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Kritik: Staudamm (2012)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Lange hatte man den Eindruck dass Amokläufe mehr ein amerikanisches Phänomen sind. Doch seit den Amokläufen von Erfurt bis Winnenden ist deutlich geworden, dass dieses Problem längst in Deutschland angekommen ist. In den USA drehte Gus Van Sant mit "Elephant" bereits 2003 einen Film zu einem realen Amoklauf, nämlich dem Massaker an der Columbine High School. Doch erst eine Dekade später bringen der Regisseur Thomas Sieben und sein Koautor und Produzent Christian Lyra mit ihrem Film "Staudamm" den ersten deutschen Beitrag zum Thema in die Kinos. Erfreulicherweise übertragen sie nicht einfach das große amerikanische Vorbild auf hiesige Verhältnisse, sondern haben einen ganz anderen und sehr eigenständigen Zugang zum Thema gefunden. "Staudamm" basiert zwar auf jahrelangen intensiven Recherchen, doch die daraus resultierende Handlung an sich ist rein fiktiv. Und während "Elephant" den Amoklauf an sich und die Zeit direkt davor behandelte, fragt der ein Jahr nach der Tat spielende "Staudamm" nach den Folgewirkungen für die Hinterbliebenen.

In "Staudamm" taucht der Zuschauer gemeinsam mit Roman immer weiter in die schwere Thematik ein. Dabei ist die äußere Handlung sehr reduziert und die Dinge entwickeln sich auch nur sehr langsam. Dafür ist der Film sehr genau in der Beobachtung auch kleinster Details und selbst die kalte Voralpenwinterlandschaft wird zu einer mit zahlreichen Bedeutungen aufgeladenen Projektionsfläche für Dinge, die sich nur schwer mit Worten ausdrücken lassen. Diese stumme Winterlandschaft verweist auf die große Leere, die der Amoklauf im Ort zurückgelassen hat. Konkret sind dies all die erschossenen Menschen, die nun ihren Familien und Freunden fehlen. Es ist aber auch die große innere Leere des bleibenden Traumas der Überlebenden, die trotz allem irgendwie weitermachen müssen. Nicht zuletzt spiegelt die kalte, weite Landschaft auch die große Leerstelle, die sich auf der Suche nach einem greifbaren Auslöser für die monströse Tat auftut. Gegen Ende wird durch einen dramaturgischen Trick zwar etwas von den Motiven des Täters aufgedeckt. Doch wirklich verständlich wird seine Tat auch dadurch nicht.

Mag auch diese letzte Wendung durchaus diskussionswürdig sein, so funktioniert die Liebesgeschichte zwischen Roman und Laura ausgesprochen gut. Das liegt zum einen an den äußerst lebensnahen Dialogen des Drehbuchs. Das liegt aber auch ganz besonders an dem sehr natürlichen Spiel von Friedrich Mücke als Roman und von Liv Lisa Fries als Laura. Dies ist auch keine Romanze, die rein willkürlich in die Handlung gezwängt wurde. Roman braucht die lebendige Laura, um sich aus seiner inneren Verkapselung zu befreien und Laura braucht Roman um langsam ihr eigenes Trauma überwinden zu können und somit für eine neue Perspektive für ihr Leben frei zu werden. Für all diese inneren Aufstauungen steht auch der titelgebende Staudamm. Konkret handelt es sich um den realen Staudamm in der Nähe des Ortes, an dem der Amoklauf mit der Erschießung des Täters sein Ende fand. Laura zufolge schien es so, als habe der Täter den Staudamm selbst als Endpunkt seiner Tat auserwählt. Somit erscheint dieser Staudamm insbesondere auch als ein Bild für all die im späteren Amokläufer aufgestauten Gedanken und Gefühle, die sich schließlich in der fatalen Tat entladen haben.

Fazit: "Staudamm" beweist, dass weniger tatsächlich manchmal mehr sein kann. In diesem Film entspricht die starke äußere Reduktion einer großen inneren Vielschichtigkeit. Dies ist ein starker Beitrag zu einem schwierigen Thema, dessen filmische Aufarbeitung in Deutschland seit langem überfällig war.





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