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Kritik: Valley of Love - Tal der Liebe (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Nach dem gewitzten Vexierspiel "Die Entführung des Michel Houellebecq", das 2014 auf der Berlinale seine Premiere feierte, lässt der französische Filmemacher Guillaume Nicloux auch in seiner neuen Regiearbeit Fiktion und Wirklichkeit ineinanderfließen. "Valley of Love – Tal der Liebe" erzählt von den Schauspielern Isabelle und Gérard, die nicht zufällig dieselben Vornamen tragen wie ihre Darsteller. Weitere Parallelen auf inhaltlicher Ebene laden den Film mit zusätzlicher Bedeutung auf. Nicht nur die beiden Protagonisten treffen hier Jahrzehnte nach ihrer Scheidung aufeinander, sondern auch die Kinoschwergewichte Isabelle Huppert und Gérard Depardieu sind erstmals seit "Der Loulou" aus dem Jahr 1980 wieder gemeinsam auf der großen Leinwand zu sehen. Ein anderer Bezugspunkt könnte der handlungsauslösende Tod des Kindes sein, der unter Umständen Depardieus persönliche Erfahrung spiegelt. Immerhin verstarb sein talentierter, ebenfalls schauspielernder Sohn Guillaume 2008 an den Folgen einer akuten Lungenentzündung.

Was auf den ersten Blick nach einem verkopften Verwirrspiel zwischen inner- und außerfilmischer Realität klingen mag, erweist sich als ergreifendes Trauerdrama, das existenzielle Fragen umkreist und von der kraftvollen Interaktion seiner Hauptdarsteller zehrt. Kaum zu glauben, wie nuanciert Huppert und Depardieu die unterschiedlichen Gefühlslagen ihrer Figuren zum Ausdruck bringen. Wie selbstverständlich die beiden Stars von komischen zu tragischen und nachdenklichen Momenten wechseln. Und wie glaubhaft sie das Bild eines Ex-Ehepaars zeichnen, das sich zunächst in Diskussionen aufreibt. Optisch bilden die zarte Frau und der Koloss krasse Gegenpole. Und doch wirkt die alte Vertrautheit, die sich langsam einstellt, alles andere als aufgesetzt.

Während auf Handlungsebene herzlich wenig passiert, betont Nicloux mit Nachdruck, dass der letzte Wunsch des toten Sohnes einem großen Kraftakt gleichkommt. Selbst das Sitzen und Reden geht in der brütenden Wüstenhitze an die Substanz, was besonders Gérard anzusehen ist. Ständig rinnt ihm der Schweiß über die Stirn. Andauernd kleben seine Haare am Kopf. Regelmäßig zeichnen sich Flecken auf seinen Hemden ab. Und immer wieder trägt Depardieu seinen imposanten nackten Bauch zur Schau. Der Film inszeniert eine beachtliche Körperlichkeit, die einige Kritiker als ausbeuterisch gebrandmarkt haben. Allerdings lässt gerade diese Darstellungsweise den Zuschauer das flirrende Klima konkret nachempfinden, das die trauernden Eltern im Death Valley umgibt. Und nebenbei bemerkt, hat es nicht den Anschein, als fühle sich Depardieu unwohl in seiner Haut. Vielmehr spielt der Vollblutmime bewusst mit seinem Image als Lebemann, das in seinem wuchtigen Erscheinungsbild zum Ausdruck kommt.

Dass "Valley of Love" berühren und faszinieren kann, liegt freilich auch am monumentalen Setting, in das der Regisseur seine Hauptfiguren wirft. Zwei Franzosen, die ihren Sohn verloren haben, stapfen durch eine Landschaft aus Geröll, Staub und Steinen. Fahren über endlose wirkende Straßen. Und sind fortlaufend gleißendem Licht ausgesetzt. Ein beinahe unwirklicher Ort, an dem jede Geste zusätzliches Gewicht bekommt. Und die Annäherung der früheren Eheleute eine poetische Note erhält.

Geschmälert wird der positive Eindruck durch Unstimmigkeiten wie das klischiert gezeichnete US-Paar, mit dem die beiden Ausländer in der Hotelanlage zu Abend essen. Unverständlich ist auch, warum Nicloux an einer Stelle eine behinderte Frau auftauchen lässt, die Gérard merkwürdige Prophezeiungen mit auf den Weg gibt. Überhaupt hat das Drama die zunehmend esoterischen Anflüge keineswegs nötig. Und doch scheinen sie dem Regisseur besonders am Herzen zu liegen. Das zeigt auch ein Blick ins Presseheft, wo sich der französische Filmemacher seltsam verschwurbelt zu seinem Werk und den Beweggründen äußert. Weniger wäre in diesem Fall sicher mehr gewesen!

Fazit: Großes Schauspielerkino trifft auf überflüssiges Esoterikgehabe, das die Handlung zum Ende hin banal erscheinen lässt, nicht aber die Ausdruckskraft der beiden Stars beschädigt. Isabelle Huppert und Gérard Depardieu verschreiben sich ihren Rollen mit Haut und Haaren und spielen gewitzt mit ihrem Image und der gemeinsamen filmischen Vergangenheit.





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