenschaft ziehen.

Schlicht wittert da zurecht einen komplizierten Zivilprozess, bei dem seine Firma in erhebliche finanzielle Vorleistungen (Gutachter etc.) gehen müßte, ohne sicher sein zu können, einen akzeptablen Gewinn zu machen. Doch dann stellt sich heraus, daß die vermeintlichen Verursacher zu einem großen Konzern gehören und somit potentielle Vergleichssummen (denn um einen finanziellen Vergleich geht es in der Regel bei Zivilprozessen) vorhanden sind. Schlichtmann stürzt sich in den Fall und verfängt sich alsbald in einem immer undurchsichtiger werdenden Gestrüpp juristischer Winkelzüge und Haarspaltereien.

Im Verlauf der Voruntersuchungen und der verschiedenen Prozessstadien droht Schlichtmann und seiner Kanzelei der Ruin. Mittlerweile jedoch ist aus dem eiskalten und zynischen Juristen ein nachdenklicher Kämpfer für Gerechtigkeit geworden, der sich in den Fall festgebissen hat und nicht daran denkt, sich von einem ganzen Heer von Prozessgegnern einschüchtern zu lassen.

"Zivilprozess" ist ein Gerichtsfilm, der nur in Maßen gelungen ist. Zum einen fehlen der Geschichte die überraschende Wendungen, zu absehbar wird der Fall runtergespult. Zum anderen ist zum ersten Mal in den 90ern John Travolta eine Enttäuschung. Er verläßt sich ganz auf seine Leinwandpräsenz und spult seine Rolle routiniert, um nicht zu sagen gelangweilt herunter. Ganz im Gegensatz übrigens zu Robert Duval, seinem Gegenspieler, der seinem Part genau die Aura von Geheimnis verleiht, in der große Schauspielkunst am besten gedeiht. Dafür gab's zurecht eine Oscarnominierung. Eine weitere, und nicht minder zurecht, erhielt die Kameraarbeit. Womit wir beim großen Plus des Film wären, der über weite Teile besticht durch eindrucksvolle Bildkompositionen, eine gelungene Farbdramaturgie und einen Schnittrhythmus, der es immer wieder versteht, die Aufmerksamkeit des Zuschauers vom gerade gesagten Wort auf markante Kleinigkeiten am Rand zu lenken. Erfreulich ist auch, daß von der offensichtlich komplizierten juristischen Materie nur das unmittelbar zum Verständnis wichtige in den Film gepackt wurde. Dafür bricht sich dann an Stellen, wo man es wahrlich nicht erwartet hätte, immer wieder ein erfrischende Humor Bahn.




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