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Kritik: Freunde fürs Leben (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Männer tun sich traditionell schwer mit Gefühlen, und das ist auch in diesem verhaltenen, von Humor durchzogenen Drama des spanischen Regisseurs Cesc Gay ("Ein Freitag in Barcelona") nicht anders. Tomás, der mit seiner Familie in Kanada lebt, wurde von seiner Frau nach Madrid geschickt, um sich von seinem todgeweihten Freund zu verabschieden. Der Mann ist noch lange nicht bettlägerig, aber er weiß, dass er den Krebs nicht besiegen kann. Die Freunde verbringen vier Tage zusammen und tun dabei so, als wären sie nicht auf der Suche nach den richtigen Worten. Die Erledigungen, die Julián zu tätigen hat, bieten ihnen ein Programm, das sie durch ein wenig Spaß, Spontaneität und sogar Streit ergänzen. Ihr Understatement verwenden sie als Schutzschild gegen den Schmerz. So erzählt dieser kleine, aber gelungene Film auf völlig ungewohnte Weise vom Abschiednehmen, nämlich ohne den Kinosaal in ein Tränenmeer zu verwandeln.

Julián, der als Schauspieler immer noch auf der Bühne steht, kämpft mit sich, gegen seinen aufkeimenden Zynismus und die dünner werdende Haut. Er stellt einen ehemaligen Kollegen zur Rede, der ihn im Restaurant übersehen will. Tomás ist die Empfindlichkeit seines Freundes oft peinlich, ihm geht Haltung über alles. Er sieht ihn an, als würde er ihm sagen wollen, "mach dich mal locker!". Und tatsächlich tut Tomás' Gesellschaft dem Freund gut und gibt ihm Halt. Julián reagiert höchst empfindlich auf seine Ratschläge, sagt ihm aber offen, dass er finanzielle Unterstützung brauchen könnte. Über das Bezahlen, zum Beispiel im Restaurant, findet Tomás einen ritterlichen Weg, seine Gefühle auszudrücken. Aber das Thema wird auch dezent auf seinen komödiantischen Gehalt abgeklopft, wenn Juliáns Wünsche einmal doch zu extravagant klingen für Tomás, der einen soliden Umgang mit Geld gewöhnt ist.

Javier Cámara mit seiner vielsagenden Zurückhaltung und Ricardo Darín, der das Herz eher auf der Zunge trägt, sich aber so sehr bemüht, der umgängliche Kumpel zu bleiben, harmonieren hervorragend. Je länger sie spielen, desto mehr Tiefe erhalten ihre Charaktere, fast so, als hätte das Publikum sie persönlich kennen gelernt und ins Herz geschlossen. Tomás und Julián passen sich die Bälle zu und probieren dabei aus, wie das Spiel funktionieren könnte. Kein Dialog, kein Moment ist für die Ewigkeit gedacht, und doch schwingt das Unaussprechliche immer mit. Es ist sehr inspirierend, bewegend und unterhaltsam, wie die Charaktere hier versuchen, es durch Beiläufigkeit auf ein menschliches Maß herunterzubiegen.

Fazit: Das große Drama liegt den beiden Freunden nicht, die sich in Madrid ein letztes Mal begegnen, bevor der eine von ihnen an Krebs sterben wird. Die hervorragenden Hauptdarsteller verwandeln das humorvolle Understatement ihrer Figuren in einen glaubwürdigen Clinch mit der Realität. So gelingt dem sehenswerten Film der scheinbar paradoxe Weg ins Tiefgründige über die leichte Unterhaltung.





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