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Wenn der Postmann gar nicht klingelt
Wenn der Postmann gar nicht klingelt

Kritik: Wenn der Postmann gar nicht klingelt (1996)


Ein Film endet im nächtlichen Oslo. Nur wenige Lichter brennen noch in den Wohnanlagen, auf einer nach rechts abknickenden Straße ist kein Fahrzeug mehr unterwegs. Nur eine Laterne erhellt den regennassen Teer. Eine Frau läuft mitten auf der Straße, entfernt sich. In kurzem Abstand folgt ihr ein Mann. Beide haben sich anscheinend nichts mehr zu sagen. Noch wenige Augenblicke vorher fragte sie ihn: "Wie lange willst Du mir noch hinterher laufen?" Unschlüssig und unsicher antwortete er: "Ich weiß nicht genau." und erinnert sich an die minutenfrische Ohrfeige.

Irgend etwas hat er wohl falsch angepackt. Übrigens, er heißt Roy und ist Briefträger. Bis zum bitteren Ende hat er Line eigentlich nur Gutes getan. Das Leben hat er ihr gerettet, aus der Hand bösartiger Schläger hat er sie befreit. Doch auch in Norwegen ist anscheinend Undank der Welt Lohn, oder? Nun, so ganz unschuldig an der Misere ist er nun doch nicht. Roy konnte den Versuchungen seines Berufes nicht widerstehen. Er hat Briefumschläge geöffnet und neugierig deren Inhalt studiert. Auch in Lines Leben hat er sich auf etwas unkonventionelle Art eingeschlichen. Der vergessene Schlüsselbund von Line am Briefkasten und eine Doublette verschafften Roy heimlichen Zutritt in die Wohnung der Frau, die ihn seit der ersten Begegnung so faszinierte. Line hat blasse Haut und rötliche Haare. Und nicht zuletzt ihre Second-Hand-Klamotten machen sie fast liebenswert schmuddelig.

Liebenswert schmuddelig ist auch das Regiedebut des Norwegers Pal Sletaune, dem mit seiner Geschichte um den Postboten Roy ein Film gelungen ist, der nicht selten an die unvergleichliche Mischung aus Tristesse und Komik seines skandinavischen Kollegen Aki Kaurismäki ("Leningrad Cowboys") erinnert. Mit kauzigen Dialogen, schnöden, neckischen Figuren und skurrilen Momenten in den tragischsten Situationen führt uns der Regisseur durch eine Stadtlandschaft, die trotz einer breit angelegten Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit nichts von ihrem Reiz verloren hat. Und nicht zuletzt aufgrund einer ausgefeilten Handlung und der atmosphärischen Bild- und Lichtinszenierung sollte man diesem Film eigentlich die Ehre erweisen, ihn mit dem englischen Titel in bester Erinnerung zu behalten. "Junk Mail" klingt doch schon ein bißchen besser als "Wenn der Postmann gar nicht klingelt", oder?





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