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Madame Marguerite oder Die Kunst der schiefen Töne
Madame Marguerite oder Die Kunst der schiefen Töne
© Concorde

Kritik: Madame Marguerite oder Die Kunst der schiefen Töne (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die Tragikomödie des französischen Regisseurs Xavier Giannoli ("Chanson d'amour") ist inspiriert von einer wahren Person: Die 1944 verstorbene amerikanische Millionenerbin Florence Foster Jenkins sang begeistert Opernarien vor Publikum, ohne die Töne zu treffen. Es gab sogar Schallplatten-Aufnahmen von ihr und ein ausverkauftes Konzert in der New Yorker Carnegie Hall. Giannoli verlegt die Handlung ins Frankreich der Goldenen Zwanziger. Die unfassbar reiche Baronin Marguerite Dumont ist es gewohnt, alles zu bekommen, was sie sich wünscht, einschließlich der Anerkennung der Zuhörer, wenn sie falsch singt. Sie weiß natürlich nicht, dass sie sich zum Gespött macht. In gewagten Kostümen lässt sie sich als Operndiva von ihrem Butler Madelbos (Denis Mpunga) ablichten. Er führt die Riege derjenigen an, die sie in ihrem Dünkel bestärken. Das Wichtigste aber kann sich Marguerite nicht ersingen: die Liebe ihres Mannes Georges, der seine Verachtung für sie still hinunterschluckt und sich in die Arme seiner Geliebten flüchtet.

So handelt die Geschichte im Kern von einer unglücklichen Liebe. Georges erscheint lange als der herzlose Ehemann, der Marguerites unermüdliches Werben ignoriert. Aber je mehr sich seine Frau in die Kunst des Operngesangs flüchtet, desto stärker nimmt er Anteil an ihrem Drama. Dass er ihr die Wahrheit nicht sagen kann, hat zunehmend etwas mit Liebe zu tun. Marguerites Leben ist eines der großen Posen, der freien, ungefilterten Gefühle. Sie wird selbst zu einer dieser Opernfiguren, die mit ihrem reinen Herzen dazu bestimmt zu sein scheinen, an der kleinlichen, boshaften Welt zu zerschellen. Das rührt ihre Wegbegleiter, die sie zwar spöttisch oder mitleidig betrachten, sie gleichzeitig aber auch ungläubig bewundern.

Marguerite wird hervorragend gespielt von Catherine Frot. Sie ist eine Seele von Mensch und zugleich eine lächerlich verstiegene Nervensäge. Der unglaublich falsche Gesang stammt nicht von Catherine Frot, sie bewegt dazu nur die Lippen. Wie als spöttische Begleitung schreit Marguerites Pfau, den sie Caruso nennt, regelmäßig seinen schneidenden Ruf dazwischen. Als Kostümfilm zeichnet die Inszenierung die verschiedenen Milieus der Epoche – den alten Adel, die künstlerische Avantgarde - opulent, besonders auch ihren Flirt mit dem Abgründigen. Hier haben viele einen Sprung in der Schüssel, aber nur Marguerite, die Anführerin der Narren, besitzt das Format zur Bühnenheldin. Giannolis Film ist im Grunde traurig und dabei merkwürdig ergreifend.

Fazit: Die Tragikomödie über eine selbsternannte Operndiva, die nicht merkt, dass sie gar nicht singen kann, und der niemand die Wahrheit sagt, tanzt auf einem schmalen Grat zwischen berührendem Drama und Jahrmarkt-Skurrilität. Catherine Frot spielt die von einer realen Person inspirierte Titelfigur, die sich in den ausschweifenden Goldenen Zwanzigern konsequent in eine rettungslose Bühnenheldin verwandelt, hervorragend und mit viel Herz.





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