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Kritik: Anomalisa (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Charlie Kaufman hat die Drehbücher zu "Being John Malkovich", "Adaptation" und "Eternal Sunshine of a Spotless Mind" geschrieben, bei "Synecdoche, New York" zudem Regie geführt. Dennoch konnte er für seinen neuen Film "Anomalisa" keine Finanzierung bekommen – und hat ihn gecrowdfundet. Mit 400.000 Dollar hat er nun einen Film gemacht, der nicht nur überragende Kritiken erhalten hat und für einen Oscar nominiert ist, sondern zudem in seiner Einfachheit eine große Tiefe entwickelt. Daran zeigt sich wieder einmal, dass große Filme nicht unbedingt ein großes Budget brauchen – wenngleich es die Arbeit natürlich erleichtert.

Michael Stone schreibt Ratgeber für Menschen, die im "Customer Service" arbeiten – eines der größten Arbeitsgebiete in den USA. Sein Buch hat schon vielen geholfen, ihre Quote zu erhöhen und Karriere zu machen, Michael hat es dadurch immerhin zu einem Haus in Kalifornien und einer gewissen Berühmtheit gebracht. Nun fliegt er nach Cincinnati zu einem Kongress, um dort über die Regeln des Kundenservice zu sprechen. Eigentlich müsste er also zufrieden sein, doch Michael hat ein Problem: Vom Hotelportier über seinen Sohn bis ihn zu seiner ehemaligen Freundin sehen alle Menschen für ihn aus wie er, sie sprechen sogar mit seiner Stimme. Noch dazu sind alle unfassbar höflich, aber ihre Zuvorkommenheit hat für ihn fast schon bedrohliche Züge. Niemand ist anders in Michaels Wahrnehmung, alle sind gleich – und er verzweifelt in dieser öden Welt zusehends. Dann hört er plötzlich auf dem Hotelflur vor seinem Zimmer eine Stimme, die anders ist. Sie gehört zu Lisa, die mit einem eigenen Gesicht und einer eigenen Stimme ganz und gar nicht der Normalität in Michaels Welt entspricht: sie ist Anoma-Lisa. Unbedingt will Michael sie kennenlernen, sie erscheint als sein Rettungsanker, den er halten, den er umklammern will, erst in Gespräche, dann in einer gemeinsamen Nacht.

Charlie Kaufman markiert in "Anomalisa" eine Welt, in der sich alle Menschen im Rahmen der Selbstoptimierung erst von ihren Macken und Eigenheiten, dann Meinungen und Gefühlen verabschiedet haben. Sie wollen alle dem selben Ideal des freundlichen, zuvorkommenden Menschen entsprechen, der erfolgreich und effektiv ist. Es ist eine oberflächliche Welt, in der hinter der freundlichen Fassade nichts mehr steckt. Deshalb ist Lisa auch nicht einfach ein weiteres ungeschicktes, unsicheres Mädchen, das man aus vielen romantischen Komödien kennt und dessen Unsicherheiten von einem Mann gemildert werden müssen. Nein, sie spürt, dass sie in dieser Welt auffällt, dass sie anders ist – und sieht es inmitten der Angepassten als Fehler an. Denn schon längst hat kaum jemand mehr das Selbstbewusstsein oder den Willen, anders zu sein. Aber diese Welt, auf die wir uns zu bewegen – oder vielleicht sogar schon erreicht haben – und langweilig, eintönig und auch bedrohlich.

Sicher ist die Geschichte des Films nicht allzu neu, auch könnte sie in wesentlich kürzerer Form erzählt werden. Aber Kaufman lotet die Höhen und Tiefen des Menschseins aus – in einem Stop-Motion-Film, dessen Figuren Puppen sind, die einen großen humanen Kern enthalten. Und das macht "Anomalisa" zu einem berührenden Film.

Fazit: "Anomalisa" ist ein hinreißend-schmerzlicher Film über und für eine Welt, die mehr Anderssein braucht.





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