VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Die Mitte der Welt
Die Mitte der Welt
© Universum Film

Kritik: Die Mitte der Welt (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Dem österreichischen Regisseur Jakob M. Erwa ist mit diesem Jugendfilm eine hervorragende Adaption des gleichnamigen Romans von Andreas Steinhöfel gelungen. Die bewegende Coming-of-Age-Geschichte eines Siebzehnjährigen, in dessen Familie es ungelöste Geheimnisse und gravierende schuldhafte Verstrickungen gibt, wird auch stilistisch sehr spannend und inspiriert erzählt. Von den 115 Minuten, die dieses in die Wehmut des Erwachsenwerdens getauchte Drama dauert, ist keine einzige zu lang.

Unglaublich, wie viel in dieser Geschichte passiert, die sich irgendwann sogar in einen Krimi zu verwandeln droht. Da sind zum einen die zartbitteren Kindheitserinnerungen Phils. Seine ein bisschen flippige, amerikanische Mutter Glass fand immer, die beiden Kinder hätten keinen Vater nötig. Die Männer, die kamen und gingen, waren nur für sie da. Das fehlende Verständnis, das Glass für sie aufbrachte, ersetzten die Zwillinge durch eine besonders innige Beziehung. Und nun, da sich Mutter und Dianne spinnefeind sind, versteht Phil die Welt nicht mehr. Alles, was ihm heute so durch den Kopf geht, weckt Erinnerungen an früher: Phil weiß instinktiv, dass er nach innen schauen muss, um sich im Hier und Jetzt zu orientieren. Und da ist diese intensive schwule Liebe zu Nicholas, die ihn so glücklich, aber auch so ängstlich macht... Die Handlung zieht ihre Kreise ohne Hast, aber wie von einer geheimen Kraft angezogen, die auf anstehende Entdeckungen verweist. Spannend ist im Grunde alles, was Phil widerfährt, weil es immer mitten durch sein Herz zu gehen scheint.

Louis Hofmann spielt den Hauptcharakter Phil sehr beeindruckend, vor allem weil er sich in Gefühlsdingen so ungeschützt und offen zeigt. Wenn er mit dem Rad im Wald unterwegs ist und sich die Kamera an seinen Rücken heftet, wirken die Aufnahmen irgendwie der Wirklichkeitsebene enthoben. Das Bild ist dann eher vor dem geistigen Auge dessen entstanden, der sich erinnert oder der innerlich so aufgewühlt ist, dass er durch einen Traum zu wandeln meint. Und auch für Phils Verliebtheit findet die Inszenierung wunderschöne Bilder, ein imaginäres, leuchtendes "Love You", auf Nicholas' Rücken geschrieben, oder Zeitlupenaufnahmen zu pulsierender Musik. Die so gut getroffene, konsequent subjektive Perspektive Phils, aus der die Geschichte erzählt wird, hebt den Jugendfilm weit über den Durchschnitt hinaus und gibt ihm eine Relevanz, die sich stimmig und zugleich wunderbar leicht anfühlt.

Fazit: Regisseur und Drehbuchautor Jakob M. Erwa ist eine hervorragende Verfilmung des gleichnamigen Jugendromans von Andreas Steinhöfel gelungen. Louis Hofmann spielt den Hauptcharakter Phil, der zwischen erster schwuler Liebe, einer lange schwelenden Familienkrise und der Sehnsucht nach dem unbekannten Vater um Orientierung ringt, bewegend verletzlich. Die Intensität jugendlichen Erlebens spiegelt sich auf wunderbare Weise im kreativen Einsatz stilistischer Mittel, die der Inszenierung eine ganz eigene Qualität verleihen.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.