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Milos Forman mit 86 Jahren gestorben

Tscheche war zweifacher Oscar-Gewinner

Am 13. April ist Milos Forman im Alter von 86 Jahren nach kurzer Krankheit in einem Krankenhaus Danbury im US-Bundesstaat Connecticut gestorben. Der tschechische Regisseur ist Kino-Fans weltweit ein Begriff, denn mit "One Flew Over the Cuckoos Nest" und "Amadeus" hat er zwei Meisterwerke geschaffen, die bei Filmindustrie, Kritik und Publikum beliebt waren und zu den bekannteren Streifen, die den Oscar erhalten haben, zählen.

Ein Thema, das in diesen zwei Filmen eine Rolle spielt, zieht sich wie ein roter Faden durch das Gesamtwerk des Filmemachers: Die Rolle des Wahnsinns, ihr fließender Übergang zur Kreativität und zum Genie und ihr inheräntes Potential, Gesellschaft, Staat und geschlossenen Systemen wider den Stachel zu löcken. So zum Beispiel in den auf wahren Biographien beruhenden "The People vs Larry Flynt" mit Woody Harrelson als Larry Flynt oder "Man on the Moon" mit Jim Carrey als Andy Kaufman.

Milos wurde als Jan Tomáš Forman am 18. Februar 1932 im tschechischen Čáslav geboren. Er verlor seine Mutter 1943 im Vernichtungslagern Auschwitz und seinen Vater 1944 im Konzentrationslager Mittelbau-Dora durch Ermordung durch die Deutschen. Milos wurde von Verwandten erzogen und begeisterte sich als Jugendlicher für das Theater und den Film. Er studierte Drehbuchschreiben an der Akademie der Gestaltenden Künste in Prag.

Nach drei Dokumentarfilmen Anfang der sechziger Jahre gab er sein Regiedebut 1964 mit dem immer noch dokumentarisch angehauchten Drama "Cerný Petr" ("Der schwarze Peter"), der das Filmfestival von Locarno gewann. Gleich sein zweites Werk, die Komödie "Lásky jedné plavovlásky" ("Die Liebe einer Blondine") von 1965, machte ihn auch über die tschechischen Landesgrenzen hinaus bekannt, als diese 1967 für den Golden Globe und den Oscar als "Bester fremdsprachiger Film" nominiert wurde.

Zwei Jahre später wurde Milos' Komödie "Horí, má panenko" ("Der Feuerwehrball") aus dem Jahr 1967 erneut für den Academy Award nominert. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Regisseur seinem Heimatland unfreiwillig bereits den Rücken gekehrt. Die Niederschlagung des Prager Frühlings durch Truppen des Warschauer Pakts 1968 und das Verbot seines umstrittenen Films, dessen Satire manche als Angriff auf den Kommunismus verstanden, trieben den Künstler nach New York City. 1977 sollte er die amerikanische Staatsbürgerschaft annehmen.

In den USA drehte der damals 38-Jährige mit "Taking Off" eine weitere Komödie, die sich mit dem Generationenkonflikt zwischen einer nach persönlicher Freiheit und Freizügigkeit strebenden jungen Erwachsenen und deren in ihren Tradiertheiten verharrenden Eltern beschäftigte. Diese Produktion gewann zwar den Großen Preis der Jury bei den Filmfestspielen in Cannes - also sozusagen Silber - und war für nicht weniger als sechs Britische Filmpreise nominiert - darunter als "Bester Film" und für Forman's Regie und Drehbuch -, floppte aber schwer in den USA, so dass der Filmemacher erst vier Jahre später wieder mit einem Spielfilm auf die Leinwände kam, dann aber endgültig internationale Filmgeschichte schreiben sollte.

Es war Produzent Michael Douglas, der sich für Milos als Regisseur für "One Flew Over the Cuckoo's Nest" einsetzte, und dieser enttäuschte das in ihn gesetzte Vertrauen nicht. Die Literaturverfilmung begeisterte als ein weiteres Beispiel für die Meisterschaft des Filmemachers, in einem Mikrokosmos gesellschaftliche Themen und den Wandel gesellschaftlicher Werte und Normen sowie die Konfrontation unterschiedlicher Wertesysteme leidenschaftlich zu bündeln. Das Drama wurde 1975 ein gigantischer Erfolg beim Publikum und schaffte es ein Jahr später bei den Academy Awards, als erst zweiter Streifen nach "It Happened One Night" von 1934 die fünf wichtigsten Oscars zu gewinnen: Als Film, für Regie, Drehbuch, Hauptdarstellerin Louise Fletcher und Hauptdarsteller Jack Nicholson. Neben dem Oscar gewann Milos auch den Golden Globe und den Britischen Filmpreis für seine Inszenierung.

Nach diesem Triumph eröffnete Hollywood dem Tschechen freie Wahl für sein nächstes Projekt, und Forman entschied sich, einen lange gehegten Wunsch zu verwirklichen, indem er das Broadway-Musical "Hair" aus dem Jahr 1968 auf die Leinwand brachte. Wieder spiegelte eines seiner Werke den Zeitgeist der Gegenkultur, wenn auch mit weniger Resonanz als zehn Jahre zuvor auf der Bühne; das Musical floppte beim Publikum trotz guter Kritiken und einer Golden Globes-Nominierung als "Bester Film".

Seinem nächsten Film "Ragtime" erging es ähnlich: Das Drama, das in New York City Anfang des 20. Jahrhunderts spielt und sich unter anderem mit der Rassenfrage auseinander setzt, wurde von den Kritikern gelobt und erhielt Nominierungen für gleich acht Oscars, sieben Golden Globes und einen Britischen Filmpreis, fiel aber an den Kinokassen durch. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von E. L. Doctorow aus dem Jahr 1975 markiert den letzten Leinwandauftritt von James Cagney.

Gleichermaßen Erfolg bei Kritik und Publikum im triumphalen Ausmaß wurde dann aber seinem 1984 startenden "Amadeus" zuteil. Die aufwendige, unterhaltsame und beeindruckende Adaption des gleichnamigen Theaterstücks von Peter Shaffer aus dem Jahr 1979 zeigt wieder den Kampf zwischen Konformität und Nonkonformität und ein Genie am Rande des Wahnsinns. Am Ende konnte das Drama acht Oscars - darunter als "Bester Film", für Regie, Drehbuch und Hauptdarsteller F. Murray Abraham - vier Golden Globes in den gleichen Kategorien und vier Britische Filmpreise erringen.

Mit seinem nächsten Werk "Valmont" hatte Forman Pech. Seine Adaption des französischen Romans "Les Liasons Dangereuses" von Choderlos de Laclos aus dem Jahr 1782 kam ein Jahr nach dem erfolgreichen "Dangerous Liasons" in die Lichtspielhäuser und konnte nicht mit diesem mithalten. Bei nur gemischten Kritiken - das erste Mal in der Karriere des Künstlers, dass die Presse nicht überwiegend hinter einem seiner Filme stand - floppte diese Version schwer, wobei es Annette Bening und Colin Firth nicht vermochten, aus dem Schatten ihrer Vorgänger Glenn Close und John Malkovich zu treten. Nur Kostümbildner Theodor Pistek konnte sich über Nennungen beim Academy Award und den Britischen Filmpreisen freuen.

Nun sollten sieben Jahre vergehen, bis sich Forman formidabel auf der Filmbühne zurückmeldete. "The People vs Larry Flynt" passte sich besser in seinen cineastischen Lebenslauf ein: Der Pornographie-Verleger Larry Flynt wird in der Version des Regisseurs zu einem Advokaten des Rechts auf freie Meinungsäußerung. Das war nicht umumstritten, aber die Kritiker und die Zuschauer hatte er mit diesem Drama wieder auf seiner Seite. Auch die Preisweihen kehrten mit dem Goldenen Bären bei der Berlinale sowie zwei Oscar-Nominierungen für seine Regie und Hauptdarsteller Woody Harrelson zurück. Bei den Golden Globes gewannen Regie und Drehbuch.

1999 folgte mit "Man on the Moon" ein weiteres Drama über eine umstrittene Figur der US-Zeitgeschichte: Jim Carrey, der mit dem Golden Globe ausgezeichnet wurde, brillierte in der Rolle des Komikers Andy Kaufman. Bei den Kritikern kam die ansonsten ziemlich schablonenhafte Filmbiographie unterschiedlich an, und beim Publikum floppte der Film. Bei der Berlinale gewann Forman für seine Regie den Silbernen Bären.

Sein letzter Film ist seine möglicherweise unbekannteste US-Produktion: In "Ghosts of Goya" zeichnete Milos mit Javier Bardem in der Titelrolle eine fiktive Episode aus dem Leben des spanischen Malers Francisco Goya nach. Erstmals wurde ein Streifen des Tschechen komplett verrissen, und nur wenige Zuschauer haben das in Spanien gedrehte Drama gesehen.

Forman trat in Nebenrollen auch vor der Kamera in Erscheinung, so zum Beispiel in der Komödie "Heartburn" ("Sodbrennen") von 1986 oder in der Komödie "Keeping the Faith" ("Glauben ist alles") von 2000.

Milos Forman war in erster Ehe von 1958 bis 1962 mit der Schauspielerin Jana Brejchová verheiratet. Aus seiner zweiten 1964 geschlossenen und 1999 geschiedenen Ehe mit der Schauspielerin Věra Křesadlová gingen die Zwillinge Matej und Petr Forman hervor, die beide als Schauspieler tätig sind. Seit 1999 war er mit seiner dritten Frau, der Schriftstellerin Martina Zbořilová, verheiratet, mit der er zwei weitere Söhne, ebenfalls Zwillinge, hatte.


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