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Der Wert des Menschen
Der Wert des Menschen
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Kritik: Der Wert des Menschen (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der französische Regisseur Stéphane Brizé ("Mademoiselle Chambon") hat ein durch und durch realistisches Sozialdrama inszeniert, das den Alltag eines arbeitssuchenden Mannes in beispielhaften Szenen aufblättert. Hauptdarsteller Vincent Lindon bekam für seine völlig unglamouröse Rolle des gedrückten, in sich gekehrten Thierry den Preis für den besten männlichen Schauspieler auf dem Filmfestival von Cannes 2015. Obwohl das ruhige Drama so unspektakulär in die Tristesse einer gewöhnlichen Erwerbsbiografie eintaucht, entwickelt es erstaunlich viel Spannung. Die zuweilen absurden und demütigenden Situationen, denen Thierry auf dem Arbeitsamt oder später in seinem Job als Kaufhausdetektiv ausgesetzt ist, haben einen hohen Wiedererkennungswert. Sie halten der modernen Gesellschaft den Spiegel vor, die den Menschen gerne unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten beurteilt.

Thierry ist schlecht rasiert und gibt auch sonst äußerlich zu erkennen, dass er in seinem Leben in letzter Zeit wenig Grund zur Freude hat. Dabei lässt sich der ernste Mann keineswegs gehen, im Gegenteil, er stellt einen geradezu unermüdlichen Eifer unter Beweis, um endlich wieder in Arbeit zu kommen. Er ist nicht mehr jung, aber auch deswegen hat er mehr Disziplin, Selbstbeherrschung und Anstand als viele seiner Gesprächspartner. Die Kamera versenkt sich in langen Einstellungen in scheinbar beiläufig aneinandergereihte Alltagsszenen, um sichtbar zu machen, wie Thierry mit sich und den subtilen Kränkungen ringt, die ihm widerfahren. In Bewerbungstrainings soll er lernen, sich perfekt zu verkaufen, freundlich und selbstbewusst wirken, aber wenn er mit der Bank spricht oder einem potenziellen Arbeitgeber, erlebt er, dass er so gut wie keinen Verhandlungsspielraum besitzt. Selbst auf den behinderten Sohn, der die letzte Schulklasse besucht, wird bereits Leistungs- und Anpassungsdruck ausgeübt, wie ein Schulgespräch zeigt, zu dem die Eltern geladen sind.

Thierry scheint sich nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit zu fühlen, oder herabgestuft zu einem Lernenden, der aufholen muss. Er spricht nicht mehr als nötig, nie sieht man ihn mit seiner Frau diskutieren. Das Ehepaar ist ein eingespieltes Team, es arbeitet einfach klaglos die Alltagspflichten ab und gönnt sich ein einziges Vergnügen: einen Tanzkurs. In dieser Szene erklingt Musik, aber wo sie nicht zur Handlung gehört, kippt sie der Film auch nicht über die Bilder. Lediglich die Schlussszene wird von dieser Dogma-Regel ausgenommen. Thierry hat dann seine Lektion gelernt, er hat begriffen, dass man ihn unterschätzt und dass Arbeit für ihn mehr als nur Geldverdienen ist.

Fazit: Der französische Regisseur Stéphane Brizé findet das Drama im Alltäglichen, wenn er Szenen aus dem Leben eines arbeitssuchenden Familienvaters aufblättert. Hauptdarsteller Vincent Lindon spielt ihn so zurückgenommen wie ausdrucksstark als eine Art Versuchsperson, die einer Gesellschaft ohne menschliches Augenmaß den Spiegel vorhält.





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